Der Angriff auf den Iran hat auch für den Westen sicherheitspolitische Folgen. Das Mullah-Regime hat eine sogenannte Fatwa erlassen. Terrorexperten warnen bei Euronews vor möglichen Anschlagswellen in Europa und Deutschland, das als ein Hotspot für Mullah-nahe Netzwerke gilt.
Der Angriff der USA und Israels auf den Iran sorgt für einen Ausnahmezustand im Nahen Osten. Doch auch für den Westen hat dies sicherheitspolitische Folgen. Nach dem Tod des Staatsoberhaupts Ali Chamenei hat das Mullah-Regime am 1. März eine Fatwa "an alle Muslime" und "als religiöse Pflicht" ausgerufen, um den "Märtyrertod" zu rächen.
Eine Fatwa ist ein religiöse Empfehlung durch einen meist hochrangigen islamischen Rechtsgelehrten. Sie ist für die Menschen verbindlich, die die religiöse Autorität des jeweiligen Gelehrten anerkennen.
Der iranische Großajatollah Nasser Makarem Schirasi betonte im Falle der jüngst ausgerufenen Fatwa: Die "Hauptverantwortlichen für dieses Verbrechen" seien die USA und Israel.
Solch eine Fatwa gleicht einem Aufruf zu Anschlägen, die den ganzen Westen betreffen könnten. Besonders Deutschland ist im Fokus, da es als Hotspot in Europa für Netzwerke der Mullahs und Revolutionsgarden (IRGC) gilt. Der Islamismus-Experte Heiko Heinisch sagt zu Euronews: "Ich schätze die Gefahr für spontane Einzeltäterattentate sowie für die Aktivierung von Schläfern relativ hoch ein."
Ebenso warnt der Terrorforscher Nicolas Stockhammer: "Die Fatwa des Mullah-Regimes ist ein Brandbeschleuniger für mögliche Attentate in Europa." Die Fatwa wirke auf "bereits vorhandene Netzwerke, Sympathisanten und hybride Akteure". Sie ziele auf eine "diffuse, transnationale Unterstützerbasis – vom organisierten Kern bis zum selbstradikalisierten Einzeltäter."
Und auch der Chef der Deutschen Bundespolizeigewerkschaft, Heiko Teggatz, Mitglied der CDU, meint zu Euronews: "Es ist nicht auszuschließen, dass der Iran Menschen in die ganze Welt schicken wird, um terroristische Anschläge auf israelische und amerikanische Einrichtungen zu verüben."
Nicht nur deutsche Behörden sind wachsam. Auch US-Behörden warnen aktuell vor erhöhter Bedrohung durch "lone wolf"-Attacken und Aktivierung von Sleeper Cells. In den USA und Kanada fanden bereits in den letzten Tagen Attacken statt. Die genauen Motive sind bisher unklar.
Auf ein Box-Fitnessstudio in Kanada, das von dem iranischen Dissidenten Salar Gholami betrieben wird, wurde ein Schuss-Angriff verübt. In Texas fand in einer Bar ein Schusswaffenangriff statt. Bei dem mutmaßlichen Täter handelt es sich um einen 53-jährigen Mann, der aus dem Senegal stammt. Er trug einen Pullover mit der Aufschrift "Property of Allah" und eine iranische Flagge gedruckt auf dem Unterhemd. Im Auto hatte er einen Koran liegen. Aktuell sind weitere Hintergründe unklar.Wie die New York Post berichtet, untersucht das FBI den Fall als potenziellen Terrorakt möglicherweise motiviert auch die US-Schläge den auf den Iran.
Irans Terrorzellen werden "vor allem in Europa aktiviert"
Dass nun sogenannte "Schläfer" in Europa geweckt werden oder spontane Einzeltäter einen Anschlag begehen, hält Stockhammer für wahrscheinlich. Vorhandene regimetreue Netzwerke im Westen "werden derzeit aktiviert, soviel steht fest", ist sich der österreichische Terrorexperte sicher.
"Eine Eskalation ist absolut denkbar und möglicherweise wird mit steigendem Druck gegen das Mullah-Regime eine stärkere Hinwendung dieser Strukturen zu terroristischen Mitteln erfolgen. Vor allem in Europa", so Stockhammer.
Die Möglichkeiten seien in Deutschland strukturell längst gelegt: "Bereits bestehende Strukturen der Revolutionsgarden und des iranischen Geheimdienstes in den Bundesländern Nordrhein-Westfalen und Bayern verfügen zweifellos über das Potenzial Anschlagsplanungen voranzutreiben."
Der Historiker Heiko Heinisch, der die Islamismus-Szene in Europa jahrelang erforscht hat, meint: "Wenn man sich aktuell anschaut, wie der Iran auf den Angriff der USA und Israels mit blindem Umsichschlagen reagiert – Raketenbeschüsse auf alle, egal ob involviert oder nicht –, gehe ich stark davon aus, dass der Iran auch Schläfer-Zellen und Netzwerke in Europa aktivieren wird."
Zudem könnten auch Zellen der Hisbollah und der Hamas in Europa zur Terrorgefahr werden. Seit 1979 gibt es in Europa "über 100 ausgeführte und vereitelte Anschläge, die man dem Iran zurechnen kann", erklärt Heinisch weiter. In den letzten Jahren haben die Zahlen deutlich zugenommen. "Allein ein MI5-Bericht von Ende 2024 schreibt von 20 versuchten iranischen Anschlägen seit Januar 2022 in Großbritannien, das sind 7 pro Jahr!" Die Netzwerke seien hier und völlig funktionsfähig.
Das Bundesinnenministerium (BMI) teilte Euronews mit: Alle Sicherheitsbehörden bewerten die Gefährdungslage "aufgrund der aktuellen Entwicklungen fortlaufend, sind hochwachsam und passen entsprechende Schutzmaßnahmen im Bedarfsfall an." Das Bundeskriminalamt unterstütze durch Lagebilder die Länder. Die Regierung verfolge die Entwicklungen im Nahen Osten genau.
Die Schläfer-Zellen der Mullahs in Deutschland
Es existiert ein enormes Netzwerk in Europa und Deutschland, das mit den Mullahs und der Islamischen Revolutionsgarde (IRGC) verbunden ist. Diese Zellen umfassen Spionage, Propaganda, Terrorplanung und die Nutzung krimineller Strukturen, oft koordiniert durch das iranische Ministerium für Nachrichtenwesen (MOIS) und die IRGC-Quds-Streitkräfte.
Sie zielen auf: Exil-Iraner, jüdische Einrichtungen, pro-israelische Gruppen und Regimekritiker ab. Die Aktivitäten haben seit 2023 zugenommen. Besonders im Bundesland Nordrhein-Westfalen sind die iranisch-islamistischen Zellen erheblich, aber auch Länder wie Hamburg und Bayern stehen im Fokus.
2022 warf beispielsweise der Täter Babak J. einen Molotow-Cocktail auf die Synagoge in Bochum, im Auftrag der IRGC. Im selben Jahr folgten Schüsse auf ein Rabinerhaus in Essen, dahinter steckte erneut die IRGC. Die Tat wurde zusammen mit Gangs der organisierten Kriminalität geplant.
Bayerns Innenminister: "Beobachten aufmerksam"
Das nordrhein-westfälische Innenministerium teilte auf Euronews-Anfrage mit, dass zwar Stand jetzt "keine Erkenntnisse oder Hinweise" vorliegen, welche eine konkrete Gefährdung begründen würden. Doch aufgrund der dynamischen Lage "ist eine Veränderung der Gefährdungslage und damit verbundene Neubewertung" jederzeit möglich.
Innenminister Herbert Reul (CDU) meint: "Wenn es neue Erkenntnisse gibt, reagieren wir sofort und erhöhen die Maßnahmen." Sein Ministerium sei aufgrund der Situation besonders sensibilisiert: "Internationale Konflikte machen an Landesgrenzen nicht halt."
Auch in Hamburg sind die radikalen Zellen stark, es war bis zum Verbot vieler radikalen Islamvereine 2024 die Drehscheibe für regimenahe Moscheen und Rekrutierungen. Erst 2025 wurde ein dänischer Staatsbürger festgenommen, weil er für das iranische Regime Anschlagsziele in Deutschland, darunter München, ausspionierte.
Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sagte zu Euronews: "Konkrete Gefährdungserkenntnisse liegen uns derzeit nicht vor." Aber "unsere Sicherheitsbehörden beobachten die Entwicklung aufmerksam". Das Bayerische Ministerium stehe "in engem Austausch" mit Bund, Ländern und Kommunen. Der Schutz jüdischer Personen sowie anderer potenziell Gefährdeter habe "oberste Priorität".
Polizeigewerkschaft fordert: Regierung soll "Aufnahmeprogramme aussetzen"
Der Polizeigewerkschaftler Heiko Teggatz drängt hingegen die Politik zum Handeln: „Wir müssen innenpolitisch wachsamer denn je sein."
Der Iran könne immer noch Terroristen, getarnt als Flüchtlinge, nach Europa und Deutschland schicken. "Wir sollten also keinesfalls mehr Menschen ins Land lassen, deren Identität nicht zweifelsfrei geklärt ist, und diejenigen, die bereits hier sind, ganz besonders beobachten."
Teggatz fordert: "Der Bundesregierung kann ich nur dringend empfehlen, sämtliche Aufnahmeprogramme, an denen für die Auswahl der Menschen NGOs beteiligt sind, umgehend auszusetzen. Konkret meine ich damit Afghanistan, Südsudan und Gaza."
Auch an den europäischen Außengrenzen "sollten die Einreisevoraussetzungen lageabhängig verschärft und Asylgesuche restriktiver behandelt" werden, meint er.
Historiker kritisiert Versäumnisse: "Deutschland kann jetzt nur noch hoffen"
Geht es nach dem Islamismus-Kenner Heiko Heinisch, kann Deutschland angesichts politischer Versäumnisse "nur noch hoffen". "Politische Maßnahmen hätten viel früher erfolgen müssen. Die Politik hätte viel früher auf die iranische Bedrohung reagieren, die Revolutionsgarden auf die Terrorliste setzen und alle Moscheen schließen müssen, die mit dem Mullah-Regime, den IRGC oder der Hisbollah in Verbindung stehen“, kritisiert Heinisch deutlich.
Obwohl der Iran seit 1979 in Terroraktivitäten in Europa verwickelt war, habe dies nie zu Konsequenzen geführt. "Stattdessen haben die europäischen Regierungen weiter mit dem Regime Geschäfte gemacht und verhandelt." Dies könnte sich jetzt als schwerer Fehler erweisen.
Heinisch weiter: "In der aktuellen Situation kann man nur noch hoffen, dass die Sicherheitsbehörden wissen, wen sie beobachten müssen, und dass Anschlagspläne rechtzeitig auffliegen und befreundete Geheimdienste wie der israelische oder der amerikanische uns weiterhin zeitnah warnen."
Auch nach der Schließung des "Islamischen Zentrums in Hamburg" (IZH) existieren in Europa weiterhin eine ganze Reihe von Moscheen, die unmittelbar dem iranischen Regime unterstehen.