Regisseur Martin Scorsese steht im Zentrum der Debatte über KI in Hollywood. Der 'Taxi Driver'- und 'Wolf of Wall Street'-Macher lobt ein KI-Tool als kreativ befreiend für die Vorproduktion.
Wie soll man Martin Scorsese böse sein?
Der 83-jährige Regisseur hinter Klassikern wie Taxi Driver, Raging Bull, Goodfellas, The Departed und Killers of the Flower Moon gehört zur absoluten Film-Elite. Über seine Filmografie hinaus gilt Scorsese als scharfsinniger Vorkämpfer des Kinos und als Verfechter des Dialogs durch Kunst.
Außerdem gehörte sein kurzer Stimmeinsatz in diesem Jahr in The Mandalorian And Grogu zu den besten Momenten des neuen Star-Wars-Films, und er ist sich nicht zu schade, auf Charli XCX’ neuem Albumcover aufzutauchen.
Trotzdem hat Scorsese nun öffentlich über den Einsatz von KI im Film gesprochen und das Tech-Unternehmen Black Forest Labs unterstützt – für viele ein klassischer „Deshalb können wir nichts Schönes haben“-Moment.
Der Oscarpreisträger wurde als „Berater“ des in Deutschland ansässigen Unternehmens vorgestellt – konkret für den Einsatz des Bildgenerierungsprogramms FLUX. Black Forest Labs, das sich selbst als „the frontier AI research lab for visual intelligence“ beschreibt, veröffentlichte ein Video der Zusammenarbeit samt Stellungnahme des Regisseurs.
„Seit 70 Jahren zeichne ich meine eigenen Storyboards“, beginnt Scorsese. „Es gab immer das Problem: Wie vermittle ich meinem Team, was ich im Kopf sehe? Bestimmte Dinge muss man sehen und fühlen. Mich interessiert die Schnittstelle von Technologie und Erzählen – und wie sie die Grenzen der Kreativität verschieben kann, um für das Publikum tiefere, reichere Erfahrungen zu schaffen.“
Er ergänzt: „Jetzt kann ich mit diesem Werkzeug meinen Produktionsdesigner, Artdesigner und meine Kamerafrau oder meinen Kameramann viel klarer und effizienter an meinen Visualisierungen teilhaben lassen. Sie können darauf aufbauen und so die filmische Intelligenz bereichern. Ich habe das kürzlich in einer Szene ausprobiert, und die Möglichkeit, das Storyboard sofort zu visualisieren und zu teilen, war kreativ befreiend. In der Vorproduktion kostet Zeit Geld, und dieses Tool erlaubt uns, schneller zu arbeiten, ohne Qualität oder Handwerk zu opfern.“
Das Video finden Sie unten:
Heftiger Gegenwind
Ganz überraschend kommt diese Unterstützung nicht. Scorsese hat neue Technologien schon früher aufgegriffen, etwa 3D für Hugo und De-Aging-Effekte für The Irishman.
Bei einer Pressekonferenz der Berlinale 2024 erinnerte Scorsese die Anwesenden zudem daran, wie jung das Medium Kino eigentlich ist.
Auf die Frage, ob das Kino sterbe, antwortete er: „Das Kino stirbt nicht, es verwandelt sich. Es war nie dazu gedacht, nur eine einzige Form zu haben. Wir waren es nur gewohnt. Als ich aufwuchs, ging man für einen Film ins Kino. Es war immer ein gemeinsames Erlebnis. Doch die Technologie hat sich rasant und erschöpfend verändert. In gewisser Weise bleibt einem nur die individuelle Stimme. Diese individuelle Stimme kann sich auf TikTok ausdrücken, in einem vierstündigen Film oder in einer zweistündigen Miniserie.“
Und er fügte damals hinzu: „Wir sollten uns von der Technologie nicht einschüchtern lassen.“
KI ist allerdings ein hochumstrittenes Thema in der Kunst, vor allem weil sie für Kreative eine existenzielle Bedrohung darstellen kann – insbesondere, wenn sie Menschen im Schaffensprozess ersetzt.
Hollywood hat „AI slop“ weitgehend abgelehnt, und die Gegenreaktion darauf, dass einer der ganz Großen des Kinos mit Black Forest Labs den Aufstieg der künstlichen Intelligenz unterstützt, ließ nicht lange auf sich warten.
Manche kramten Scorseses frühere Aussagen darüber hervor, dass Marvel-Filme kein Kino seien, und warfen ihm angesichts seiner KI-Unterstützung Heuchelei vor. Andere beschuldigten ihn, Künstlerinnen und Künstler „vor den Bus zu werfen“, sprachen von „Verrat“ und davon, dass seine Kooperation „so vielem widerspricht, wofür Scorsese in seiner gesamten Karriere gestanden hat“.
Karla Ortiz, die in der Art-Abteilung mehrerer Marvel-Filme wie Avengers: Endgame, Black Panther und Doctor Strange gearbeitet hat, schrieb: „Er wirft jede einzelne Storyboard-Künstlerin und jeden -Künstler, mit denen er je gearbeitet hat, unter den Bus und zerstört ihre Existenzgrundlage mit Modellen, die vermutlich genau mit deren Arbeiten trainiert wurden. Seine eigene Größe und Macht dafür zu nutzen, ist einfach nur widerlich.“
„Mein Tipp: Mit 83 haben sie seiner Familie einen Haufen Geld angeboten (die werfen dutzende Millionen links und rechts raus). Er wollte den Geldstrom für sie und denkt sich, ‚KI‘ wird sowieso auf die Nase fallen, also ist es ihm scheißegal …“, spekulierte der Filmemacher Boots Riley und legte nach: „Wenn das nicht stimmt, umso mehr Scheiß auf ihn.“
Einige Reaktionen finden Sie hier:
Es gab aber auch Stimmen, die Marty verteidigten. So schrieb jemand: „Wenn KI jemandem wie Scorsese hilft, seiner Kamerafrau oder seinem Kameramann oder seinem Produktionsteam schneller zu zeigen, was er sich vorstellt, sehe ich das Problem nicht.“
Eine andere Person hielt fest: „Er nutzt KI nicht, um das Kino zu ersetzen. Er verlangt von niemandem, sie zu verwenden. Er nutzt sie, um Ideen in der Vorproduktion schneller zu visualisieren – genau dort, wo so ein Werkzeug Sinn ergibt. Das ist nicht der Tod der Kunst.“
Trotz dieser Rückendeckung durch einige Fans bleibt Scorseses KI-Gütesiegel für viele ein bitterer Nachgeschmack.
In guter Gesellschaft?
Mit diesem Schritt reiht sich Scorsese in eine Reihe von Filmschaffenden ein, die den Einsatz von KI befürworten.
Guillermo Del Toro gehört definitiv nicht dazu.
Avatar-Schöpfer James Cameron ist 2024 in den Vorstand von Stability AI eingetreten und hat mehrfach erklärt, wie die Technologie Produktionsprozesse verschlanken könnte.
„Wir müssen herausfinden, wie wir die Kosten halbieren“, sagte Cameron vergangenes Jahr im Podcast „Boz to the Future“. „Dabei geht es nicht darum, die Hälfte der Belegschaft bei den Effektfirmen zu entlassen. Es geht darum, die Bearbeitungszeit für eine Einstellung zu halbieren, damit das Tempo steigt, der Durchsatz steigt und die Künstlerinnen und Künstler schneller weiterziehen können – zu anderen coolen Dingen, und dann zu weiteren coolen Dingen.“
Das Studio von Darren Aronofsky hat KI genutzt, um in einer Reihe von Kurzfilmen die Amerikanische Revolution nachzubauen, und Steven Soderbergh setzte sie in seinem jüngsten John-Lennon-Dokumentarfilm John Lennon: The Last Interview für visuelle Szenen ein.
Sogar Steven Spielberg erklärte kürzlich, KI könne „uns viel Laufarbeit ersparen“, etwa bei der Motivsuche. Zugleich betonte er, KI müsse nur „ein Werkzeug in einer großen Werkzeugkiste“ bleiben und dürfe „bei nichts Kreativem das letzte Wort haben“.
Auch große Filmfestivals steigen ein. Der Filmmarkt von Cannes zeigte jüngst den 95-minütigen, von KI generierten Actionfilm Hell Grind, und beim Tribeca Film Festival feiert nächste Woche (10. Juni) das 75-minütige KI-Dokudrama Dreams Of Violets Premiere. Der Film widmet sich dem zivilen Widerstand im Iran. Seine Präsenz im Programm verteidigte Tribeca-Mitgründerin Jane Rosenthal gegenüber Variety (Quelle auf Englisch) mit den Worten: „Der Regisseur ist Iraner, seine Familie, Verwandten und Freunde leben dort, und es war die einzige Möglichkeit, innerhalb von zwei Monaten seine Geschichte auf seine Weise zu erzählen.“
Angesichts der Kritik im Netz sagte sie außerdem: „Wenn jemand ein Lied darüber schreiben würde, hätte niemand etwas dagegen, wenn jemand ein Gedicht schreiben würde, hätte niemand etwas dagegen, wenn jemand dazu tanzen wollte, würde auch niemand etwas sagen. Ash Koosha hat es eben auf seine Art gemacht, und man muss das in diesem Kontext sehen.“
Was Scorseses Unterstützung bedeutet
Ist Scorseses Werbung für KI ein reiner Griff nach Geld? Ein deprimierendes Symptom dafür, wie unausweichlich künstliche Intelligenz im Kino zu werden droht? Oder nur ein Versuch eines Altmeisters, mit der Zeit zu gehen, den man wieder vergessen kann?
So tröstlich es wäre, Scorseses Schritt nicht als weiteres Warnsignal für die mögliche Zukunft der Filmbranche zu sehen – beginnend mit der Bedrohung von Talenten in der Vorproduktion –, viele Kreative fühlen sich bedroht. Ältere ebenso wie junge.
Die jüngere Generation verkörpert der 20-jährige Shootingstar Kane Parsons, der YouTuber, der mit seinem Film Backrooms, einem der Überraschungserfolge des Jahres 2026, den Sprung nach Hollywood geschafft hat.
In einem Interview mit dem australischen Medium The Australian fand Parsons deutliche Worte für die „kulturelle und wirtschaftliche Verrottung“, die KI für ihn verkörpert.
„Ich glaube, ich bin da auf einer Linie mit den meisten halbwegs zurechnungsfähigen Menschen“, sagte er. „Wenn ich mit den Fingern schnippen und generative KI für immer verschwinden lassen könnte, würde ich es wahrscheinlich tun. Kreativ bringt es mir nichts, diese Werkzeuge zu benutzen. Für mich nimmt das dem Ganzen den Sinn.“
Er fuhr fort: „Mich interessiert viel mehr, sie künstlerisch zu hinterfragen. Wir leben bereits in einer Welt, in der man auf die Straße geht und überall Plakate und Schilder sieht, die offensichtlich ‚AI slop‘ sind. Das ist Teil unserer visuellen Realität geworden. Für mich wirkt generative KI weniger wie Innovation als wie ein Symptom einer größeren kulturellen und ökonomischen Fäulnis.“
Parsons schloss: „Mich interessiert, diese Ikonografie in der Kunst zu verwenden – nicht KI, um die Kunst selbst zu machen, sondern um zu untersuchen, wofür sie steht. Das möchte ich in künftigen Projekten auf jeden Fall weiter ausloten.“
Noch ist es zu früh, um zu sagen, ob Marty KI lediglich beobachtet oder sie aktiv einsetzen wird …
Keine der offiziellen Stellungnahmen deutet darauf hin, dass der Regisseur demnächst KI-generierte Bilder verwenden oder die KI-Schauspielerin Tilly Norwood in einem seiner Filme besetzen wird, und über Umfang und Details der Partnerschaft zwischen Scorsese und Black Forest Labs ist bislang wenig bekannt.
Sein nächstes Projekt, What Happens At Night, die kommende Verfilmung des Romans von Patrick Marber aus dem Jahr 2020 mit Leonardo DiCaprio, Jennifer Lawrence und Mads Mikkelsen in den Hauptrollen, dürfte hoffentlich ohne KI auskommen.
Bis dahin täten Filmschaffende gut daran, die Stimmung in der Branche ernst zu nehmen und offen zu sagen, wie weit ihre Zusammenarbeit mit KI reicht, um Ängste abzubauen. Und sie könnten sich an den Worten der Schauspielergewerkschaft SAG-AFTRA orientieren, die Anfang des Jahres erklärte: „SAG-AFTRA ist überzeugt, dass Kreativität menschlich ist – und menschlich bleiben muss.“