2024 mussten 67 Prozent der hierzulande gebrauchten Energie importiert werden, so das Statistische Bundesamt. Damit liegt Deutschland über dem EU-Durchschnitt von 57 Prozent von importierter Energie. Dabei könnte Deutschland heimisches Gas fördern, so Experten.
Die Sorge vor explodierenden Gas- und Strompreisen in Deutschland wächst. Etwa 20 Prozent des weltweiten Flüssiggases (LNG) wird über die Straße von Hormus transportiert, so das UN-Handelsorgan UNCTAD. Doch seit dem Beginn des Krieges im Iran steht in der Meerenge alles still.
Deutschland ist massiv von Energie-Importen abhängig. Etwa zwei Drittel (67 %) der benötigten Energie muss importiert werden, so das statistische Bundesamt. Im EU-Durchschnitt sind es 57 Prozent.
Doch es könnte einen Weg aus der Abhängigkeit geben: "Deutschland könnte etwa ein Viertel seines Erdgasbedarfs selbst decken“, erklärt der Geophysiker Hans-Joachim Kümpel. Von 2007 bis 2016 leitete er die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe.
Etwa 20 Milliarden Kubikmeter Gas könnte Deutschland jedes Jahr durch sogenanntes Fracking fördern, erklärt der Geophysiker – und das über Jahrzehnte hinweg. Insbesondere in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen gibt es große Erdgasvorkommen, die mit dieser Methode erschlossen werden könnten.
Bundesregierung prüft neue Förderung
In Deutschland ist Fracking (Hydraulic Fracturing), ein Verfahren zur Förderung von Erdgas aus dichten Gesteinsschichten, allerdings politisch und gesellschaftlich stark umstritten. Kritiker warnen vor möglichen Schäden für Umwelt und Grundwasser. Bei den Bohrungen könnten Schadstoffe ins Grundwasser gelangen, so ihre Befürchtung.
Kümpel hält diese Sorgen für übertrieben. "Die Risiken für Grund- und Trinkwasser werden in Deutschland massiv überschätzt", sagt er. Zudem habe sich die Technologie in den vergangenen Jahren deutlich weiterentwickelt, sei sicherer und umweltfreundlicher geworden.
Nach den Einschätzungen des Geophysikers könnte eine heimische Förderung sogar Vorteile für die Klimabilanz haben. Flüssigerdgas müsse zunächst stark heruntergekühlt, dann über große Distanzen transportiert und schließlich wieder regasifiziert werden – ein energieintensiver Prozess.
"Für 20 Milliarden Kubikmeter Erdgas, die in Deutschland gefördert werden, müssten 25 Milliarden Kubikmeter importiert werden", sagt Kümpel. Etwa fünf Milliarden Kubikmeter gingen allein für Energieaufwand beim Transport verloren. Insgesamt könnten so rund zehn Millionen Tonnen Kohlenstoffdioxid (CO₂) jährlich eingespart werden.
Hinzu komme ein weiterer Faktor: Methanlecks. Deren Überwachung dürfte in Deutschland deutlich strenger ausfallen als in vielen Förderländern. Auch dadurch könnten laut Kümpel rund acht Millionen Tonnen CO₂ eingespart werden.
In der CDU gibt es unterdessen Bemühungen, die deutsche Erdgasförderung anzukurbeln: Die Bundesregierung wolle die Gasförderung "nicht weiter behindern", sagte Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Gerade in geopolitisch angespannten Zeiten müsse darüber gesprochen werden, betonte die Ministerin, dabei müsse "sehr sensibel zwischen Umweltinteressen und Rohstoffversorgung abgewogen werden".
Kontra kommt vom Koalitionspartner: "Der Angriff auf den Iran und die Reaktionen an den fossilen Weltmärkten unterstreichen: Wir müssen schnellst möglich von den fossilen Ressourcen loskommen - durch Umstieg auf die Erneuerbaren", erklärt die energiepolitische Sprecherin der SPD, Nina Scheer, auf Nachfrage von Euronews.
Auch die Grünen sprechen sich klar gegen Fracking aus: "Wer auf Fracking setzt, um unsere Gasabhängigkeit zu verringern, der zieht auch Schwimmkleidung an, wenn sein Boot ein Leck hat", so der energiepolitische Sprecher der Grünen, Michael Kellner, zu Euronews. Stattdessen müsse der Gasverbrauch sinken, "indem wir Wände dämmen, den Umstieg auf Wärmepumpen einfacher machen und der Industrie die Investition in saubere Produktion ermöglichen."
Sogenanntes Fracking in Deutschland seit 2017 verboten
2025 importierte Deutschland 106 Terawattstunden Erdgas über LNG-Terminals – rund 10,3 Prozent der gesamten deutschen Gasimporte. Mit 96 Prozent stammt der überwiegende Teil aus den USA, gewonnen in den meisten Fällen durch Fracking.
In Zeiten eines zunehmend angespannten transatlantischen Verhältnisses sehen manche Experten darin ein Risiko für die Versorgungssicherheit. Um Gas in Deutschland zu fördern, müsste jedoch zunächst das bestehende Verbot gelockert werden.
2017 verbot die damalige schwarz-rote Bundesregierung unter Kanzlerin Angela Merkel (CDU) die unkonventionelle Erdgasförderung, auch Fracking genannt, weitgehend. Beim Fracking wird Schiefergas mit einem Wasser-Gemisch und viel Druck aus dichtem Gestein gepresst.
Zum Vergleich: Konventionelle Erdgasförderung ist, unter strengen Auflagen, weiterhin erlaubt. Dabei wird Gas gefördert, das sich in porösem Gestein befindet und entsprechend leichter aufsteigen kann.
In vielen Ländern Europas ist Fracking ebenfalls verboten oder stark eingeschränkt. Etwa in Frankreich und Österreich darf die Methode nicht zur Erdgasförderung genutzt werden. Erlaubt hingegen ist Fracking in Polen und Rumänien, wenn auch mit hohen Auflagen.
In der deutschen Bevölkerung ist die Meinung zum Fracking geteilt. Eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsunternehmens Appinio für die Wirtschaftswoche aus dem Jahr 2023 zeigt:
48 Prozent der Deutschen halten Fracking für notwendig, um die Energiekrise zu bewältigen. 38 Prozent halten die Technologie dagegen für verzichtbar. 14 Prozent sind unentschieden.