Der ESA-Chef sagte Euronews, die Explosion einer New-Glenn-Rakete von Blue Origin, zentral für NASAs Artemis-Mondprogramm, werde zu erheblichen Verzögerungen führen.
ESA-Generaldirektor Josef Aschbacher zeigte sich „betrübt“ und „besorgt“ über die Bilder der Explosion einer New-Glenn-Rakete von Blue Origin bei einem Triebwerkstest auf einer Startrampe in Florida in der vergangenen Woche. Den Schaden nannte er „ziemlich groß“.
Amazon-Gründer Jeff Bezos, der das Raumfahrtunternehmen ins Leben gerufen hat, bestätigte, dass niemand verletzt wurde und alle Mitarbeitenden in Sicherheit waren. Die Zerstörung an der Infrastruktur ist dennoch erheblich.
„Das ist ganz klar ein großer Rückschlag, gut ist das für niemanden in der Raumfahrtgemeinschaft“, sagte Aschbacher in der Euronews-Interviewreihe 12 Minutes With.
Die Explosion dämpft nicht nur die Hoffnung von Bezos, Blue Origin im kommerziellen Rennen ins All als ernsthaften Konkurrenten zu Elon Musks SpaceX zu etablieren. Der Rückschlag der vergangenen Woche könnte auch die Mondpläne der US-Raumfahrtbehörde NASA komplizierter machen.
Aschbacher erinnerte daran, wie verheerend solche Vorfälle sind, „wenn man bedenkt, wie viel Aufwand in die Entwicklung einer Rakete fließt, in die Triebwerke, in die Tests, bis sie schließlich in den Orbit kommen“.
„Das war eine der allerersten Missionen, wir waren also noch in der Hochlaufphase. Genau das macht mir Sorgen“, sagte er.
Die NASA hatte gehofft, dass dieser Raketentyp eine zentrale Rolle im mehrstufigen Artemis-Programm spielt, mit dem wieder Astronautinnen und Astronauten auf der Mondoberfläche landen sollen. Im April dieses Jahres startete die NASA Artemis II, einen historischen, zehntägigen Mondflug mit Besatzung.
Die nächste Mission, Artemis III, sieht einen Flug im erdnahen Orbit mit zwei kommerziellen Mondlandern von SpaceX und Blue Origin vor. Beide Unternehmen sollen dabei ihre Startsysteme testen, die später für eine Mondlandung nötig sind. Der Start war für das kommende Jahr geplant.
Bis zur vergangenen Woche galt Blue Origin als weiter fortgeschritten von beiden Anbietern. Nach der Explosion mehren sich nun Zweifel, ob eine Mondlandung bis 2028 – dann ist Artemis IV geplant – und die jüngst vorgestellten Pläne für eine Mondbasis überhaupt realistisch bleiben.
„Sie haben die Explosion gesehen. Ich gehe davon aus, dass die Startanlage so gut wie zerstört ist. Das wird lange dauern, bis sie wieder aufgebaut ist. Dazu kommt die Untersuchung der Ursache, weshalb es zu dieser Explosion gekommen ist. Auch das braucht, das weiß ich, sehr viel Zeit“, erklärte Aschbacher.
Science-Fiction?
In der vergangenen Woche stellte die NASA ihren Plan für eine dauerhafte Mondbasis vor. Die Station soll später als Sprungbrett für bemannte Missionen zum Mars dienen. Ziel ist, dass ab 2032 Menschen dauerhaft auf dem Erdtrabanten leben.
„Das bedeutet Infrastruktur auf der Mondoberfläche. Es klingt ein wenig nach Science-Fiction, sich vorzustellen, wie Astronauten dort umherlaufen, mit Rovern fahren und Messungen machen. Weitere Rover werden Rohstoffe aus dem Boden holen. Fabriken werden Ziegel produzieren, aus denen Gebäude und Infrastruktur entstehen“, sagte Aschbacher.
„Doch diese Infrastruktur und diese Mondwirtschaft aufzubauen, ist eine enorme Herausforderung. Sie wird kommen, aber wir stehen ganz am Anfang.“
Auf die Rolle Europas in den Plänen für eine permanente Mondbasis angesprochen, betonte er, die ESA sei „sehr stark eingebunden“.
„Ich verhandle derzeit sehr intensiv mit der NASA über die Bausteine, die wir in diesen größeren Rahmen einbringen können“, erklärte Aschbacher. Die ESA spreche seit 2022 mit ihrer US-Partnerbehörde über eine vertiefte Zusammenarbeit. In diesem Jahr habe Europa „sehr wichtige Projekte“ finanziert.
Als Beispiele nannte er Argonaut, das Landegerät-Programm der ESA. Es soll die Artemis-Missionen unterstützen und Ausrüstung von der Erde auf die Mondoberfläche bringen. Außerdem das Programm Moonlight, die erste europäische Satellitenkonstellation für Kommunikation und Navigation am Mond.
„Das Triebwerk für die Orion-Kapsel, also für das europäische Servicemodul, kommt von der Europäischen Weltraumorganisation. Wir sind also bereits Teil einer sehr engen und intensiven Zusammenarbeit mit der NASA“, sagte Aschbacher.
Dennoch steht die Zukunft der ESA in der Mission Artemis III seit Kurzem in Frage. Europa sollte den Lunar Gateway bauen, eine Mondraumstation für das Programm Artemis III. Anfang dieses Jahres legte die NASA diese Pläne jedoch auf Eis – nach Jahren harter Entwicklungsarbeit und Investitionen in dreistelliger Millionenhöhe aus der europäischen Raumfahrtindustrie.
Europäische Technologie bleibt in jedem Fall Teil der Artemis-Missionen. Offen ist dagegen, wie stark Europas Astronautinnen und Astronauten eingebunden sein werden.
„Das ist die große Frage. Ich wünschte, ich könnte sie beantworten“, sagte Aschbacher.
„Ich hoffe, noch vor Ende des Jahrzehnts. Wir werden dabei natürlich mit der NASA zusammenarbeiten, unserem Partner für Astronautenflüge. Vereinbart ist das noch nicht, das möchte ich ganz klar sagen. Aber wir sprechen sehr intensiv mit der NASA, um das für Europäerinnen und Europäer so schnell wie möglich zu ermöglichen.“
Der deutsche ESA-Astronaut Alexander Gerst gilt als einer der aussichtsreichsten Kandidaten, zu den ersten Europäern zu gehören, die zum Mond fliegen – möglicherweise im Rahmen von Artemis IV.
Die Besatzung für Artemis III soll am 9. Juni bekanntgegeben werden.