Nach dem tödlichen Angriff auf eine Schule im Iran überziehen sich Washington und Teheran mit Schuldzuweisungen. Satellitenbilder, Videos und Recherchen zeichnen jedoch ein genaueres Bild davon, was wirklich geschah.
Ein Raketenangriff auf die Grundschule von Shajarah Tayyebeh im Süden Irans, bei dem mehr als 170 Menschen ums Leben kamen, hat im anhaltenden Iran-Krieg internationale Empörung ausgelöst.
Die UNESCO sprach von einer "schweren Verletzung des humanitären Völkerrechts". Behörden und Nachrichtenagenturen bezeichneten den Einschlag zudem als den bislang tödlichsten Angriff in diesem Konflikt.
Die USA und der Iran machten sich gegenseitig für den Vorfall verantwortlich. Eine Untersuchung soll nun klären, was genau geschah und wer die Verantwortung trägt.
Das Faktencheck-Team "The Cube" von Euronews hat Satellitenbilder und Nachrichtenberichte ausgewertet, um den Ablauf der Ereignisse vor und nach der Tragödie nachzuzeichnen.
Die Zeitachse
Die Schule wurde am Morgen des 28. Februar getroffen. Nach Berichten staatlicher iranischer Medien wurden dabei mehr als 100 Kinder getötet.
Der Angriff ereignete sich zeitgleich mit einem Schlag gegen einen benachbarten Marinestützpunkt des Korps der Islamischen Revolutionsgarden (IRGC). Satellitenbilder zeigen, dass beide Einrichtungen unmittelbar nebeneinander liegen.
Offizielle Erklärungen der US-Streitkräfte belegen, dass Marinestützpunkte in der Region angegriffen wurden. Das deutet darauf hin, dass vermutlich auch dieser Stützpunkt Ziel des Angriffs war.
Bei einem Briefing am 3. März erklärte das US-Zentralkommando, der Angriff auf den Iran mit dem Namen "Operation Epic Fury" habe vorrangig der Zerstörung von Kommando- und Kontrollzentren der IRGC entlang der Hormozgan-Küste im Süden des Landes gedient. Damit habe verhindert werden sollen, dass die IRGC die Straße von Hormus sperren können.
Videos zeigen, dass bei den Angriffen Tomahawk-Raketen eingesetzt wurden. Die USA sind das einzige an diesem Konflikt beteiligte Land, das über solche Raketen verfügt und sie einsetzt. Es handelt sich also nicht um ein allgemeines Waffensystem, wie US-Präsident Donald Trump behauptet hatte.
"Ich habe sie nicht gesehen, aber ich sage, dass die Tomahawk, eine der stärksten Waffen, die es gibt, auch von anderen Ländern verkauft und eingesetzt wird", sagte Trump auf einer Pressekonferenz am 9. März. "Und ob es der Iran ist - der auch einige Tomahawks hat, sie wünschten, sie hätten mehr - aber ob es der Iran ist oder jemand anderes: Die Tatsache ist, dass ein Tomahawk ... ein Tomahawk sehr allgemein ist. Er wird an andere Länder verkauft."
Im Gegensatz zu Trumps Darstellung nutzen oder kaufen neben den USA nur Australien, Japan, die Niederlande und das Vereinigte Königreich Tomahawk-Raketen. Keines dieser Länder ist an dem Krieg im Iran beteiligt.
Die Recherchegruppe Bellingcat, die auch von der halbamtlichen iranischen Nachrichtenagentur Mehr News veröffentlichtes Material geolokalisiert hat, erklärte, das Video widerspreche Trumps Behauptung, der Iran sei verantwortlich.
Demnach wurde die Schule wahrscheinlich von einer Tomahawk-Rakete getroffen, die im Zuge einer schnellen Serie von Angriffen auf das Gelände einschlug.
Wer beschuldigt wen?
Trump versuchte dennoch, Teheran für den Angriff verantwortlich zu machen. "Nach dem, was ich gesehen habe, war das der Iran", sagte er am 7. März. "Wir glauben, dass es der Iran war, weil sie, wie Sie wissen, mit ihrer Munition sehr ungenau sind. Sie haben überhaupt keine Genauigkeit. Es war der Iran."
US-Verteidigungsminister Pete Hegseth erklärte dagegen, die USA täten alles in ihrer Macht Stehende, um sicherzustellen, dass keine Zivilisten angegriffen würden. Berichte, die etwas anderes nahelegten, würden gründlich untersucht.
Der Iran beschuldigte die USA und Israel. Außenminister Seyed Abbas Araghchi erklärte, solche "Verbrechen gegen das iranische Volk" würden nicht unbeantwortet bleiben.
Israel, der wichtigste Partner der USA im Iran-Krieg, bestritt jede Beteiligung an dem Angriff auf die Schule.
"Wir haben mehrfach nachgeprüft und keine Verbindung zwischen den IDF und den Ereignissen in dieser Schule gefunden", sagte der israelische Militärsprecher Oberstleutnant Nadav Shoshani.
Vorläufiger Bericht: USA im Unrecht
Die New York Times veröffentlichte jedoch am 11. März einen Bericht, wonach eine vorläufige Untersuchung ergeben habe, dass die USA tatsächlich für den Angriff auf die Schule verantwortlich seien.
Mit der Untersuchung vertraute Personen, darunter US-Beamte und andere informierte Kreise, sagten demnach, die Schule sei aufgrund veralteter Daten des militärischen Nachrichtendienstes versehentlich getroffen worden. Diese Daten hätten die Schule fälschlich als militärisches Ziel ausgewiesen.
Die Untersuchung ist noch nicht abgeschlossen. Nach Angaben der "New York Times" ist unter anderem weiter offen, warum veraltete Informationen verwendet wurden und wer versäumte, sie zu überprüfen.
Lokale Nachrichtensender berichten, dass die Schule in der Vergangenheit tatsächlich als militärische Einrichtung genutzt wurde, bevor sie später umgewidmet wurde.
The Cube identifizierte Satellitenbilder aus dem Jahr 2013, die zeigen, dass die Schule damals Teil desselben Geländes wie der Stützpunkt war. Neuere Aufnahmen legen jedoch nahe, dass sie inzwischen durch einen Zaun davon getrennt wurde.
Auf die laufenden Ermittlungen angesprochen, sagte Trump, er wisse nichts davon. Zugleich wächst in den USA der innenpolitische Druck auf den Präsidenten wegen seines Umgangs mit dem Angriff auf den Iran.
Die Demokraten verurteilten den "entsetzlichen" Angriff auf die Shajarah-Tayyebeh-Grundschule und forderten eine schnelle Untersuchung. Europäische Staats- und Regierungschefs riefen derweil zu größtmöglicher Zurückhaltung auf und verlangten Zusicherungen, dass im weiteren Verlauf des Krieges keine Zivilisten zu Schaden kommen.