Das beliebte Handyspiel Pokémon GO ist in die Kritik geraten. Bilder, die mit der App aufgenommen wurden, sollen ohne die Zustimmung der Spielerinnen und Spieler zum Trainieren von KI-Systemen verwendet worden sein. Was ist da dran?
Nach seiner Einführung im Jahr 2016 hat sich Pokémon Go in Europa und auf der ganzen Welt schnell verbreitet. Das Handy-Spiel verwandelte die Straßen von Brüssel, Paris und Rom in Augmented-Reality-Orte, an denen Spieler virtuelle Kreaturen wie Pikachu, Dragonite oder Eevee jagen konnten.
Die App ist auch heute noch beliebt. Laut Scopely, der Muttergesellschaft des Spieleentwicklers Niantic, gab es mehr als 100 Millionen Spieler und Spielerinnen im Jahr 2024. Im Internet sorgt das Game weiter für Schlagzeilen und auch für zweifelhafte Behauptungen.
Laut der "MIT Technology Review" hat Niantic Spatial, ein Unternehmen, das 2025 aus Niantic hervorgegangen ist, im Spielverlauf gesammelte Bilder genutzt, um seine Systeme zu trainieren, die darauf ausgelegt sind, detaillierte 3D-Karten realer Umgebungen zu erstellen.
Posts auf X, die millionenfach aufgerufen wurden, gehen noch weiter. Sie legen nahe, Niantic nutze, ohne dass die Spieler es wissen, ihre Sonntagsspaziergänge, um visuelle Daten zu erfassen. Von den Nutzern aufgenommene Bilder dienten dazu, visuelle Navigationssysteme für Lieferroboter zu entwickeln.
Die Verwendung dieser Daten erfolgte jedoch nicht gänzlich ohne das Wissen der Spieler, und sie wurden auch nicht einfach gesammelt, als sie auf der Suche nach seltenen Pokémon durch die Straßen zogen.
Fragt das Spiel nach der Zustimmung zum Aufbau der AR-Welt?
Pokémon Go nutzt zwar seit seiner Einführung Augmented Reality (AR), um das Pokémon-Universum in die reale Welt zu bringen, aber erst 2020 hat Niantic spezielle AR-Kartierungsfunktionen eingeführt. Diese Funktion ermöglicht es Spielern, reale Orte und Objekte zu scannen, indem sie sich um sie herum bewegen, während ihre Smartphone-Kamera visuelle Daten aufzeichnet.
Entscheidend ist, dass diese Funktion nicht für alle Spieler von Anfang an verfügbar ist. Sie wird erst freigeschaltet, wenn der Spieler Stufe 20 im Spiel erreicht hat. Das bedeutet, dass die Bilder nicht automatisch im Hintergrund aufgenommen werden, während die Spieler sich bewegen. Stattdessen müssen sich die Nutzer aktiv dafür entscheiden, die Funktion zu nutzen.
Niantic sagte dem Faktencheck-Team von Euronews, The Cube, dass die Spieler sich dafür entscheiden müssen, anonym Scans und Videos von öffentlichen Orten einzusenden, um das Niantic Spatial Visual Positioning System (VPS) zu verbessern. Das Unternehmen behauptet, die Teilnahme sei völlig freiwillig. Die Nutzer und Nutzerinnen müssten ganz bewusst bestimmte Orientierungspunkte, wie Statuen oder bemerkenswerte Merkmale, auswählen und scannen.
The Cube hat das Spiel getestet und dabei festgestellt, dass eine Nachricht erscheint, wenn eine Smartphone-Kamera auf eine Statue im Brüsseler Parc du Cinquantenaire gerichtet wird. Diese Nachricht besagt, dass die Spieler zur Entwicklung der Augmented-Reality-Mapping-Technologie beitragen und ihre Daten mit einem Drittanbieterdienst geteilt werden.
Es wird auch mitgeteilt, dass die gesammelten Daten verwendet werden, um 3D-Modelle von realen Orten zu erstellen und die Entwicklung der Technologie und der damit verbundenen Dienste zu unterstützen.
Dieser Prozess wird in den Nutzungsbedingungen von Niantic in einem Abschnitt mit dem Titel "Von Ihnen gewährte Rechte - AR-Inhalte" beschrieben. Der Entwickler erklärt, dass die Spieler Niantic mit der Nutzung der AR-Scan-Funktion das nicht-exklusive Recht einräumen, die gesammelten Bilder zur Verbesserung seiner Dienste zu verwenden.
Ein digitales 3D-Modell der Welt
Laut der MIT Technology Review nutzt Niantic Spatial die von Pokémon GO-Spielern gesammelten Bilder aktiv für die Entwicklung seiner neuesten Produkte. Das Unternehmen teilte The Cube mit, dass es bis heute mehr als 50 Millionen künstliche neuronale Netze trainiert hat, die auf rund 30 Milliarden Bildern basieren.
Niantic hat ein Visual Positioning System (VPS) entwickelt, das nach eigenen Angaben "eine präzise, visuelle Positionierung und Orientierung überall auf der Welt ermöglicht, auch an Orten, an denen GPS nicht verfügbar oder unzuverlässig ist."
Die Technologie hat es dem Unternehmen ermöglicht, ein sehr detailliertes 3D-Modell der realen Welt zu erstellen.
Niantic Spatial stützt sich jedoch nicht nur auf die Augmented-Reality-Daten von Pokémon GO. Das Unternehmen schreibt auf seiner Website, dass auch räumliche Daten aus anderen Quellen wie Robotern, Drohnen und Satelliten einbezogen wurden.
Von Pokémon GO zu Anwendungen in der realen Welt
Anfang März kündigte Niantic eine Partnerschaft mit Coco Robotics an, einer Lieferplattform für verschiedene Städten, um seine räumliche KI-Technologie und VPS in großem Maßstab einzusetzen.
Coco Robotics betreibt Roboter, die frische Lebensmittel, Elektronik und warme Mahlzeiten in Metropolen wie Los Angeles, Chicago, Jersey City, Miami und Helsinki ausliefern können. Seit 2018 arbeitet das Unternehmen mit DashMart, einer Online-Lieferplattform, zusammen.
Das Unternehmen hat jetzt eine neue Generation von robusteren Lieferrobotern eingeführt, die mit den Herausforderungen auf städtischen Straßen besser klarkommen sollen. Bisher waren diese Roboter auf GPS angewiesen, das in dichten städtischen Umgebungen oft nur eine begrenzte Genauigkeit bietet.
An dieser Stelle kommt die Technologie von Niantic Spatial ins Spiel. Die Zusammenarbeit zielt darauf ab, die räumliche Kartierung und VPS von Niantic in autonome Lieferroboter zu integrieren, damit diese sich in komplexen Stadtlandschaften besser zurechtfinden.
Durch die Nutzung von detaillierten 3D-Karten und visionsbasierter Positionierung können sich die Roboter mit größerer Präzision auf den Bürgersteigen der Städte bewegen, wenn sie Produkte direkt an Kunden ausliefern.