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Kein Wechselgeld in Gaza: Ein weiteres Problem der Palästinenser im täglichen Kampf ums Überleben

Palästinenser beim Einkaufen im Gaza-Streifen
Palästinenser beim Einkaufen im Gaza-Streifen Copyright  يورونيوز
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Von محمد نشبت mit يورونيوز
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Im täglichen Kampf ums Überleben sind die Palästinenser im Gazastreifen mit dem Problem konfrontiert, dass es nicht genug Wechselgeld gibt. Viele Händler wollen nur bestimmte Schekel-Scheine annehmen.

Im täglichen Kampf ums Überleben im Gazastreifen haben jetzt sogar Menschen Sorgen, die sich eigentlich etwas kaufen könnten.

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Auf dem Nuseirat-Markt im Zentrum von Gaza kann Fadel Bashiti kein Brot kaufen, obwohl er genug Geld dafür hat. Er dreht eine Banknote in seiner Hand, bevor der Verkäufer sie ihm mit einer Entschuldigung zurückgibt. Fadel Bashiti sagt: "Ich brauche drei Schekel, aber ich habe nur einen großen Geldschein, und es gibt niemanden, der ihn mir wechselt."

Die Sorge ist also nicht mehr nur der Mangel an Lebensmitteln und an Geld, sondern das Problem mit dem Wechselgeld.

Die Palästinenser im Gazastreifen verwenden bei ihren täglichen Transaktionen die israelische Währung, den Schekel - abgekürzt NIS für New Israeli Shekel. Sie sind auf Israel angewiesen, um die Banken mit neuen Banknoten und Münzen zu versorgen.

Märkte ohne Wechselgeld

Auf den Märkten sind nicht genug Münzen oder kleine Geldscheine mehr im Umlauf, sondern eine Rarität geworden. Die Verkäufer weigern sich, einen Verkauf ohne Wechselgeld abzuschließen, oder sie geben den Kunden kein Geld zurück, sondern statt dessen einfache Waren: Ein Bonbon, eine Schachtel Streichhölzer oder eine Tüte mit Gewürzen statt Wechselgeld.

Rashida Tawfiq steht vor einem Verkäufer, der ihren Geldschein immer wieder betrachtet und ihn der Kundin schließlich zurückgibt.

"Dem einen ist der Schein zu alt, laut dem anderen ist er zerkratzt, und ein anderes Mal gibt es kein Wechselgeld", sagt sie. Der Versuch, etwas zu kaufen, wird zu einem täglichen Kampf, der oft unverrichteter Dinge endet oder damit, dass man Waren annimmt, die man nicht braucht, nur um doch etwas dringend Benötigtes zu kaufen.

Salma Ziad aus Deir al-Balah verlässt ihr Haus nicht mehr, ohne sicher zu sein, dass sie Bargeld in kleinen Scheinen hat.

"Wenn ich kein Kleingeld habe, wie soll ich mich dann fortbewegen?" Die Krise betrifft nicht nur das Einkaufen, sondern auch ihre Fähigkeit, sich fortzubewegen und zu arbeiten.

Frauen beim Einkaufen in Gaza
Frauen beim Einkaufen in Gaza يورونيوز

Der Fahrer Hussam al-Hawajri be Prichtet, dass einige Fahrer sich weigern, Fahrgäste zu befördern, die kein Wechselgeld haben, weil sie den Restbetrag nicht zurückzahlen können. Viele sagen, dass sie gezwungen sind, nur noch weite Strecken zu fahren, um das Problem mit dem Wechselgeld zu umgehen.

Die Infrastruktur und mehr als 60 Prozent der Fahrzeuge im Gazastreifen wurden im Krieg zerstört. Der Preis für einen Liter importierten Benzins ist immer weiter gestiegen. Daher kostet eine Fahrt von Khan Younis nach Gaza-Stadt nicht mehr wie vor dem Krieg etwa 6 Schekel, sondern ist auf 20 bis 25 Schekel angestiegen.

Geld aus dem Verkehr gezogen

Die Ironie des Schicksals im Gazastreifen besteht darin, dass das Geld zwar nicht gänzlich fehlt, aber nicht mehr im Umlauf ist. Der Markt unterscheidet nicht mehr zwischen denen, die Geld haben, und denen, die es nicht haben, sondern vielmehr zwischen der Art der Banknoten, da einige Stückelungen akzeptiert und andere trotz des gleichen Werts abgelehnt werden.

Dadurch ist eine neuer Druck auf die Menschen entstanden, der einige dazu zwingt, mehr als den Wert der Ware zu bezahlen oder ganz auf einen Kauf zu verzichten, obwohl sie das nötige Geld haben.

Selbst einfache Bedürfnisse innerhalb der Familie sind von dieser Krise nicht verschont geblieben. Kleine Geldbeträge, die früher täglich gebraucht wurden, sind nicht mehr verfügbar. Leidtragende sind wieder einmal auch die Kinder.

Markt im Gaza-Streifen
Markt im Gaza-Streifen يورونيوز

Der blaue Schekel: Eine Währung, die die Krise verschärft

Die Wechselgeldkrise fällt mit tiefgreifenden Verschiebungen in der Währungsstruktur im Gazastreifen zusammen. Der Status des Dollar und des Dinar ist gesunken, während der israelische Schekel zur begehrtesten Währung aufgestiegen ist, insbesondere der blaue 200-Schekel-Schein, der etwa 60 Dollar entspricht. Diese Verschiebung war nicht natürlich, sondern eine direkte Folge der mangelnden Liquidität und der geschlossenen Banken.

Nach Angaben der Bank of Israel macht der 200-NIS-Schein etwa 80 Prozent des Gesamtwerts des Bargelds aus. Das zeigt die Konzentration der Liquidität auf große Stückelungen, die nicht dem täglichen Handel dienen.

"Diejenigen, die die 200-Schekel-Stückelung besitzen, kontrollieren praktisch den Markt", sagt der Geldwechsler Hamdan Ahmed vom Nuseirat-Markt. Er sagt, die Verkäufer bevorzugen diese Scheine, während andere Stückelungen abgelehnt oder nur unter bestimmten Bedingungen akzeptiert werden, wodurch ein Markt entsteht, der zwischen ein und demselben Geld unterscheidet.

Markt im Gaza-Streifen
Markt im Gaza-Streifen يورونيوز

"Takiyish": Eine Parallelwirtschaft mit hohen Provisionen

Mit dem Zusammenbruch des Bankensystems hat sich das Phänomen des "Takiesh" zu einem wichtigen Kanal für die Beschaffung von Bargeld entwickelt, bei dem Bankguthaben gegen hohe Provisionen in Liquidität umgewandelt werden.

In Deir al-Balah erklärt Salah Abdulmuti, der in diesem Bereich tätig ist, wie sich dieser Prozess zu einem eigenständigen Markt entwickelt hat.

"Jeder will den blauen Schekel", sagt er und erklärt, dass die Umtauschprovision für die neue NIS-200-Stückelung bis zu 40 Prozent betragen kann. Der Prozentsatz für ältere Stückelungen ist gesunken, eine Diskrepanz, die den Umfang der Nachfrage und die Knappheit widerspiegelt.

Diese Realität spiegelt nicht nur die Liquiditätskrise wider, sondern deutet auch auf eine tiefere Verzerrung der Marktstruktur hin.

Die Wurzeln der Krise

Der Wirtschaftswissenschaftler Mohammed Barbakh ist der Ansicht, dass die Krise auf den starken Rückgang der Geldmenge in diesem Sektor zurückzuführen ist.

Seiner Ansicht nach ist die verfügbare Liquidität des Schekel im Gazastreifen seit Beginn des Krieges um mehr als 45 Prozent zurückgegangen. Bargeld wurde vom Markt abgezogen, die Einführung neuen Bargelds verhindert und ein Teil der im Umlauf befindlichen Banknoten wurde vernichtet.

Die Palästinensische Währungsbehörde (PMA) bestätigt, dass angesichts der weitgehenden Zerstörung der Bankinfrastruktur und der zerstörten oder geschlossenen Filialen rund 1,2 Milliarden Schekel im Bankensystem des Gazastreifens fehlen.

Es wurde erwartet, dass die Verknappung des Schekel zu einer stärkeren Abhängigkeit von anderen ausländischen Währungen führen würde, "aber die Realität hat das Gegenteil gezeigt, da alle täglichen Transaktionen in Schekel abgewickelt werden, was sie trotz ihrer Komplexität zur einzigen Option macht".

Der Finanzexperte warnt davor, dass der Fortbestand dieser Situation die Wirtschaft zu informellen Kanälen der Bargeldverwaltung drängt. Dies öffne einer unkontrollierten Inflation Tür und Tor und die Belastung für die Bürger werde erhöht.

Markt im Gaza-Streifen
Markt im Gaza-Streifen يورونيوز

Wer keine Banking-App hat

Angesichts der Krise haben einige auf Banking-Apps, digitale Geldbörsen oder das "Notebook"-System zurückgegriffen, bei dem Schulden so lange registriert werden, bis Wechselgeld verfügbar ist.

Diese Lösungen sind jedoch begrenzt und bei weitem nicht für alle zugänglich. Ahmed al-Hasanat betreibt einen Stand auf einem Markt. Er sagt, dass elektronische Zahlungen ein Privileg von wenigen im Gazastreifen sind.

"Es gibt Menschen, die keine Mobiltelefone besitzen, keinen Internetzugang haben und nicht wissen, wie man Apps benutzt", erklärt er. Ein großer Teil der Bevölkerung stehe außerhalb des Wirtschaftskreislaufs und sei deshalb nicht in der Lage, Einkäufe zu tätigen, selbst wenn sie das Geld dafür hätten.

Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) schätzt, dass die Wirtschaft des Gazastreifens seit Beginn des Krieges mehr als 80 Prozent ihrer Produktionskapazitäten verloren hat. Dies hat zu einem starken Rückgang der Wirtschaftstätigkeit und der Liquidität geführt.

Ein Teil der Krise besteht nicht nur in der Knappheit des Geldes, sondern auch in gestörten Umlaufmechanismen. Große Banknoten häufen sich an, während die kleinen Scheine, auf denen die tägliche Wirtschaft beruht, verschwinden, und drei Schekel können ganzen Tag zu einem verlorenen Tag machen.

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