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Verzweifelt in der Zeltstadt am Strand von Beirut: Worauf können die Vertriebenen in Libanon hoffen?

Vertriebene Menschen am Ufer von Beirut
Vertriebene Menschen am Ufer von Beirut Copyright  Copyright 2026 The Associated Press. All rights reserved.
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Von Ali Hamdan & يورونيوز
Zuerst veröffentlicht am
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An der Uferpromenade in Beirut warten Tausende Vertriebene auf ein Ende des Krieges. Doch gibt es wirklich eine Perspektive auf eine Rückkehr - angesichts völlig zerstörter Infrastruktur? Und wer hilft den Vertriebenen in Libanon, die wohl noch lange warten müssen? Euronews hat mit ihnen gesprochen.

Entlang der Uferpromenade in Beiruts Bezirk Bial entsteht ein Ort, der auf keiner Libanon-Karte verzeichnet ist. Es ist eine Stadt aus Zelten und feuchten Decken mit vielen Menschen. Sie haben zwar einen Blick auf das Meer, doch die einstige Touristenattraktion ist nun stummer Zeuge einer der brutalsten Vertreibungswellen seit Jahren im Libanon.

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Alles dreht sich um die Anzahl der Nächte, die die Menschen außerhalb ihrer Häuser geschlafen haben. Die Zeit wird nicht in Stunden gemessen, sondern in der Zahl der Tage, die vergangen sind, ohne dass es eine klare Nachricht über ihre mögliche Rückkehr nach Hause gab.

In diesem engen, dem Wind ausgesetzten Stadtgebiet vermischt sich der Geruch von Regen mit dem von nassem Feuerholz, und das Rauschen der Wellen vermischt sich mit den Rufen von Kindern, die versuchen, ohne Spielzeug zu spielen. Das normale Leben ist weit weg, die Tage werden zu einer langen Geduldsprobe, der Aufenthalt in Beirut ist mehr als nur ein flüchtiger Zwischenstopp.

Eine temporäre Stadt auf dem Bürgersteig

Nachts wirken die am Meer aufgereihten Zelte wie ein zerbrechlicher Schutzwall gegen den Winter. Aneinandergereihte Reihen in verschiedenen Farben und Größen, die mit Steinen, Seilen oder einfachen Werkzeugen befestigt sind, um zu versuchen, das Innere vor Wind und Feuchtigkeit zu schützen.

Euronews war in dieser "provisorischen Stadt" unterwegs, die ohne Planung, ohne Dienstleistungen und ohne Gewissheit über ihre Zukunft errichtet wurde. Hier leben Tausende Vertriebene, die gezwungen waren, ihre Heimatstädte zu verlassen, als sich die Kämpfe zwischen der Hisbollah und Israel verschärften und Luftangriffe große Gebiete der Grenzdörfer und -städte trafen, die sich bis in die südlichen Vororte der Hauptstadt Beirut und im Norden und Osten des Libanon erstreckten.

Vertriebene an der Strandpromenade von Beirut im Libanon
Vertriebene an der Strandpromenade von Beirut im Libanon Copyright 2026 The Associated Press. All rights reserved.

In den Zelten sind Familien eingepfercht, die nicht genug Platz zum Schlafen haben. Draußen flattert ihre Kleidung im Wind - aufgehängt an Seilen, die zwischen Metallstangen gespannt sind. Kleine Ecken werden zu behelfsmäßigen Küchen, in denen vorsichtig Feuerstellen entzündet werden.

Einige Familien wollten nicht gefilmt oder fotografiert werden, aber sie teilen ihre tiefe Sorge über die Zukunft. Angesichts des Ausmaßes der durch die israelischen Angriffe verursachten Zerstörungen ist ihren Schilderungen zufolge an eine Rückkehr nicht zu denken. Einer von ihnen sagt mit leiser Stimme: "Selbst wenn der Krieg aufhört. Wohin würden wir zurückkehren?"

"Der Staat existiert. Aber er ist abwesend."

Mohammed Daghman kommt aus Nabatiyeh, einer Stadt mit etwa 75.000 Einwohnern, etwas mehr als 50 Kilometer von Beirut entfernt. Er fasst ein Gefühl in Worte, das viele hier empfinden: "Die Beamten hören, sehen und wissen, aber sie halten sich die Ohren zu, damit sie nichts hören, ziehen einen schwarzen Vorhang vor ihre Augen und schweigen."

Am Eingang eines Zeltes fährt in einem ruhigen Ton fort und verbirgt seine Wut: "Ich wünsche mir als Bürger, dass sie einfach mal einen Blick auf die Realität werfen, um das Ausmaß des Leids zu sehen. Es gibt einen Staat. Aber er ist abwesend. Er ist nur für die Schwachen und die Armen stark."

Unter den Binnenvertriebenen herrscht der allgemeine Eindruck, dass die offizielle Reaktion des Staates der Krise nicht gerecht wird und dass die meiste Unterstützung aus Einzelinitiativen oder Kampagnen von Gruppen aus der Zivilgesellschaft kommt.

Unvorbereitete Vertreibung Furcht vor Krankheiten

Mahdi Omar, ein Vertriebener aus einem südlichen Vorort von Beirut, erinnert sich an den Moment, als er sein Haus verlassen musste, als wäre er nur Stunden zuvor geschehen: "Niemand war in der Lage, sein Hab und Gut vorzubereiten oder mitzunehmen. Sobald der Beschuss der südlichen Vororte begann, herrschte Panik, so dass wir überstürzt aufbrechen mussten."

Die Grundbedürfnisse gehen über Essen und Decken hinaus, sagt er: "Wir brauchen Lebensmittel, Reinigungsmittel und sanitäre Einrichtungen. Wenn die Situation so weitergeht, könnten sich Krätze und Läuse unter den Kindern ausbreiten".

In vielen Zelten werden diese Befürchtungen bereits Wirklichkeit. Der Mangel an sauberem Wasser, die unzureichenden sanitären Einrichtungen und die ständige Feuchtigkeit machen das tägliche Leben zu einer Herausforderung für die Gesundheit, ohne dass ein Ende absehbar wäre.

Wenn Initiativen für den Staat einspringen

Mustafa Atoui, der aus der südlichen Stadt Siddiqin geflüchtet ist, meint, die Situation im Lager in Bial offenbare eine beeindruckende Seite der libanesischen Gesellschaft: "Die Aufgaben, die eigentlich vom Staat hätten übernommen werden müssen, werden jetzt von den Menschen selbst geleistet, da alle unabhängig von ihrer konfessionellen Zugehörigkeit füreinander einstehen."

Vertriebene Menschen auf dem Beiruter Pier
Vertriebene auf dem Pier von Beirut Copyright 2026 The Associated Press. All rights reserved.

Viele konnten bei ihrer Vertreibung nichts mitnehmen: "Die Menschen konnten ihr Hab und Gut nicht mitnehmen, da sie in aller Eile vertrieben wurden, und die Unterkünfte sind voll, weil die meisten Menschen aus dem Süden und dem Bekaa-Tal fliehen mussten."

Aus den Berichten der Betroffenen geht hervor, dass der Großteil der Hilfe für die Vertriebenen von Einzelinitiativen oder kleinen lokalen Vereinigungen stammt, während die offizielle Unterstützung im Vergleich zum Ausmaß und zur geografischen Ausdehnung der Krise gering erscheint.

Wochen vergehen, aber kein Rückkehrdatum

Je mehr Wochen vergehen, desto weniger ist die Vertreibung eine akute Notsituation wie in den Anfangstagen, es ist jetzt eher ein langfristiges, vorübergehendes Leben. Viele Familien fragen nicht mehr, wann der Krieg zu Ende sein wird, sondern wann und ob eine Rückkehr überhaupt möglich sein wird.

Eingestürzte oder einsturzgefährdete Häuser, Dörfer in Trümmern und eine zerstörte Infrastruktur machen es schwer, sich einer Rückkehr vorzustellen, selbst wenn die Kämpfe aufhören.

Auf dem Pier verschieben sich die Prioritäten der Menschen allmählich: Sie warten nicht mehr darauf, dass die Bombardierungen aufhören, sondern suchen nach einer Schule für ihre Kinder, nach einer vorübergehenden Arbeit und immer wieder aufs Neue nach einer Möglichkeit, einen weiteren Tag zu überleben.

Warten mit Blick auf den Horizont

Bei Sonnenuntergang sitzen einige der Vertriebenen am Rande eines Bürgersteigs am Meer. Sie schauen schweigen auf den Horizont, als könne dieser einen Weg zurück weisen oder sie suchen ein Zeichen dafür, dass ihr aktuelles Leben kein dauerhaftes Schicksal ist.

In diesen Momenten sind die Zelte nicht nur ein vorübergehender Unterschlupf, sondern ein Zeichen der harten Zeit für die Menschen aus dem Süden. Eine Zeit, in der sich der Krieg mit dem Winter vermischt, die Angst mit dem Warten und die Hoffnung mit einer Realität, die noch für alle Möglichkeiten offen ist.

Vorerst bleibt die Strandpromenade von Bial in Beirut ein temporärer Lebensraum - für Menschen, die vor allem auf das Ende des Krieges warten.

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