Angriffe auf Energie- und Wasserinfrastruktur treffen zunehmend die Zivilbevölkerung im Iran. Die Präsidentin des Internationalen Roten Kreuzes, Mirjana Spoljaric, warnt im Euronews-Interview vor schweren Verstößen gegen das Völkerrecht und fordert ein Ende der Angriffe.
Einen Monat dauert der Krieg im Iran mittlerweile an. Im Iran sollen inzwischen mehr als 3.300 Menschen getötet worden sein, darunter mehr als 1.400 Zivilisten. Das zeigen Zahlen der Nicht-Regierungsorganisation Human Rights Activists in Iran (HRANA), die ihren Sitz in den Vereinigten Staaten hat. Euronews konnte diese Zahlen nicht verifizieren.
Herausfordernd sind für die Zivilbevölkerung auch Angriffe auf Energieinfrastruktur und Wasseranlagen. Vergangene Woche bombardierte Israel eines der wichtigsten Gasfelder Irans, South Pars. Im Gegenzug griff Iran den Ras Laffan in Katar an, den größte LNG-Hafen der Welt. Die Reparatur beider Anlagen könnte Jahre dauern.
In Teheran sei die Wasser- und Energieversorgung nach Angriffen Israels und der Vereinigten Staaten inzwischen stark beschädigt, so der iranische Energieminister Abbas Aliabadi laut der iranischen Nachrichtenagentur ISNA.
Zudem wirft der Iran den Vereinigten Staaten vor, eine Entsalzungsanlage auf der Insel Qeschm in der Straße von Hormus angegriffen zu haben, so der iranische Außenminister Seyed Abbas Araghchi auf der Social-Media-Plattform X. Demnach sei die Wasserversorgung von 30 Dörfern beeinträchtigt worden. Irans Vorwurf wurde bisher nicht unabhängig bestätigt. Iran reagierte mit einem vermeintlichen Vergeltungsschlag und soll Entsalzungsanlagen in Bahrain angegriffen haben.
Angesichts der sich für Zivilisten zuspitzenden Situation im Iran fordert die Präsidentin des Internationalen Roten Kreuzes (IKRK), Mirjana Spoljaric, im Interview mit Euronews, ein sofortiges Ende der Angriffe auf lebenswichtige Infrastruktur. Euronews hat sie per Zoom getroffen.
Die Zivilbevölkerung trage die Hauptlast der Eskalation im Iran-Krieg. Angriffe auf zivile Infrastruktur seien "inakzeptabel" und könnten gegen das humanitäre Völkerrecht verstoßen, so die IKRK-Chefin Mirjana Spoljaric zu Euronews. Millionen Menschen seien betroffen, viele auf der Flucht. Der Konflikt zerstöre Lebensgrundlagen, erschwere Hilfe und verzögere den Wiederaufbau – mit Folgen weit über die Region hinaus.
Euronews: Frau Spoljaric, wir sehen derzeit eine deutliche Eskalation im Iran. Wie wirkt sich das auf die Zivilbevölkerung vor Ort aus?
Spoljaric: Leider zeigt sich heute, ebenso wie in den vergangenen vier Wochen, dass die Zivilbevölkerung die Hauptlast dieser jüngsten Eskalation trägt. Dass zivile Infrastruktur im gesamten Nahen Osten, einschließlich der Golfstaaten, im Zentrum von Angriffen steht, ist aus humanitärer Sicht inakzeptabel, aber auch aus der Perspektive einer Organisation, die das humanitäre Völkerrecht verteidigt und dafür eintritt.
Euronews: Haben Sie eine Vorstellung davon, wie viele Menschen derzeit betroffen sind?
Spoljaric: Wir sind in der Sammlung von Daten zu eingeschränkt und auf Angaben anderer Institutionen wie der Vereinten Nationen angewiesen. In jedem Fall sind die Zahlen viel zu hoch. Man sieht weiterhin massive Vertreibungen, etwa im Libanon. Und diese Menschen, wir sprechen inzwischen möglicherweise von einer Million, wissen nicht, wann oder ob sie überhaupt in ihre Häuser zurückkehren können und ob diese dann noch existieren werden.
Euronews: Was sind derzeit die größten humanitären Risiken?
Spoljaric: Wir hören äußerst besorgniserregende Aussagen. Die Situation ist ernst, denn gezielte oder wahllose Angriffe auf lebenswichtige Infrastruktur können einen schweren Verstoß gegen das humanitäre Völkerrecht darstellen, da sie geschützte Zivilpersonen treffen. Sie schaffen eine Situation, in der nichts mehr sicher ist. Menschen geraten unter Druck, weil sie direkt angegriffen werden oder ihr Zuhause zerstört wird, aber auch, weil sie fliehen müssen, wenn es kein Trinkwasser mehr gibt oder keine Elektrizität, um Zugang zu Gesundheitsversorgung und anderen lebenswichtigen Diensten zu gewährleisten. Deshalb sind solche Angriffe inakzeptabel und müssen aufhören.
Euronews: Sie haben gerade mögliche Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht angesprochen. Was beobachten sie noch?
Spoljaric: Wir sehen auf vielfältige Weise, wie Zivilisten unter Druck geraten – durch fehlenden Zugang zu Gesundheit, Wasser oder Nahrung. Doch was wir jetzt beobachten, geht noch tiefer: Es wird die Möglichkeit zerstört, dass Menschen überhaupt noch in einem Gebiet leben können. Die gesamte Infrastruktur, die die Grundlage menschlicher Existenz bildet, wird im Krieg angegriffen. Das deutet auf ein maßloses Vorgehen hin, bei dem kaum noch Einschränkungen hinsichtlich militärischer Ziele erkennbar sind. Wenn militärische Operationen so geführt werden, droht eine Eskalation, die außer Kontrolle gerät. Schon heute sehen wir, wie schwierig es ist, die Auswirkungen einzudämmen, die inzwischen wahrscheinlich jeden Menschen weltweit in irgendeiner Weise erreichen.
Euronews: Was bedeuten Angriffe auf zivile Infrastruktur wie Energieanlagen langfristig für den Wiederaufbau Irans?
Spoljaric: Jedes Mal, wenn solche Angriffe stattfinden, wissen wir, dass es deutlich länger dauern wird, bis die Bevölkerung zur Normalität zurückkehren kann und auch die Wirtschaft wieder ein Niveau erreicht, das das Überleben sichert. In den vergangenen drei bis vier Jahren haben wir einen exponentiellen Anstieg der Wiederaufbaukosten gesehen – auch aufgrund dieser massiven Angriffe auf grundlegende Dienste und Infrastruktur. Sie führen zu Vertreibung und bedeuten gleichzeitig, dass der Wiederaufbau sehr lange dauern wird. Schauen Sie nach Syrien: 15 Jahre nach Beginn des Konflikts leben viele Menschen noch immer in einer Situation ohne Wiederaufbau.
Euronews: Wie schwierig ist es derzeit für Organisationen wie das IKRK, Menschen in Not zu erreichen?
Spoljaric: Unser Handlungsspielraum schrumpft. Es ist schlicht zu gefährlich. In manchen Einsatzgebieten gibt es keine sicheren Orte mehr. Zudem ist unsere Bewegungsfreiheit durch die große Menge an Sprengstoffen eingeschränkt, denken Sie an Gaza. Gaza ist weitgehend zerstört und stark kontaminiert. Wir können uns nicht frei bewegen, ohne unser Leben und das der Menschen, denen wir helfen wollen, zu riskieren.
Euronews: Sie haben während Ihrer Zeit bei den Vereinten Nationen sich intensiv mit Israel und Palästina befasst. Was bedeutet die aktuelle Eskalation im Iran für Gaza, das Westjordanland und Länder wie den Libanon?
Spoljaric: Die humanitäre Lage in Gaza, im Westjordanland und im Libanon ist akut. Doch angesichts der aktuellen Eskalation besteht die Gefahr, dass diese Krisen aus dem Blick geraten – und das ist gefährlich. Im gesamten Nahen Osten herrscht große Angst vor einer weiteren Eskalation. Mein Appell an die Staaten ist daher, jetzt in Deeskalation zu investieren, bevor es zu spät ist. Die Menschen leben in Angst. Sie hören die Ankündigungen, sie werden vertrieben, und sie sehen kein Ende. Gleichzeitig rufen politische Führer weiterhin zu neuen militärischen Operationen auf. Das verstärkt die Panik in der Zivilbevölkerung. Die Menschen fliehen, wissen aber nicht wohin. Wir müssen das eindämmen. Niemand profitiert am Ende von einem Krieg ohne Regeln. Er wird letztlich selbstzerstörerisch.
Euronews: Welche Verantwortung trägt die iranische Führung, wenn es um Deeskalation und den Schutz der Zivilbevölkerung geht?
Spoljaric: Nach dem humanitären Völkerrecht tragen alle Staaten gleichermaßen Verantwortung. Sie müssen zivile Infrastruktur schützen und Zivilisten so weit wie möglich von Kampfhandlungen verschonen. Jeder Staat, der gezielt zivile Infrastruktur angreift, handelt rechtswidrig. Wir unterscheiden nicht zwischen Staaten. Wir sind eine neutrale, unabhängige Organisation und sprechen mögliche Verstöße gegenüber den jeweiligen Behörden an.
Euronews: Wie wirkt sich dieser Krieg auf Regionen außerhalb des Nahen Ostens aus?
Spoljaric: Er hat vor allem eine wirtschaftliche Folgewirkungen. Das sehen wir bereits: steigende Energie- und Treibstoffpreise sowie unterbrochene Lieferketten. Das betrifft die Wirtschaft weltweit. Aber auch sicherheitspolitisch gibt es Auswirkungen. Moderne Technologien führen dazu, dass Konflikte weit über Regionen hinauswirken. Man kann in einen Konflikt hineingezogen werden, selbst wenn man weit entfernt ist. Angriffe finden weltweit statt und können mit dem Geschehen im Nahen Osten zusammenhängen. Zudem senden solche Konflikte ein gefährliches Signal an bewaffnete Gruppen weltweit, nämlich dass es keine Regeln mehr gibt. Das beeinflusst ihr Verhalten.