Mehr als 27 Millionen Wahlberechtigte in Peru sind am Sonntag an die Urnen gerufen: Es gibt 35 Kandidaten und Kandidatinnen, niemand liegt wirklich vorn und eine zweite Runde im Juni ist so gut wie sicher.
Peru befindet sich seit zehn Jahren in einer politischen Phase, die kaum noch jemand als normale Demokratie zu bezeichnet. Seit 2016 sind vier Präsidenten in Haft oder im Hausarrest gelandet. Der 80-jährige Ex-Präsident Alejandro Toledo verbüßt derzeit eine Haftstrafe wegen geheimer Absprachen und Geldwäscherei. Der 63-jährige ehemalige Staatschef Ollanta Humala wurde verurteilt, weil er illegale Gelder von Hugo Chávez erhalten hatte.
Ex-Präsident Pedro Pablo Kuczynski wurde wegen seiner Verbindungen zum Bauunternehmen Odebrecht verhaftet. Und Pedro Castillo, der 2021 an die Macht gekommen war, wurde zu elf Jahren Gefängnis verurteilt, nachdem er versucht hatte, das Parlament im Dezember 2022 aufzulösen.
Acht von zehn Peruanern und Peruarerinnen glauben laut AmericasBarometer , dass die meisten Politiker korrupt sind. Und dennoch gehen sie an diesem Sonntag wählen, wozu sie gesetzlich verpflichtet sind.
Diejenigen, die nicht zur Wahl gehen, müssen eine Geldstrafe zahlen, obwohl in einigen ländlichen Gebieten die Reisekosten die der Strafe bei weitem übersteigen. Das erklärt, warum die Wahlbeteiligung trotz der Wahlpflicht zwischen 20 und 30 % liegt.
35 Kandidaten und Kandidatinnen: Niemand liegt vor
Die konservative Keiko Fujimori - Tochter des ehemaligen Präsidenten und vor Jahren der Korruption beschuldigt - führt in den Umfragen mit rund 15 %.
Hinter ihr folgt der ehemalige Bürgermeister von Lima Rafael López Aliaga, er trägt den Spitznamen "Porky" (Schweinchen). Aliaga ist gegen Abtreibungen und will Gefängnisse im Dschungel bauen lassen, die von "giftigen Schlangen" bewacht werden sollten.
Gegen Aliaga wurde wegen Steuerhinterziehung ermittelt.
Ein anderer Kandidat ist der Komiker und Kabarrettist Carlos Álvarez.
Álvarez tritt für die Mitte-rechts-Partei Pais para Todos an. Bei ihm - wie bei den meisten Kandidaten steht die Bekämpfung der Kriminalität im Zentrum. Er will die Todesstrafe wieder einführen, falls er gewählt werden sollte. Whistleblower, die Korruptionsfälle offenlegen, sollen laut dem Kabarettisten belohnt werden.
Keine Kandidatin und kein Kandidat erreicht auch nur annähernd die für einen Sieg im ersten Wahlgang erforderlichen 50 %.
Die hohe Zahl der Bewerber und Bewerberinnen führt zu einer weit verbreiteten Unentschlossenheit, zu Umfragen, die von Woche zu Woche schwanken, und zu einer Wählerschaft, die ohne große Überzeugung an die Urnen geht. In diesem Zusammenhang sprechen Analysten davon, dass "die beiden größten Minderheiten" in die für den 7. Juni angesetzte zweite Runde kommen werden.
Der Schlüssel zum Verständnis der peruanischen Wahllandkarte sind zwei Strömungen mit ähnlichem Gewicht, die jeweils etwa 15 Prozent der Wählerschaft auf sich vereinen. Der Fujimorismus, ein Erbe des ehemaligen Präsidenten Alberto Fujimori, der mit sozialem Konservatismus und dem freien Markt in Verbindung gebracht wird.
Und der Castillismo, der um Pedro Castillo entstand und den ländlichen Sozialismus der südlichen Andenregion vertritt. Der Unterschied besteht darin, dass sich die Stimmen der Fujimorista auf Keiko Fujimori konzentrieren, während die Stimmen der Linken auf mehrere progressive Kandidaten verteilt sind, was die Chancen eines jeden von ihnen verringert.
Die Konvergenz der wichtigsten Umfragen deutet darauf hin, dass Keiko Fujimori das Rennen um die zweite Runde anführt und je nach Institut zwischen 15 und 18 % der gültigen Stimmen erhält. Um den zweiten Platz kämpfen vor allem Carlos Álvarez vom Mitte-Rechts-Lager und Rafael López Aliaga vom ultrakonservativen Lager, beide mit einem Abstand von nicht mehr als drei Prozentpunkten.
Der Rechtsruck und die Krise der Linken
Der Anteil der Peruaner, die ideologisch rechts stehen, ist nach Angaben des Instituts für Peruanische Studien von 29 % im Jahr 2021 auf 41 % im Jahr 2026 gestiegen.
Die zunehmende Unsicherheit, mehr Morde, mehr Erpressung, mehr organisierte Kriminalität, haben einen großen Teil der Wählerschaft zu Kandidaten und Kandidatinnen getrieben, die eine harte Hand versprechen. Viele von ihnen haben ihre Kampagnen auf die Versprechen konzentriert, die Armee einzusetzen oder das Justizsystem zu verschärfen.
López Aliaga, der wegen seiner ultrakonservativen Ideologie den Spitznamen "peruanischer Bolsonaro" trägt, schien bis vor kurzem Fujimoris direktester Rivale zu sein. Doch die jüngsten Umfragen zeigen, dass Carlos Álvarez, ein Fernsehmoderator, der auch Politiker imitiert, ihn überholt hat. Álvarez zieht eine vom System enttäuschte Wählerschaft an, die sich vom "Establishment" entfremdet hat und in seinem "Außenseiter"-Profil etwas findet, das sich vom Üblichen unterscheidet.
Die Linke hingegen trägt die Last von Castillos Scheitern. Roberto Sánchez von Juntos por Perú, der als Erbe des Castillismo antritt und sich auf die Stimmen der ländlichen Bevölkerung im Süden stützt, hat nach Ansicht von Analysten nur geringe Chancen. Bezeichnenderweise liegen Fujimori und Sanchez selbst in den ländlichen Gebieten mit jeweils 15 Prozent der Wählerstimmen gleichauf, was darauf hindeutet, dass die Linke einen Teil ihrer traditionellen Basis verloren hat.
Eine stabile Wirtschaft in einem politisch instabilen Land
Es gibt ein Paradoxon, das Peru gut charakterisiert: Während die Politik zusammengebrochen ist, hat sich die Wirtschaft gehalten. Das Land hat in den letzten zwei Jahren ein jährliches Wachstum von 3 % bei einer Inflation von 2 % verzeichnet.
Peru ist der drittgrößte Kupferproduzent der Welt, ein Mineral, das mit dem Ausbau der künstlichen Intelligenz und der Datenzentren immer gefragter wird. 2025 brachte es dem Land 24 Milliarden Dollar. Außerdem hat Peru 23 Freihandelsabkommen geschlossen, darunter mit China und den USA.
Der Schlüssel zu dieser finanziellen Stabilität war zum großen Teil die Unabhängigkeit der Zentralbank, deren Präsident seit 20 Jahren im Amt ist und zahlreiche Präsidenten der Republik überlebt hat.
Experten warnen jedoch davor, dass diese Unabhängigkeit allmählich erodiert: Das Finanzministerium gerät zunehmend unter politischen Druck, und das Verfassungsgericht hat dem Kongress die Möglichkeit eröffnet, Verordnungen zu verabschieden, die sich direkt auf die öffentlichen Ausgaben auswirken.
Schließlich bringen diese Wahlen auch eine strukturelle Veränderung mit sich: Der Kongress soll zum ersten Mal, seit Alberto Fujimori den Senat in der Verfassung von 1993 abgeschafft hat**, aus zwei Kammern bestehen** . Die 60 neuen Senatoren werden befugt sein, hochrangige staatliche Behörden zu wählen, wodurch ein weiterer wichtiger Akteur in einem politischen System hinzukommt, das schon jetzt nicht wirklich funktioniert.