Der Tod einer deutsch-türkischen Familie in einem Hotel in Istanbul hatte Entsetzen ausgelöst. Nun stehen sechs Hotelmitarbeiter und Schädlingsbekämpfer vor Gericht. Die Anklage wirft ihnen schwere Versäumnisse beim Umgang mit hochgiftigen Chemikalien vor.
Sechs Hotelmitarbeiter und Schädlingsbekämpfer standen am Dienstag in Istanbul vor Gericht. Ihnen wird vorgeworfen, den Tod einer vierköpfigen deutsch-türkischen Familie verursacht zu haben, die während ihres Urlaubs durch ein Insektizid vergiftet wurde.
Zu seiner Verteidigung sagte Hakan Oğlak, der Eigentümer des Hotels, in dem sich der Vorfall ereignete: "Ich glaube nicht, dass es das Pestizid war." Der Inhaber der Schädlingsbekämpfungsfirma wies die Vorwürfe mit den Worten zurück: "Ich bin nur der Eigentümer der Firma, ich verstehe nichts von Schädlingsbekämpfung."
Oğlak sagte weiter: "Ich habe keine Schuld oder Fahrlässigkeit an dem Vorfall. Ich habe die Sprüharbeiten von einem professionellen Unternehmen durchführen lassen. Woher hätte ich wissen sollen, dass dieser Firma die Lizenz entzogen worden war?"
Familie Böcek starb innerhalb weniger Tage
Die Familie Böcek war am 12. November während ihres Aufenthalts im Harbour Suites Old City Hotel im Istanbuler Stadtteil Fatih erkrankt.
Zunächst fuhr die Familie mit dem Taxi ins Krankenhaus, nachdem sie über Übelkeit und Erbrechen geklagt hatte, kehrte danach jedoch in das Hotel zurück. Am nächsten Tag wurde sie mit dem Krankenwagen erneut ins Krankenhaus gebracht. Dort starben der sechsjährige Kadir Muhammed und seine dreijährige Schwester Masal. Ihre Mutter Çiğdem starb am 14. November, ihr Vater Servet am 17. November.
Der Tod der Familie Böcek hat in der Türkei neue Bedenken über die Sicherheitsstandards in Hotels ausgelöst und Forderungen nach strengeren Kontrollen verstärkt. Im Januar vergangenen Jahres kamen bereits 78 Menschen bei einem Hotelbrand in einem Skigebiet in Kartalkaya ums Leben.
Ermittler sehen schwere Versäumnisse
Laut Anklageschrift, die dem 30. Hohen Strafgericht in Istanbul vorgelegt wurde, konnten die Rettungskräfte die Familie zunächst nicht erreichen. Der Rezeptionist Muhammed Moeen habe sich durch den Geruch aus dem mit Insektizid behandelten Zimmer gestört gefühlt und die Eingangstür des Hotels verschlossen.
Damals veröffentlichte Videoaufnahmen zeigten, wie Servet Böcek seine Tochter zur Rezeption trug und anschließend versuchte, die Glastür einzuschlagen.
Nach Angaben der Anklage trugen mehrere Faktoren zum Tod der Familie bei: die siebenminütige Verzögerung, bis Moeen zurückkehrte und die Tür öffnete, unzureichende Sicherheitsmaßnahmen während der Schädlingsbekämpfung sowie fehlendes Personal für Notfälle.
Obwohl der Vorfall zunächst als Lebensmittelvergiftung behandelt wurde, fanden Ermittler später Spuren des Pestizids Phosphingas an Handtüchern, Masken und in Tupferproben aus dem Hotel. Phosphin ist eine hochgiftige Substanz, die schwere Atemwegsprobleme und Organschäden verursachen kann.
Das inzwischen geschlossene Harbour Suites war eines von vielen preisgünstigen Hotels in Gehweite zu Sehenswürdigkeiten wie der Blauen Moschee und der Hagia Sophia.
Hohe Haftstrafen gefordert
Die Staatsanwaltschaft fordert für den Hotelbesitzer Hakan Oğlak, Zeki Kişi und Serkan Kişi, die Inhaber von DSS Pest Control, den DSS-Mitarbeiter Doğan Çağferoğlu sowie den Rezeptionisten Moeen Haftstrafen zwischen zwei Jahren und acht Monaten sowie 22,5 Jahren. Ihnen wird fahrlässige Verursachung mehrerer Todesfälle vorgeworfen.
Einem weiteren Hotelangestellten, Rushtemsha Batyrov, drohen wegen desselben Delikts zwischen zwei und 15 Jahren Gefängnis.
Der Anklageschrift zufolge war Çağferoğlu, der den Raum im Erdgeschoss direkt unter dem Zimmer der Familie Böcek besprühte, nicht befugt, gefährliche Chemikalien einzusetzen.
Außerdem soll das Unternehmen ohne Genehmigung Aluminiumphosphid verwendet haben, einen Stoff, der für Wohngebiete ungeeignet ist. Laut Anklage beschäftigte die Firma zudem nicht autorisiertes Personal und traf keine ausreichenden Sicherheitsvorkehrungen.
Oğlak wird vorgeworfen, den Einsatz gefährlicher Chemikalien durch unqualifiziertes Personal gebilligt, beim Sprühen keine ausreichenden Sicherheitsmaßnahmen getroffen und das Hotel nicht evakuiert zu haben.
Drei weitere Touristen, die sich zum Zeitpunkt des Vorfalls im Harbour Suites aufhielten, erlitten ebenfalls Vergiftungserscheinungen, erholten sich jedoch nach medizinischer Behandlung.
Weitere Fälle sorgen für neue Fragen
Unterdessen wurde am Dienstag bekannt, dass bereits einige Monate vor dem Tod der Familie Böcek zwei niederländische Jugendliche in einem anderen Hotel im Istanbuler Stadtteil Fatih an einer Phosphinvergiftung gestorben waren.
Jamil Yusuf Muhammad, 17, und sein Bruder Yazdani, 15, wurden am 22. August vergangenen Jahres tot in ihrem Zimmer im Grand Sami Hotel aufgefunden. Ihr Vater Rashid hatte sich nach einem Krankenhausaufenthalt wieder erholt.
Wie die Nachrichtenagentur Demirören berichtet, wurden in diesem Fall fünf Hotelangestellte und Schädlingsbekämpfer angeklagt und bis zum Prozessbeginn in Untersuchungshaft genommen.