Für den russischen Präsidenten ist der Tag des Sieges wohl der wichtigste Feiertag des Jahres. Doch dieses Mal bleiben sogar Russlands frühere Verbündete fern und lassen den Kreml mit seinen stark reduzierten Feierlichkeiten allein.
Die Parade zum Tag des Sieges in Moskau verwandelt sich langsam aber sicher von einer großen Demonstration russischer Militärmacht in eine eher kleine, intime Veranstaltung.
Bei der Parade am Samstag werden nicht nur keine Militärfahrzeuge oder Kadetten zu sehen sein - der Kreml begründet das mit der "aktuellen operativen Situation" -, auch die Zahl der Gäste in Moskau fällt deutlich geringer aus.
Wer also sind die wenigen, die trotz der Sicherheitsrisiken durch die Ukraine und möglicher Imageschäden - unabhängig davon, ob Kyjiw angreift oder nicht - am 9. Mai an der Parade teilnehmen werden?
Von US-Präsidenten zu von Moskau eingesetzten Besatzungsbehörden
Als sich die Beziehungen zwischen Russland und dem Westen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 verbesserten, nahmen zahlreiche westliche Staats- und Regierungschefs an den Feierlichkeiten zum Tag des Sieges teil.
1995 gehörten unter anderem US-Präsident Bill Clinton, der britische Premierminister John Major und Kanadas Premierminister Jean Chrétien zu den Gästen.
Auch US-Präsident George W. Bush nahm 2005 an der Parade zum Tag des Sieges teil - gemeinsam mit Staats- und Regierungschefs aus Frankreich, Deutschland und weiteren Ländern. Die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel war 2010 auf dem Roten Platz vertreten.
Doch seit der völkerrechtswidrigen Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim durch Russland im Jahr 2014 haben sich die Beziehungen zwischen dem Kreml und dem Westen deutlich verschlechtert. Westliche Staats- und Regierungschefs blieben der Veranstaltung zunehmend fern.
Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine Anfang 2022 wurde die Gästeliste noch kürzer. In den vergangenen Jahren war die Liste derjenigen, die tatsächlich zur Parade erschienen, deutlich kürzer als die derjenigen, die fernblieben.
Die vom russischen Außenministerium veröffentlichte Teilnehmerliste für 2026 ist die kürzeste in der modernen Geschichte Moskaus.
Laos und Malaysia vertreten
Unter den Gästen, die am Samstag auf dem Roten Platz erwartet werden, befinden sich lediglich zwei internationale Führungspersönlichkeiten: der Staatspräsident von Laos, Thongloun Sisoulith, sowie der malaysische König Ibrahim Sultan Iskandar.
Der Kreml besteht zudem darauf, dass auch der slowakische Ministerpräsident Robert Fico anwesend sein werde - obwohl Fico selbst erklärt hat, die Parade während seines Moskau-Besuchs nicht besuchen zu wollen.
Der stellvertretende slowakische Außenminister Rastislav Chovanec bestätigte, dass Fico nicht an der Parade teilnehmen werde. Stattdessen wolle er die Gelegenheit nutzen, um Vladimir Putin Botschaften des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj zu übermitteln.
Für den Kreml dürfte das ein besonders unangenehmes Szenario sein: Ausgerechnet der europäische Politiker, auf den Moskau offenbar gesetzt hatte, würde damit als Überbringer von Nachrichten aus Kyjiw auftreten.
Zu denjenigen, die kaum eine Wahl haben, der Parade fernzubleiben, zählen die von Russland eingesetzten Besatzungsverwaltungen in den besetzten Gebieten.
Diese Gäste lassen sich allerdings kaum als "ausländische" oder gar unabhängige Staats- und Regierungschefs bezeichnen.
Badra Gunba aus der georgischen Separatistenregion Abchasien sowie Gaglojew aus Südossetien bestätigten ihre Teilnahme.
Moskau hatte nach dem Krieg mit Georgien 2008 die Kontrolle über Abchasien und Südossetien weiter ausgebaut und unterhält dort bis heute eine militärische Präsenz.
International gelten beide Gebiete weiterhin als Teil Georgiens. Zusammen machen sie rund 20 Prozent des international anerkannten georgischen Staatsgebiets aus.
Wie jedes Jahr wird zudem der belarussische Machthaber Alexander Lukashenko erwartet.
Lukaschenko hat bislang kaum eine Gelegenheit ausgelassen, sich demonstrativ an Putins Seite zu zeigen - auch nicht bei den Feierlichkeiten zum 9. Mai. Sein Status als "ausländischer Staatschef" ist dabei ebenfalls umstritten.
Weder die EU noch die USA erkennen Lukaschenko als rechtmäßig gewählten Präsidenten von Belarus an. Das hat Putins engsten Verbündeten jedoch nie davon abgehalten, am 9. Mai auf der Ehrentribüne Platz zu nehmen.
Eine Delegation der bosnischen Entität Republika Srpska mit dem ehemaligen Präsidenten der Entität, Milorad Dodik, wird ebenfalls teilnehmen.
Dodik, ein bosnisch-serbischer Nationalist, der zu den wenigen europäischen Politikern gehört, die seit dem Einmarsch in der Ukraine zu Gesprächen mit Putin nach Moskau gereist sind, hat in seinem Heimatland ein sechsjähriges Amtsverbot erhalten, so dass er bei der Parade in die Kategorie der "ehemaligen Staatschef" fällt.
Dodik ist auf dem Balkan auch für seine Vorliebe bekannt, Traktoren und andere schwere Fahrzeuge zu fahren. Beobachter gaben ihm deshalb den Spitznamen "Laktašenko" - eine ironische Wortschöpfung aus dem Namen seines Heimatorts Laktaši und dem des belarussischen Machthabers Alexander Lukashenko, der ebenfalls für seine Nähe zu landwirtschaftlichen Maschinen bekannt ist.
Diejenigen, die man am meisten vermissen wird
Was tun, wenn kaum jemand zu Ihrer Party erscheint? Der Kreml behauptet inzwischen einfach, es habe gar keine Einladungen gegeben.
Moskau betont, die wenigen Gäste, die zur Parade kommen, nähmen "aus eigenem Antrieb" teil. Offizielle Einladungen seien nicht verschickt worden.
Putins außenpolitischer Berater Juri Uschakow erklärte, ausländische Staats- und Regierungschefs seien bewusst nicht eingeladen worden: "Anders als im vergangenen Jahr haben wir dieses Mal keine ausländischen Gäste zu den Feierlichkeiten eingeladen."
Doch manche Absagen dürften den Kreml stärker treffen als andere.
Der armenische Premierminister Nikol Paschinjan kündigte an, nicht an der Parade zum Tag des Sieges in Moskau teilzunehmen.
Dabei hatte Paschinjan selbst erst wenige Tage zuvor ein außenpolitisches Großereignis ausgerichtet: In Eriwan fanden das Treffen der Europäische Politische Gemeinschaft sowie ein EU-Armenien-Gipfel statt. Dutzende Staats- und Regierungschefs reisten dafür in die armenische Hauptstadt - ein Maß internationaler Unterstützung, das Vladimir Putin derzeit kaum mobilisieren kann.
Doch nicht einmal die improvisierte musikalische Einlage von Paschinjan und dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron, die gemeinsam Charles Aznavours "La Bohème" anstimmten, dürfte Moskau am meisten verärgert haben.
Entscheidend war vielmehr, welcher Gast ebenfalls in Armenien auftauchte: der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj.
Dass Selenskyj ausgerechnet in einem Land empfangen wurde, das lange als engster Verbündeter Russlands im Südkaukasus galt, dürfte im Kreml als besonders symbolträchtiges Signal wahrgenommen worden sein.
Wegen des Besuchs von Wolodymyr Selenskyj bestellte Moskau sogar den armenischen Botschafter ein. Das russische Außenministerium erklärte, es sei "kategorisch inakzeptabel", Selenskyj eine Plattform zu bieten.
Die Sprecherin des Außenministeriums, Marija Sacharowa, ging noch weiter. Sie warf Armenien - das sie als "freundliches, brüderliches Land" bezeichnete - vor, einem "Terroristen" Raum zu geben.
"Auf welcher Seite der Geschichte stehen Sie?", sagte Sacharowa bei einem Pressebriefing des Ministeriums.
Nikol Paschinjan entgegnete darauf, Armenien sei "kein Verbündeter" Russlands in dessen Krieg gegen die Ukraine. Zudem erklärte er, wegen des laufenden Wahlkampfs für die Parlamentswahl am 7. Juni nicht an der Parade in Moskau teilnehmen zu können.
Inoffizielle Feierlichkeiten
Da weder ausländische Staats- und Regierungschefs noch schweres militärisches Gerät in größerem Umfang vertreten sein werden, scheint Moskau vermeiden zu wollen, der Weltöffentlichkeit zu zeigen, was von der einstigen Machtdemonstration übrig geblieben ist.
Der Kreml verweigerte inzwischen auch internationalen Medien den Zugang, obwohl diese zuvor bereits akkreditiert worden waren.
Mehrere ausländische Medienorganisationen, die weiterhin in Russland arbeiten, wurden darüber informiert, dass ihre Akkreditierungen entzogen worden seien. Als Begründung hieß es, das Format der Veranstaltung sei wegen der aktuellen Lage kurzfristig geändert worden.
Da weder zahlreiche ausländische Staats- und Regierungschefs noch schweres Militärgerät vertreten sein werden, scheint Moskau vermeiden zu wollen, der Weltöffentlichkeit vor Augen zu führen, was von der einstigen Machtdemonstration übrig geblieben ist.
Der Kreml verweigert inzwischen auch internationalen Medien den Zugang - obwohl viele von ihnen bereits akkreditiert waren.
Mehrere ausländische Medien, die weiterhin in Russland arbeiten, wurden darüber informiert, dass ihre Akkreditierungen kurzfristig entzogen worden seien. Als Begründung hieß es, das Format der Veranstaltung sei wegen der aktuellen Sicherheitslage geändert worden.
Der Ukraine-Faktor: Furcht vor dem Unbekannten
Nachdem Russland am Mittwoch den ukrainischen Vorschlag für einen Waffenstillstand abgelehnt hatte, warnte Kyjiw Moskau, man werde auf Angriffe des Kremls "mit gleicher Münze" reagieren.
Angesichts der Unsicherheit darüber, was die Ukraine rund um den 9. Mai plant, verschärfte Moskau seine Drohungen - nicht nur gegenüber Kyjiw, sondern auch gegenüber europäischen Staaten.
Das russische Außenministerium empfahl diplomatischen Vertretungen, ihr Personal vor den Feierlichkeiten zum Tag des Sieges aus Kiew abzuziehen. Moskau begründete dies mit der Sorge vor einem "unvermeidlichen Vergeltungsschlag" der russischen Streitkräfte.
Trotz der Warnungen signalisierten mehrere ausländische Regierungen, dass sie nicht beabsichtigen, ihre diplomatische Präsenz in der Ukraine zu reduzieren.
Am Donnerstag erklärte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj, einige Russland-freundliche Staaten hätten sich an Kyjiw gewandt, um sich nach der Sicherheit ihrer Vertreter bei den Feierlichkeiten am 9. Mai in Moskau zu erkundigen.
"Ein seltsamer Wunsch ... ausgerechnet in diesen Tagen. Wir raten davon ab", sagte Selenskyj, ohne näher auszuführen, was am Samstag geschehen könnte - oder eben nicht.