Der Kieler U-Boot-Bauer TKMS (Thyssenkrupp Marine Systems) meldet Rekordaufträge und steht kurz vor einem Milliarden-Deal mit Indien. Auch Kanada schaut nach Kiel. Deutsche U-Boot-Technologie entwickelt sich damit zum gefragten Exportgut.
Der Kieler Rüstungskonzern Thyssenkrupp Marine Systems (TKMS) befindet sich auf dem stärksten Wachstumskurs seiner Geschichte. Wie das Unternehmen jetzt mitteilte, hat der Auftragsbestand im ersten Halbjahr des laufenden Geschäftsjahres erstmals die Schwelle von 20 Milliarden Euro übersprungen – er liegt nun bei 20,6 Milliarden Euro. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum stieg der Umsatz um zehn Prozent auf rund 1,17 Milliarden Euro, der bereinigte Betriebsgewinn legte um 14 Prozent auf 60 Millionen Euro zu.
"TKMS ist auf Kurs und wächst weiter", sagte Unternehmenschef Oliver Burkhard. Die Werft gehört mehrheitlich zum Thyssenkrupp-Konzern, ist seit Oktober 2025 börsennotiert und inzwischen in den MDAX aufgestiegen – zu den 90 größten börsennotierten Unternehmen Deutschlands.
Moderne U-Boote für Indiens Marine
Im Mittelpunkt der internationalen Wachstumsstrategie steht derzeit ein möglicher Großauftrag aus Indien: Im Rahmen des Beschaffungsprogramms P75(I) sollen sechs hochmoderne U-Boote für die indische Marine entstehen – zu einem Gesamtwert von rund acht Milliarden Euro. Seit September 2025 verhandeln TKMS und der indische Staatskonzern Mazagon Dock Shipbuilders (MDL) offiziell mit der indischen Beschaffungsbehörde. TKMS-Kommunikationschef Nils Beyer bestätigte auf Nachfrage von Euronews: "TKMS und die indische Beschaffungsbehörde befinden sich derzeit in der finalen Verhandlungsphase. Wir bitten daher um Verständnis, dass wir zu konkreten Details aktuell keine Angaben machen werden."
Zur strategischen Bedeutung des Projekts äußerte sich Beyer deutlich: "Indien ist weltweit einer der strategisch wichtigsten maritimen Schauplätze – und das Projekt 75(I) ein Schlüsselprogramm zur Stärkung der indischen Unterwasserfähigkeiten. Für TKMS stellt diese potenzielle Partnerschaft sowohl eine bedeutende industrielle Chance als auch eine langfristige strategische Zusammenarbeit dar."
Die Aufgabenteilung ist klar umrissen: Die U-Boote sollen in Mumbai gefertigt werden, TKMS übernimmt die Rolle des Konstruktions- und Technologiepartners. "TKMS stellt das U-Boot-Design, das zugrunde liegende Know-how sowie Erfahrungen aus ähnlichen U-Boot-Programmen weltweit zur Verfügung, einschließlich fortschrittlicher Technologien wie luftunabhängiger Antrieb und Stealth-Systeme", so Beyer, gemeint sind Tarnkappensysteme. Rumpfbau, Systemintegration und Auslieferung finden hingegen vor Ort in Indien statt.
Indien als Deutschlands strategischer Partner im Pazifik
Ende April reisten der indische Verteidigungsminister Rajnath Singh und sein deutscher Amtskollege Boris Pistorius gemeinsam nach Kiel – ein ungewöhnlich hochrangiger Besuch, der die Bedeutung des Deals zeigt. Nach einem Rundgang durch den Produktionskomplex und einem Besuch an Bord des U-Boots U34 äußerte sich Pistorius zuversichtlich: "Das deutsch-indische U-Boot-Projekt P75(I) gilt als potenzielles Leuchtturmprojekt. Ich bin sehr, sehr zuversichtlich, schon bald unterzeichnen zu können", zitiert ihn der NDR. Singh schrieb nach dem Besuch auf der Social-Media-Plattform X, er habe "modernste Technologien und fortschrittliche maritim-militärische Fähigkeiten" kennengelernt.
Ergänzend zum möglichen Rüstungsgeschäft unterzeichneten beide Regierungen in Berlin eine auf zehn Jahre angelegte Defence Industrial Cooperation Roadmap sowie ein Memorandum zur Zusammenarbeit bei UN-Friedensmissionen. Der Besuch fällt in ein symbolisch bedeutsames Jahr: 2026 feiern Deutschland und Indien 75 Jahre diplomatische Beziehungen. Pistorius betonte dabei die geopolitische Dimension: "Indien ist für uns einer der wichtigsten strategischen Partner im Indopazifik", berichtete das Fachportal Defence Network. Das Portal wies zugleich auf eine strukturelle Besonderheit der Partnerschaft hin: Indien kooperiert im Verteidigungsbereich weiterhin auch mit Russland. Ein Faktor, den Berlin bei der Vertiefung der Rüstungskooperation im Blick behalten muss.
Kanada denkt über 12 Arktis-U-Boote nach
Parallel läuft ein weiteres potenzielles Milliardengeschäft an. Kanada sucht Ersatz für seine veraltete Victoria-Klasse und erwägt den Kauf von bis zu zwölf neuen U-Booten – mit einem Auftragswert, der nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur die Zehn-Milliarden-Euro-Marke übersteigen könnte. TKMS hat gemeinsam mit Deutschland und Norwegen ein erstes unverbindliches Angebot eingereicht und tritt dabei gegen den südkoreanischen Hersteller Hanwha Ocean an. "Ich gehe davon aus, dass wir das gewinnen", sagte TKMS-Chef Burkhard. Im Falle eines Zuschlags sollen die Boote an den Werftstandorten Kiel und Wismar in Mecklenburg-Vorpommern gebaut werden.
Um die Chancen auf den Auftrag zu stärken, vereinbarte TKMS Anfang Mai eine Kooperation mit General Dynamics Mission Systems–Canada: Unter dem Namen "Arctic Sentinel" soll ein Forschungs- und Entwicklungszentrum für Unterwasserüberwachungstechnologien entstehen, das speziell auf die Bedingungen arktischer Gewässer ausgelegt ist. Lokale Wertschöpfung ist dabei ausdrücklich eingeplant – die wirtschaftliche Wirkung im Inland wird auf bis zu eine Milliarde Dollar geschätzt, das geistige Eigentum soll in Kanada verbleiben.
Kieler U-Boote seit den 80ern erfolgreich
Die steigende internationale Nachfrage nach Kieler U-Booten fußt auf einer langen Tradition. Bereits in den 1980er-Jahren lieferte die damalige Kieler Werft HDW – die Vorgängergesellschaft von TKMS – die seinerzeit modernsten Dieselboote der Welt an Indien. Das heutige Kernprodukt, die Klasse 212CD, ist rund 72 Meter lang, für arktische Einsätze und den Betrieb unter Eis ausgelegt und mit verbesserter Sensorik ausgestattet. Deutschland und Norwegen haben je sechs Einheiten bestellt; die Baugleichheit beider Flotten soll Kosten senken und die NATO-Vereinbarkeit verbessern.
Rheinmetall macht Konkurrenz
Neben den Auslandsgeschäften wächst TKMS auch im Inland: Der Haushaltsausschuss des Bundestags billigte im März einen Vorvertrag für vier neue Fregatten des Typs MEKO A-200, zudem ist TKMS alleiniger Bieter für die neue deutsche Luftverteidigungsfregatte F127. Mittelfristig strebt das Unternehmen eine durchschnittliche jährliche Umsatzsteigerung von rund zehn Prozent an.
Gleichzeitig wächst die Konkurrenz in der Heimat. Der Düsseldorfer Rüstungskonzern Rheinmetall baut sich mit der Übernahme der Hamburger Traditionswerft Blohm+Voss eine eigene Marinesparte auf und hat nach Medienberichten ein unverbindliches Angebot für die Kieler Nachbarwerft German Naval Yards abgegeben. Ein Unternehmen, für das auch TKMS seit Längerem bietet.
Moderne U-Boot-Halle**, die Maßstäbe setzt**
Parallel zu den wachsenden Auftragsbüchern hat TKMS in den vergangenen Jahren massiv in seinen Produktionsstandort investiert.Im November 2023 nahm TKMS an der Kieler Förde, mit Blick auf die gegenüberliegende Altstadt, einen neuen Hallenkomplex in Betrieb. In dem Produktionskomplex mit acht Fertigungshallen können sämtliche Bauphasen, vom Rohling bis zum fertig montierten U-Boot, abgewickelt werden. Die Tore der einzelnen Hallen sind groß genug, um komplette U-Boot-Sektionen hindurchzuführen. Thyssenkrupp-Chef Miguel López bezeichnete den Komplex bei der Eröffnung als einen der "modernsten Schiffbaukomplexe der Welt". Zeitgleich fiel dort der offizielle Baustart für die ersten U-Boote der neuen Klasse 212CD – zum damaligen Zeitpunkt der größte Einzelauftrag in der Geschichte der Werft.