Die Vereinten Nationen warnen: Hauptgrund für die extreme Hitze in Europa ist laut ihnen die weltweite Abhängigkeit von Kohle, Öl und Gas.
Europa soll seine Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen beenden: Weite Teile des Kontinents stöhnen derzeit unter Rekordtemperaturen für den Monat Mai.
Meteorologinnen und Meteorologen warnen, dass mehrere Länder unter einem „außergewöhnlich starken Hitzedom“ feststecken – einem atmosphärischen Muster, das Hitzeperioden einschließt und sich durch den menschengemachten Klimawandel immer häufiger bildet.
In Dutzenden europäischer Städte lagen die Temperaturen weit über dem für diese Jahreszeit üblichen Maximum; am stärksten traf es London (plus 16 Grad) und Paris (plus 14 Grad). Sowohl Frankreich als auch das Vereinigte Königreich meldeten in dieser Woche den heißesten Maitag seit Beginn der Aufzeichnungen.
Auch in sonst eher kühlen Regionen wie Oslo kletterten die Werte auf 18 Grad, rund drei Grad mehr als im Durchschnitt für Ende Mai.
„Diese Rekordhitze trägt überall die Fingerabdrücke des Klimawandels“, sagt Friederike Otto, Professorin für Klimawissenschaften am Imperial College London.
„Solche Temperaturen galten früher selbst im Hochsommer als Ausnahme. Jetzt 35 Grad im britischen Frühling zu sehen, ist absolut verblüffend. Doch die wissenschaftliche Lage ist eindeutig: Der Klimawandel macht Hitzewellen heißer, länger und deutlich häufiger.“
Hitzewelle in Europa: „brutale Erinnerung“ an Klimakrise
Simon Stiell, Exekutivsekretär der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (UNFCCC), bezeichnet die beispiellose Hitzewelle als „brutale Erinnerung an die sich zuspitzenden Folgen der Klimakrise“.
Er sieht die Hauptursache in der weltweiten Sucht nach Kohle, Öl und Gas und in der Zerstörung wichtiger Kohlenstoffsenken wie Wäldern. Nach UN-Angaben sind fossile Energieträger mit Abstand der größte Treiber des globalen Klimawandels: Sie stehen für rund 68 Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen und für beinahe 90 Prozent der Kohlendioxidemissionen.
Die Treibhausgase legen sich wie eine Decke um die Erde, halten die Wärme der Sonne fest, heizen die Temperaturen auf und verändern die Wetterabläufe.
„Diese klimabedingte Hitzewelle ist eine doppelte Bedrohung, zu einem Zeitpunkt, an dem der jüngste Krieg im Nahen Osten die explodierenden Kosten der Abhängigkeit von Importen fossiler Brennstoffe vor Augen führt“, ergänzt Stiell.
„Die Lösungen sind aber ebenso klar: ein deutlich schnellerer Umstieg auf saubere Energien, die heute billiger und schneller zu produzieren sind als fossile Brennstoffe – und damit entscheidend für bezahlbare Energie und die wirtschaftliche Sicherheit der Staaten.“
Erneuerbare in der EU überholen fossile Energien
Die erneuerbaren Energien Europas haben bereits gezeigt, dass sie Haushalte vor Irans Griff um die Straße von Hormus abschirmen können – eine zentrale Engstelle für fossile Energieträger, durch die normalerweise etwa ein Fünftel der weltweiten Öllieferungen fließt.
Allein die Solarenergie sparte Europa im März laut einer Analyse von SolarPower Europe durch geringere Nachfrage nach Gasimporten rund drei Milliarden Euro. Bleiben die Gaspreise hoch, könnten sich die Einsparungen für Europa der Studie zufolge bis Ende 2026 auf bis zu 67,5 Milliarden Euro summieren.
Im vergangenen Jahr erzeugten Wind- und Solarkraft in der EU zum ersten Mal mehr Strom als fossile Energieträger – trotz eines Rückgangs der Wasserkraft und eines leichten Anstiegs beim Gas. Eine Analyse des Energie-Thinktanks Ember kommt zu dem Ergebnis, dass Wind und Sonne 2025 auf 30 Prozent des EU-Strommixes kamen und fossile Energien damit um nur ein Prozent übertrafen.
Der Boom der Erneuerbaren hilft, die Emissionen zu senken. Einige der weltweit führenden Klimaforschenden halten deshalb einen zuvor prognostizierten Anstieg der Lufttemperatur um 4,5 Grad bis 2100 inzwischen nicht mehr für plausibel.
Reicht Europas Boom bei Erneuerbaren?
Dennoch hinken mehrere Schwergewichte der EU beim Übergang weiter hinterher. Italien sah sich im vergangenen Monat dem Vorwurf der „Klimavernachlässigung“ ausgesetzt, nachdem das Land ankündigte, die endgültige Stilllegung seiner Kohlekraftwerke – oft als schmutzigste Form der Energiegewinnung bezeichnet – bis 2038 zu verschieben, also 13 Jahre später als ursprünglich vorgesehen.
Die Niederlande erzeugen zwar pro Kopf mehr Solarstrom als jedes andere EU-Land, bleiben aber stark auf fossile Energieträger, vor allem Gas, angewiesen. Der stockende Ausbau großer Windparks gefährdet zudem das rechtlich verbindliche Ziel, die Emissionen bis 2030 im Vergleich zur vorindustriellen Zeit um 55 Prozent zu senken.
„Menschenleben, Unternehmen und Volkswirtschaften vor extremer Hitze und den vielen anderen explodierenden Kosten des Klimawandels zu schützen, gehört zum Kerngeschäft jedes Landes – und beginnt damit, die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen viel schneller zu überwinden“, sagt Stiell.
„Das unterstreicht auch, wie wichtig es ist, mehr in Klimaresilienz zu investieren – gegen extreme Hitze, Megafluten, Waldbrände oder Dürren, die inzwischen auch die Nahrungsmittelproduktion und die Preise unter Druck setzen.“