Fast 60 Prozent der Befragten in Deutschland hatten laut einer aktuellen Umfrage bereits ein Bewerbungsgespräch mit KI. So gelingt der Auftritt.
Personalverantwortliche setzen bereits auf künstliche Intelligenz (KI), um Lebensläufe zu sichten. Einige gehen nun den nächsten Schritt: Sie lassen das eigentliche Vorstellungsgespräch von KI führen.
Unternehmen wie Google entwickeln dafür spezialisierte KI-Systeme (Quelle auf Englisch), die Kandidatinnen und Kandidaten in der Vorauswahl per Telefon, per Videochat mit Bildschirm-Avataren oder per Textnachricht interviewen.
Immer mehr Bewerberinnen und Bewerber steigen aus Bewerbungsprozessen aus, sobald KI zum Einsatz kommt. Das zeigt eine Studie der Recruiting-Plattform Glasshouse (Quelle auf Englisch), für die in den Vereinigten Staaten, dem Vereinigten Königreich, Irland, Deutschland und Australien knapp 3.000 Jobsuchende befragt wurden.
In Deutschland haben 57 Prozent der Befragten bereits ein KI-Interview absolviert. Von ihnen brachen jedoch 42 Prozent den Prozess ab – laut Studie der höchste Wert in allen untersuchten Märkten.
Mehr als die Hälfte dieser Personen hörte danach nichts mehr – entweder wurden sie vom Unternehmen „geghostet“ oder sie warten bis heute auf eine Antwort.
Was Jobsuchende erwartet, wenn sie sich auf ein solches KI-Gespräch einlassen – und wie sie sich am besten darauf vorbereiten können.
Üben, üben, üben
Zu den wichtigsten Tipps für jedes Vorstellungsgespräch – ob KI-gestützt oder mit einer echten Person – gehört, die Stellenbeschreibung gründlich zu lesen, das Unternehmen zu recherchieren und zu verstehen, was genau gesucht wird. Darauf weist Amanda Augustine hin, Karriereberaterin beim Unternehmen Careerminds, das Firmen dabei unterstützt, entlassene Beschäftigte mit Lebenslauf-Coaching und Jobsuche zu begleiten.
„Je besser Sie vorbereitet sind, desto leichter fällt es Ihnen, Ihre Antworten passend zuzuschneiden – selbst wenn Sie mit einer KI sprechen und nicht mit einem Menschen“, rät sie.
Im Gespräch selbst fällt die übliche Aufwärmplauderei oft weg, es gibt weniger Smalltalk oder Eisbrecher, die sonst helfen, eine Beziehung zur rekrutierenden Person aufzubauen.
Am besten bereiten Sie sich darauf vor, indem Sie laut üben und die Antworten tatsächlich aussprechen. Der Chatbot muss schließlich jedes Wort erfassen, erklärt Priya Rathod, Workplace-Trends-Redakteurin beim Online-Jobportal Indeed.
Bewerbende sollten ihre Antworten außerdem darauf ausrichten, dass es weniger um ein Gespräch geht, sondern darum, einer Maschine möglichst viele Informationen über sich zu liefern.
Ein KI-Interviewsystem „achtet weniger auf meinen Tonfall, sondern vor allem darauf, was ich inhaltlich sage“, sagt Rathod.
„Sie müssen Ihre Erfahrungen besonders anschaulich schildern und sehr klar formulieren. So kann die KI Dinge erkennen, die ein menschlicher Interviewer vielleicht aus Ihrer Mimik oder Ihrer Stimme herauslesen würde“, ergänzt sie.
Eine Möglichkeit zur Vorbereitung sind Online-Interview-Simulatoren, die Antworten aufzeichnen und sofort Rückmeldung zu Inhalt, Vortragsweise oder Sprechtempo geben, sagt Augustine.
Solche Tools helfen zudem, sich an das Sprechen vor der Kamera zu gewöhnen, Zeitlimits einzuhalten und ohne echten Dialog strukturierte Antworten zu geben, ergänzt sie.
Vor dem Gespräch sollten Bewerbende außerdem dafür sorgen, dass der Arbeitsplatz gut eingerichtet ist: funktionierende Audio- und Videoverbindung, gutes Licht und ein Laptop in Augenhöhe.
Antworten strukturieren
KI-Interviewende greifen „stark“ auf sogenannte Verhaltensfragen zurück, sagt Rathod. Sie bitten zum Beispiel um konkrete Beispiele, wie jemand bestimmte Situationen am Arbeitsplatz gelöst hat – idealerweise mit Zahlen und messbaren Ergebnissen.
„Sie sollten so oft wie möglich mit Zahlen arbeiten“, erklärt sie. „Auch wenn Sie keine Umsatzverantwortung haben, gibt es Möglichkeiten zu zeigen, wie Sie etwas beeinflusst oder in einer Gruppe verbessert haben.“
Bewerbende sollten bei solchen KI-Fragen mit der STAR-Methode arbeiten – Situation, Task (Aufgabe), Action (Handlung), Result (Ergebnis) – und dies vorher einüben, rät Rathod.
Manche Jobsuchende könnten versucht sein, sich bei ihren Antworten von einer KI helfen zu lassen. Laut Rathod ist das für die Interview-Software und für alle, die die Aufzeichnung prüfen, jedoch „ziemlich offensichtlich“ und führt oft dazu, dass Kandidatinnen und Kandidaten sofort aus dem Verfahren ausscheiden.
Einige Fragen formuliert die KI bewusst verschachtelt, um zu erkennen, ob eine Bewerberin oder ein Bewerber heimlich eine weitere KI mitlaufen lässt, erklärt Mehak Chowdhary, Marketingchefin der niederländischen, kompetenzbasierten Recruiting-Plattform TestGorilla.
„Wir machen das bewusst, um zu verstehen, ob Sie parallel eine KI nutzen. Diese versucht dann, die Länge der Frage zu optimieren“, sagt sie. „Wenn Sie Ihre eigenen Fähigkeiten kennen, verstehen Sie trotz der Formulierung, worum es geht.“
Wer mit einer Frage Schwierigkeiten hat, kann die KI jederzeit bitten, sie zu präzisieren oder zu wiederholen, fügt sie hinzu.