Macron wertet den G7-Gipfel als klaren Erfolg: Die Staats- und Regierungschefs fanden eine gemeinsame Linie zu Ukraine, Iran und kritischen Rohstoffen. Doch Trumps unberechenbare Diplomatie belastet das transatlantische Verhältnis weiter.
Auf der Bühne strahlte der französische Präsident.
Als der G7-Gipfel am Mittwoch nach drei Tagen Diplomatie auf höchster Ebene zu Ende ging, sprach Emmanuel Macron von einem "objektiv erfolgreichen" Treffen. Er verwies auf eine gemeinsame Abschlusserklärung, die alle Staats- und Regierungschefs mittrugen – darunter auch US-Präsident Donald Trump.
In den Wochen vor dem Treffen hatten viele spekuliert, Trump könne den Gipfel ganz auslassen oder vorzeitig verlassen. Französische Diplomaten befürchteten zudem offene Konflikte, diplomatische Fehltritte und fehlende Geschlossenheit, die das G7-Format auf der Weltbühne schwächen könnten.
Ein Jahr zuvor hatte Trump den G7-Gipfel in Kanada vorzeitig verlassen, nachdem zwischen Israel und Iran ein Krieg ausgebrochen war. Zudem fand der kanadische Gipfel keine gemeinsame Linie in zentralen Fragen. US-Zölle auf Verbündete verstärkten die Unsicherheit und verunsicherten die EU-Partner zusätzlich.
Macron: Treffen in Évian markiere Wendepunkt
Diesmal verweisen französische Diplomaten auf ein Treffen, das aus ihrer Sicht das erhoffte Ergebnis gebracht hat. Macron ging noch weiter: Auf der Pressekonferenz nach dem Gipfel erklärte er, das Treffen in Évian markiere einen Wendepunkt.
"Das ist ein echter Wandel im Vergleich zu den vergangenen Monaten – nicht nur bei den Europäern, sondern insgesamt bei den G7-Mitgliedern", sagte er vor Journalisten.
In den frühen Morgenstunden des Mittwochs einigten sich die Staats- und Regierungschefs auf eine gemeinsame Erklärung. Darin heißt es, man stehe "geschlossen in unserer unerschütterlichen Unterstützung für die Ukraine bei der Verteidigung ihrer Freiheit, Souveränität und territorialen Integrität".
Die G7 sagten außerdem schärfere Sanktionen gegen den russischen Energiesektor zu. Damit erfüllten sie eine zentrale Forderung europäischer und ukrainischer Vertreter, die den Druck auf Wladimir Putin erhöhen wollen. Quellen erklärten Euronews, der Schritt markiere einen "echten Moment der Annäherung" zwischen der US-Regierung und den Europäern.
"Dieser Évian-Gipfel steht für eine sehr tiefgreifende Veränderung: die Bereitschaft der Vereinigten Staaten, mit den Europäern gemeinsam an der Unterstützung der Ukraine zu arbeiten", sagte Macron auf der abschließenden Pressekonferenz.
Charmeoffensive für Europas Interessen
Für viele Europäer, die befürchtet hatten, bei Gesprächen über eine künftige Friedensordnung auf dem Kontinent an den Rand gedrängt zu werden, weil Trump den direkten Draht zu Putin suchte, scheint der Platz am Verhandlungstisch nun gesichert.
Der Schwung aus dem G7-Treffen bestätigt ihre Doppelstrategie: enge Abstimmung mit Washington und zugleich mehr eigene diplomatische, militärische und finanzielle Hilfe für die Ukraine.
Macron griff diese Linie auf. Europa habe sich neu sortiert, nachdem die USA Gespräche mit Putin angestoßen und Moskau die "Hand" gereicht hätten. Am Ende seien sie jedoch zur gleichen Erkenntnis gekommen: Russland zeige keinen ernsthaften Willen zum Frieden, und die Ukraine halte sich deutlich besser, als "manche gedacht" hätten.
Europäische Gesprächspartner erklärten Euronews, diese Botschaft habe bei Trump Wirkung gezeigt. Er habe angedeutet, die USA könnten Sanktionen gegen russische Energie wieder einführen, nannte dafür aber keinen konkreten Zeitplan.
Auch wenn die Europäer die produktive Arbeitssitzung zur Ukraine begrüßten, blieb Präsident Wolodymyr Selenskyj ein bilaterales Treffen mit Trump verwehrt. Beide sprachen lediglich kurz am Rande einer Gruppensitzung miteinander.
Parallel zu den intensiver werdenden Bemühungen um Friedensgespräche hat EU-Ratspräsident António Costa, der die 27 Mitgliedstaaten vertritt, nach Angaben eines EU-Vertreters diskret diplomatische Kanäle getestet. Er wollte ausloten, ob sich eine Gesprächsschiene zum Kreml eröffnen lässt. Kyjiw drängt die Europäer zu mehr Aktivität am Verhandlungstisch.
Der EU-Beamte betonte jedoch, dass "inhaltlich nichts verhandelt" worden sei. Die EU verstehe sich nicht als Vermittlerin, sondern als Unterstützerin der Ukraine. Die Staats- und Regierungschefs der EU wollen das Thema am Donnerstag bei ihrem Gipfel beraten, an dem auch Selenskyj teilnimmt.
Als die Staats- und Regierungschefs das Hotel Royal verließen, in dem sie stundenlang verhandelt hatten, wirkte es, als hätten die Europäer eine Formel gefunden, die funktioniert – zumindest vorerst und zumindest in Évian: Dialog, Diplomatie und strategische Öffnung im Dienst ihrer eigenen Interessen.
Erleichterung trotz bestehender Sorgen
Während sie für die Ukraine warben, begrüßten die Europäer zugleich Trumps Einigung mit Iran zur Beendigung des Krieges, auch wenn weiterhin ernste Fragen zum iranischen Atomprogramm offen sind. EU-Beamte räumen ein, dass das Abkommen nicht ohne Risiken ist.
Dennoch herrschte unter den Verbündeten das Gefühl, dass der Kompromiss einen Ausweg aus noch schlimmeren Szenarien bietet: ein Abkommen, das den Druck auf die Energiemärkte mindern, den Fokus zurück auf die Ukraine lenken und israelische Militäreinsätze bremsen könnte, die einige Europäer in Nachbarstaaten wie dem Libanon als überzogen kritisieren.
"Ihre Positionen haben sich in dieser Frage angenähert", sagte ein Diplomat.
Trump reiste anschließend weiter nach Versailles, in den einstigen Palast Ludwigs XIV., des Sonnenkönigs, zu einem Festessen anlässlich von 250 Jahren französisch-amerikanischer Freundschaft.
Auf die Frage, ob das prunkvolle Bankett zu weit gehe, um Trump entgegenzukommen, antwortete Macron, der Palast sei immer ein Instrument der Diplomatie gewesen – und sei es bis heute.