Nach mehreren Wochen einer Angriffsserie auf Energie- und Militärziele auf der von Moskau besetzten Krim startet die Ukraine nun eine 40-tägige Offensive, um Russland zum Kriegsende zu zwingen.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat nach eigenen Angaben einen Plan des ukrainischen Staatssicherheitsdienstes SBU gebilligt. Er sieht eine 40 Tage dauernde Operation vor, mit der Russland zum Ende des Kriegs gedrängt werden soll.
Zuvor hatte Selenskyj den SBU-Chef Generalmajor Jewhenij Chmara getroffen. Der habe über Kyjiws "Plan für Langstreckensanktionen, Mittelstreckensanktionen und die bisherigen Erfolge des SBU" berichtet, schrieb Selenskyj auf X.
"Seit mehreren Monaten in Folge zeigt der SBU Höchstleistungen beim Schutz der ukrainischen Stellungen an den Frontlinien – mit verschiedensten Drohnenarten", sagte Selenskyj am Donnerstagabend.
Nach seiner Erklärung riefen die von Moskau eingesetzten Besatzungsbehörden auf der Krim am Freitag den regionalen Ausnahmezustand aus.
Geheime SBU-Operation: Worum es geht
Militärische Planungen der Ukraine sind streng geheim, daher nannte Selenskyj keine weiteren Details zu Ablauf oder Zielen der Operation.
Er lobte den SBU jedoch für jüngste Erfolge, bei denen "Personal und Gerät der Besatzungstruppen" getroffen worden seien.
Der Hinweis auf Mittel- und Langstrecken-"Sanktionen"– so bezeichnet Kyjiw seine Drohnenangriffe auf Russland und von Moskau besetzte Gebiete – deutet ebenfalls an, was als Nächstes folgen könnte.
In den vergangenen Wochen haben ukrainische Kräfte Russlands Nachschubwege, seine Energieinfrastruktur und das Gefühl einer "Sicherheit im tiefen Hinterland" mit Angriffen auf die Krim und auf Moskau empfindlich getroffen.
Ukraine-Angriffe: Krim und Moskau bleiben wohl im Fokus
Mehrere Drohnenangriffe kurz hintereinander auf die russische Hauptstadt – den bestgeschützten Teil des Landes – legten die Moskauer Ölraffinerie lahm. Das verschärfte die Treibstoffknappheit im ganzen Land und holte den Krieg in den Alltag der russischen Bevölkerung, die trotz des seit mehr als vier Jahren andauernden Großangriffs auf die Ukraine weitgehend in Ruhe gelebt hatte.
Kurz nach Selenskyjs Ankündigung am Donnerstagabend meldeten die Behörden in Moskau Dutzende von Kyjiw gestartete Drohnen, die auf die russische Hauptstadt zusteuerten.
In den vergangenen Tagen berichtete zudem der ukrainische Militärgeheimdienst, Russlands Luftabwehr habe wegen der langreichweitigen Schlagserie Systeme verlegen müssen. Im Fokus stehen demnach vor allem Moskau und die völkerrechtswidrig gebaute Kertsch-Brücke. Andere russische Regionen und besetzte Gebiete seien dafür schlechter geschützt.
"In der Praxis sind das die beiden Räume, die die Russen auf Befehl verteidigen sollen – auf Kosten einer Schwächung anderer Teile ihres Staatsgebiets und der vorübergehend besetzten Gebiete der Ukraine", sagte Selenskyj.
Kyjiw: "Für russische Truppen auf der Krim beginnt die Hölle"
Die ukrainische Mittelstrecken-Offensive – Angriffe in einem Radius von etwa 20 bis 200 Kilometern – hat bereits die Nachschubwege auf der von Russland besetzten Krim weitehend lahmgelegt und Moskaus Versorgungsrouten für seine Truppen in den besetzten Gebieten der Ukraine stark eingeschränkt.
Kyjiw plant, die Halbinsel vollständig zu isolieren. Die Verbindung nach Moskau soll gekappt und entscheidende Infrastruktur zerstört werden, sodass die dort stationierten russischen Truppen schließlich eingekesselt sind.
"Die Hölle beginnt", sagte der ukrainische Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow am 17. Juni. "Die Logistik wird abgeschnitten. Die Krim wird isoliert."
Kyjiws Offensive läuft auf der annektierten Halbinsel bereits auf Hochtouren. Die Krim leidet unter schweren Treibstoffengpässen und Stromausfällen, viele russische Urlauber treten in Panik die Heimreise an.
Faktor Belarus
Selenskyj richtete zudem eine weitere Warnung an Belarus wegen einer von Minsk angedeuteten "möglichen Ausweitung der Aggression" gegen die Ukraine. Der Aufbau militärischer Infrastruktur entlang der Grenze sei fast abgeschlossen, sagte er.
"Der Bau von Straßeninfrastruktur sowie von Lagerstätten für Munition, Treibstoff und Schmierstoffe nähert sich dem Abschluss", erklärte Selenskyj nach einer Unterrichtung durch den ukrainischen Auslandsgeheimdienst.
"Diese Einrichtungen haben keinen anderen Zweck als einen militärischen."
Bereits am Montag hatte die im Exil lebende belarussische Opposition Kyjiw eine Liste von Warnsignalen übergeben, die auf einen baldigen Kriegseintritt Minsks an der Seite Russlands hindeuten. Darin beschreibt sie, wie Präsident Alexander Lukaschenko seine Politik schrittweise auf einen Kriegsmodus umstellt.
Selenskyjs jüngste Warnung folgt einen Tag, nachdem Lukaschenko offenbar Kyjiws Ultimatum zur Entfernung von Kommunikationsanlagen auf belarussischem Gebiet, akzeptiert hat, die nach ukrainischer Darstellung russische Drohnenangriffe unterstützt haben.
Kyjiw hatte angedroht, Belarus müsse mit nicht näher genannten Maßnahmen rechnen, falls die Anlagen nicht abgebaut würden.
Seit mehreren Monaten warnt die Ukraine, Moskau – Minsks engster Verbündeter – versuche, Belarus tiefer in die Konfrontation mit Kyjiw hineinzuziehen, um den Kriegskurs des Kreml zu unterstützen.
Belarus diente 2022 als Aufmarschgebiet für den russischen Großangriff auf die Ukraine und hat seither sein militärisches Bündnis mit Moskau weiter vertieft.