Leipzig/Halle gehört zu den wichtigsten Frachtflughäfen Europas und spielt auch für militärische Transporte eine zentrale Rolle. Nach dem jüngsten Vorfall stellt sich erneut die Frage: Warum rückt der Standort immer wieder in den Fokus mutmaßlicher Sabotage?
Nachdem am Flughafen Leipzig/Halle eine mit Sprengstoff präparierte Drohne gefunden wurde, spricht Bundesinnenminister Alexander Dobrindt von einem "hybriden Anschlagsszenario". Nach einer Lagebesprechung mit den ermittelnden Behörden erklärte er: "Das ist eine neue Gefahrenqualität."
Zwar waren in Deutschland bereits mehrfach Drohnen im Umfeld sensibler Einrichtungen gesichtet worden. Eine mit Sprengstoff ausgestattete Drohne stellt nach Einschätzung des Innenministers jedoch eine neue Eskalationsstufe dar.
Medienberichten zufolge war die Drohne mit einem hochexplosiven Sprengstoffgemisch versehen. Dass sie nicht detonierte, lag demnach offenbar nur daran, dass der Zünder abgerissen war.
Dobrindt geht davon aus, dass hinter dem Vorfall keine Amateure stecken. Zudem sagte er, es könnten "fremde Mächte" involviert sein, ohne jedoch ein konkretes Land zu nennen.
Bereits 2024 Brandanschlag und seit Jahren Drohnenvorfälle
Der aktuelle Vorfall reiht sich in eine Serie von Sicherheitsvorfällen am Flughafen Leipzig/Halle ein. Bereits in den vergangenen Monaten kam es dort immer wieder zu unerlaubten Drohnenflügen. Der Standort gehört seit Längerem zu den am stärksten betroffenen Flughäfen Deutschlands.
Nach Zahlen der Deutschen Flugsicherung wurden 2023 bundesweit 151 Drohnenvorfälle registriert. Mit jeweils 21 Fällen gehörten die Flughäfen Frankfurt und Leipzig/Halle zu den am stärksten betroffenen Standorten. Immer wieder musste der Flugbetrieb aus Sicherheitsgründen vorübergehend eingestellt werden.
Auch Sabotageversuche gab es dort bereits. Im Juli 2024 sollen mutmaßliche Täter nach Erkenntnissen der Ermittler vier mit Brandsätzen präparierte Pakete über die Paketdienste DHL und DPD verschickt haben.
Die Sendungen sollten während des Fluges Feuer fangen. In Leipzig entzündete sich eines der Pakete jedoch bereits vor dem Abflug in einem Versandzentrum. Der damalige Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, Thomas Haldenwang, erklärte später, die Sendung hätte einen Flugzeugabsturz verursachen können.
Warum aber gerät ausgerechnet Leipzig immer wieder ins Visier? Dafür gibt es mehrere Gründe.
Kritische Infrastruktur und militärisches Drehkreuz
Der Flughafen Leipzig/Halle zählt zu den größten Frachtdrehkreuzen Europas und gehört zur kritischen Infrastruktur Deutschlands. Besonders bedeutend ist seine Rolle als internationales Luftfrachtzentrum. DHL bezeichnet den Standort selbst als das "Herz einer weltumspannenden Logistikkette".
Nach Unternehmensangaben werden dort täglich mehr als 2.500 Tonnen Fracht umgeschlagen. Jedes Jahr verzeichnet der Flughafen rund 23.600 Flugbewegungen im Frachtverkehr. Nacht für Nacht werden tausende Tonnen Sendungen entladen, sortiert und wieder verladen.
Hinzu kommt die militärische Bedeutung des Flughafens, die bis in die frühen 2000er Jahre zurückreicht.
So entwickelte sich Leipzig/Halle während des Afghanistan-Einsatzes zeitweise zu einem wichtigen militärischen Drehkreuz. Hunderttausende US-Soldaten nutzten den Flughafen für Zwischenstopps. Auch die Bundeswehr transportierte von dort Panzer, Hubschrauber und weiteres militärisches Gerät.
NATO und EU nutzen Antonov-Flugzeuge aus Leipzig
Mit dem russischen Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022 hat die strategische Bedeutung des Standorts weiter zugenommen. Am Flughafen Leipzig/Halle wird das von der NATO Support and Procurement Agency (NSPA) verwaltete Lufttransportprogramm Strategic Airlift International Solution (SALIS) abgewickelt.
Über die Kooperation sichern sich derzeit neun NATO-Staaten den Zugriff auf Transportflugzeuge vom Typ Antonov AN-124-100 für besonders schwere oder übergroße Fracht, die mit kleineren Militärtransportern wie dem Airbus A400M nicht befördert werden kann. Grundlage ist ein 2021 geschlossener Fünfjahresvertrag zwischen der NATO Support and Procurement Agency (NSPA) und dem am Flughafen Leipzig/Halle ansässigen Unternehmen Antonov Logistics SALIS.
Der Vertrag garantiert den beteiligten Staaten den Zugang zu mehreren Antonov-Maschinen, die je nach Dringlichkeit innerhalb weniger Tage einsatzbereit sind. Die Flugzeuge werden unter anderem für NATO-, EU- und nationale Einsätze genutzt und transportieren regelmäßig militärisches Gerät sowie andere großformatige Fracht. Damit ist Leipzig/Halle nicht nur Standort eines der wichtigsten europäischen Frachtdrehkreuze, sondern auch ein zentraler Knotenpunkt für strategische Schwerlasttransporte der beteiligten NATO-Staaten.
Seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine hat Leipzig zusätzlich an Bedeutung gewonnen. Weil der reguläre Betrieb der Antonov-Flotte in der Ukraine erheblich eingeschränkt ist, hat sich der Flughafen zu einem der wichtigsten Standorte von Antonov Airlines außerhalb der Ukraine entwickelt. Dort befinden sich Wartungseinrichtungen, außerdem entsteht ein neuer großer Wartungshangar.
Sicherheitsexperte Nico Lange ordnet den aktuellen Vorfall deshalb im Gespräch mit dem ZDF in den größeren Kontext russischer hybrider Kriegsführung gegen Deutschland ein. Dazu zählten neben Drohnenüberflügen auch Sabotageakte, Brandstiftungen und Cyberangriffe. Ein konkreter Zusammenhang mit dem aktuellen Vorfall ist bislang jedoch nicht offiziell bestätigt.
Deutschland rüstet bei der Drohnenabwehr nach
Die zunehmenden Drohnenvorfälle beschäftigen inzwischen zahlreiche europäische Staaten. Vor allem im Baltikum wurden in den vergangenen Monaten vermehrt Zwischenfälle registriert. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen erklärte Ende Mai bei einem Besuch in Vilnius, Russland teste mit Drohnen gezielt die Sicherheit im Luftraum der Europäischen Union. Dies sei Teil einer Strategie zur Destabilisierung demokratischer Gesellschaften.
Deutschland hat seine Abwehrmaßnahmen in den vergangenen Monaten deshalb schrittweise ausgeweitet. Bundesinnenminister Dobrindt hatte bereits gefordert, Drohnen künftig konsequenter aufzuspüren, abzufangen und notfalls abzuschießen. Seit Oktober 2025 darf die Bundespolizei unter bestimmten Voraussetzungen Drohnen abschießen.
Auch am Flughafen Leipzig/Halle existiert inzwischen ein spezielles System zur Drohnenabwehr. Sachsens Innenminister Armin Schuster spricht dennoch von einem "Wettrüsten" zwischen Angreifern und Sicherheitsbehörden.
Experten sehen trotz der neuen Befugnisse weiterhin Nachholbedarf. Der Drohnenexperte Christian Kaiser erklärte bei ZDFheute live, dass der eigentliche Abschuss nur der letzte Schritt sei. Zunächst müsse eine Drohne überhaupt entdeckt werden – etwa mithilfe von Frequenzscannern, Kameras oder Radarsystemen. Erst danach könne bewertet werden, ob tatsächlich eine Gefahr bestehe und welche Maßnahmen eingeleitet werden müssten.