Russlands Luftfahrt gerät immer stärker unter Druck: Treibstoffmangel, Sanktionen, fehlende Ersatzteile und gesperrte Lufträume bringen Flugpläne durcheinander. Selbst Putin räumt inzwischen ein, dass die Branche ihre Ziele wohl verfehlen wird.
Russlands Präsident Wladimir Putin hat erstmals öffentlich eingeräumt, dass das Land seine Zielvorgaben für das Passagieraufkommen im Luftverkehr aufgrund der Kriegsentwicklung wohl verfehlen wird. Bei einer Sitzung zur Entwicklung der Luftfahrtbranche in der vergangenen Woche erklärte er, die Nachfrage nach Flügen steige unter den neuen Rahmenbedingungen deutlich. Deshalb habe er das Verkehrsministerium beauftragt, die Prognose für den Passagierverkehr im laufenden Jahr zu überprüfen.
Der landesweite Treibstoffmangel, ausgelöst durch ukrainische Angriffe auf die russische Energie- und Kriegslogistik, führt gemeinsam mit zahlreichen Verspätungen und Flugausfällen, zeitweisen Betriebseinschränkungen an Flughäfen, fehlenden Ersatzmaschinen und einer hohen Auslastung der Airlines zunehmend zu Störungen im Flugplan.
Die sich zuspitzende Kraftstoffkrise legt nach und nach immer mehr Bereiche des Landes lahm. Der Sommer wird damit zu einem weiteren Härtetest für die Branche und zeigt, wie anfällig das russische Luftverkehrssystem für eine Mischung aus inneren und äußeren Belastungen ist.
Flugausfälle und Verspätungen
Eines der größten Probleme dieser Saison sind die regelmäßigen Störungen im Flugplan. Vor allem in Moskau, aber auch in anderen Regionen, verhängen Flughäfen immer wieder befristete Beschränkungen für Starts und Landungen. Offiziell geht es dabei um Sicherheitsmaßnahmen wegen möglicher Drohnenangriffe.
Schon kurze Sperrungen des Luftraums können einen Dominoeffekt auslösen: Maschinen erreichen ihr nächstes Ziel nicht rechtzeitig, Besatzungen überschreiten ihre zulässige Arbeitszeit, weitere Verspätungen folgen.
Für Passagiere bedeutet das nicht nur stundenlanges Warten auf den Abflug. Auch Umsteigeverbindungen verschieben sich, Reisepläne geraten durcheinander und zusätzliche Kosten entstehen. Manche Menschen in Russland weichen deshalb auf Bahn oder Auto aus.
Mangel an Flugzeugen
Im traditionell stark ausgelasteten Sommer spürt die Branche den begrenzten Flugzeugbestand besonders deutlich.
Nach den Sanktionen wegen des groß angelegten russischen Angriffs auf die Ukraine nutzen russische Fluggesellschaften ihre vorhandenen Maschinen so intensiv wie möglich. Ein schneller Ersatz für Flugzeuge, die zur Wartung müssen, ist dauerhaft schwer zu organisieren.
Seit 2022 beschafft Russland Flugzeugteile unter Umgehung der Sanktionen über Parallelimporte. Die Preise liegen dabei um 40 bis 100 Prozent über dem Marktpreis. Viele Komponenten sind zudem gebraucht, was die Risiken weiter erhöht.
Der Flugzeugbestand schrumpft auch aus einem anderen Grund, den die Branche als "Flugzeug-Kannibalismus" bezeichnet: Airlines schlachten einzelne Maschinen aus, um mit deren Teilen andere Flugzeuge weiter betreiben zu können.
Importersatz funktioniert nicht
In einer jüngsten Stellungnahme zum Zustand der Luftfahrtbranche erklärte Wladimir Putin, Russland sei zwar dazu gezwungen worden, habe aber "alles vollständig durch eigene Produktion ersetzen können". Doch die Lage ist deutlich komplizierter.
Nach Angaben der staatlichen Statistikbehörde stieg die Produktion der russischen Luftfahrtindustrie im April dieses Jahres um 117 Prozent und lag damit mehr als doppelt so hoch wie im Vorjahr.
Dieser Zuwachs geht allerdings vor allem auf den militärischen Bereich zurück. Besonders stark wächst die Produktion von Drohnen, die Russland für die Fortsetzung des Kriegs in der Ukraine benötigt.
Der zivile Flugzeugpark gerät dadurch immer stärker unter Druck. Bis 2030 bis 2035 wollte Russland fast ein Drittel seiner westlichen Flotte ersetzen. In den vergangenen drei Jahren schaffte die Industrie jedoch nur 13 von 120 geplanten Maschinen.
Verkauf von Aeroflot-Aktien
Die staatliche Behörde Rosimuschtschestwo bereitet den Verkauf von 23,76 Prozent der Aktien der nationalen Fluggesellschaft Aeroflot vor. Der Staat will dennoch die Kontrolle behalten. Derzeit hält er noch 73,8 Prozent der Anteile.
2022 kaufte der Staat eine zusätzliche Aktienemission von Aeroflot und entnahm dafür 52 Milliarden Rubel aus dem Fonds für nationales Wohlergehen. Damit stützte er die Fluggesellschaft während der Sanktionsphase. Nach der Emission erhöhte der Staat seinen Anteil von 57,34 auf 73,8 Prozent.
Nach Ansicht von Experten deutet der geplante Aktienverkauf auf neue finanzielle Probleme der russischen Wirtschaft und auf schwindende Reserven hin. Beim Verkauf entgehen dem Staatshaushalt nach Berechnungen rund 170 Millionen US-Dollar. 2022 zahlte der Staat noch 0,85 US-Dollar pro Aktie, heute liegt der Börsenkurs nur bei etwa 0,66 US-Dollar.
Einfluss äußerer Faktoren
Auf internationalen Strecken belastet die Airlines zusätzlich, dass sie wegen gesperrter Lufträume ihre Routen ändern müssen. Nach dem Einmarsch in die Ukraine sperrte die Europäische Union ihren Luftraum für russische Fluggesellschaften. Wegen des anhaltenden Konflikts im Nahen Osten suchen die Carrier zudem nach Ausweichrouten.
Flüge dauern dadurch länger, der Treibstoffverbrauch steigt, Flugpläne ändern sich und die Belastung für Passagiere nimmt zu.
Weniger internationale Direktflüge
Im Sommer können Reisende Russland nur noch ohne Umsteigen in rund 30 Länder verlassen. Das sind weniger Ziele als im Winter und entspricht dem Trend der vergangenen Jahre.
Im Winter war Russland über direkte Flugverbindungen noch mit 43 Staaten verbunden. Bis Juni verschwanden mehrere Verbindungen aus dem Angebot. Gründe dafür sind Saisonalität, hohe Treibstoffpreise, geopolitische Spannungen und Einschränkungen infolge der Krise im Nahen Osten.
Derzeit besitzen russische Fluggesellschaften Startrechte für Flüge nach Aserbaidschan, Armenien, Afghanistan, Bahrain, Belarus, Vietnam, Hongkong, Georgien, Ägypten, Israel, Indien, Indonesien, Jordanien, Iran, Kasachstan, Katar, China, Nordkorea, Kirgistan, auf die Malediven, nach Marokko, in die Mongolei, in die Vereinigten Arabischen Emirate, nach Oman, Saudi-Arabien, Serbien, Tadschikistan, Thailand, Turkmenistan, in die Türkei, nach Usbekistan und Äthiopien.