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Souveränität, Spott, Vorwürfe: Nordafrikas Reaktion auf Ceuta-Krise

Migranten gelangen von Marokko in die spanische Exklave Ceuta, Donnerstag, 30. Juli 2026. (AP-Foto/Antonio Sempere)
Migranten überqueren von Marokko aus die Grenze zur spanischen Exklave Ceuta am Donnerstag, 30. Juli 2026. (AP Photo/Antonio Sempere) Copyright  AP Photo
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Von Chaima Chihi
Zuerst veröffentlicht am Zuletzt aktualisiert
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Marokkos Medien sahen in Ceuta eine Souveränitätsfrage, algerische warfen Rabat vor, Migration zu „instrumentalisieren“, in Tunesien reagierten Nutzer mit schwarzem Humor, die eigenen Krisen gerieten dabei in den Hintergrund.

Niemand hatte erwartet, dass eine Kleinstadt mit nur 19 Quadratkilometern zum Epizentrum einer humanitären und diplomatischen Krise wird. Ihre Folgen reichen bis nach Südeuropa.

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Innerhalb weniger Stunden am Donnerstag strömten Tausende Migranten aus marokkanischem Gebiet nach Ceuta. Es war der größte Massenübertritt seit der Krise 2021.

Behörden der Stadt sprechen von rund 60.000 Menschen, die nach Ceuta gelangten. Auch die menschliche Bilanz ist hoch: Bis Freitagmittag stieg die Zahl der Todesopfer nach Angaben des spanischen Innenministeriums auf über 40.

Videos vom Strand Tarajal in Ceuta zeigen das Chaos während der Übertritte. Zu sehen sind große Menschengruppen, die zwischen der Mole und den Straßen rund um die Grenzzone hin- und herlaufen.

Die meisten Neuankömmlinge sind junge Menschen. In den Aufnahmen sind jedoch auch Frauen mit Kindern und ganze Familien zu sehen – auf einer Flucht, die von der Gefahr des Ertrinkens und völliger Erschöpfung geprägt ist.

Wie reagieren Politik und Öffentlichkeit in Marokko und im übrigen Nordafrika auf die Ereignisse? Euronews Arabien hat die Reaktionen zusammengetragen.

Spanische Polizisten reagieren, als Migranten aus Marokko in die spanische Exklave Ceuta gelangen, Donnerstag, 30. Juli 2026. (AP Photo/Antonio Sempere)
Spanische Polizisten reagieren, als Migranten aus Marokko in die spanische Exklave Ceuta gelangen, Donnerstag, 30. Juli 2026. (AP Photo/Antonio Sempere) AP Photo

Marokkos Souveränitätsansprüche rücken in den Mittelpunkt

Die Ereignisse in Ceuta am Donnerstag haben eine der heikelsten Fragen in den Beziehungen zwischen Marokko und Spanien neu entfacht: den Streit um die Souveränität über Ceuta und Melilla. Rabat betrachtet die beiden Städte seit der Unabhängigkeit von Frankreich und Spanien 1956 als Teil des eigenen Staatsgebiets.

Die Krise fiel mit den Feierlichkeiten zum Thronjubiläum in Marokko zusammen. An diesem Tag gedenkt das Land der Thronbesteigung des Königs und der Erneuerung der Loyalität und Einheit zwischen Königreich und Bevölkerung.

Einer der meistgelesenen Nachrichtendienste des Landes, Hespress, schrieb: „Die Wellen von Grenzübertritten nach Ceuta und die später auf Melilla übergegriffenen Versuche haben die Debatte über die soziale und wirtschaftliche Lage in den Gebieten an den Rändern der beiden Enklaven wieder aufleben lassen.“

Und weiter: „Die Ereignisse werfen erneut ein Schlaglicht auf die enge Verflechtung der Städte mit ihrem marokkanischen Umfeld und auf die komplexe historische und politische Akte zur Frage der Souveränität.“

Migranten kehren aus der spanischen Exklave Ceuta nach Marokko zurück, Freitag, 31. Juli 2026. (AP Photo/Antonio Sempere)
Migranten kehren aus der spanischen Exklave Ceuta nach Marokko zurück, Freitag, 31. Juli 2026. (AP Photo/Antonio Sempere) AP Photo

Nach Angaben von Hespress veranlasste die Krise die lokalen Behörden in Ceuta, die Zentralregierung in Madrid um Hilfe zu bitten. Diese nahm rasch Kontakt mit den marokkanischen Behörden auf, um Wege zur Eindämmung der Lage zu besprechen. Am Ende einigten sich beide Seiten darauf, diejenigen Menschen, die in die Stadt gelangt waren, an ihren Ausgangspunkt zurückzubringen.

Hespress zitierte zudem Yahya Yahya, den Vorsitzenden des nationalen Komitees für die Wiederintegration von Ceuta, Melilla und angrenzenden Inseln. Er erklärte, der Umgang der Behörden in Ceuta mit den Ereignissen zeige „die Fragilität der spanischen Präsenz in der Region“. Die Bitte des Regierungschefs von Ceuta um den Einsatz der Armee wertete er als „politisches Scheitern“.

Ceuta-Krise: Algeriens Haltung

Gleichzeitig prägte der Versuch Algeriens, politisch gegen Rabat zu punkten, sowie die historisch gewachsene Feindseligkeit zwischen beiden Nachbarstaaten die öffentliche Haltung in Algerien zu den Ereignissen in Ceuta.

Das Nachrichtenportal Tout sur l'Algérie („Alles über Algerien“) sprach von einer „Massenflucht von Marokkanern“ und warf Rabat vor, als „Europas verwöhntes Kind“ erneut die „Migrationsbombe“ gegen Madrid eingesetzt zu haben.

Tout sur l'Algérie behauptete, europäische Staats- und Regierungschefs richteten ihre Kritik lieber an Spanien, statt sich mit der aus seiner Sicht eigentlichen Quelle dieser Menschenwelle auseinanderzusetzen. Besonders verwies das Portal auf die Haltung der italienischen Regierungschefin Giorgia Meloni, die nach den Ereignissen forderte, Spaniens Mitgliedschaft im Schengen-Raum auszusetzen.

Das private Nachrichtenportal ging noch weiter. Es warf Italiens Außenminister Antonio Tajani vor, in diesem Fall die Gunst Marokkos suchen zu wollen, weil er dem Königspalast angeblich besonders nahe stehe.

Zudem unterstellte die Seite den marokkanischen Sicherheitskräften, sie hätten Massen von Migranten ohne Eingreifen nach Ceuta passieren lassen. Entweder sei Rabat nicht in der Lage, seine Grenzen zu kontrollieren, oder es setze Migration als Druckmittel gegen den spanischen Nachbarn ein.

Das Portal verwies außerdem auf die Reaktionen der rechten und extrem rechten Parteien in Frankreich. Diese hätten „Spanien mit Vorwürfen überhäuft, ohne ein einziges Wort über Marokko zu verlieren“.

Auch das algerische Staatsfernsehen äußerte scharfe Kritik an Rabat. Es wertete die Ereignisse als „Massenflucht“, die die schwierige wirtschaftliche und soziale Lage in Marokko widerspiegele.

Die Jugendarbeitslosigkeit in Algerien liegt selbst bei rund 31 Prozent. Die Regierung steht in der Kritik, weil sie die Hirak-Protestbewegung unterdrückt hat – sie brachte zwischen 2019 und 2021 Millionen Menschen auf die Straßen – und mit Strafverfahren gegen Journalisten, Aktivisten und Oppositionelle vorgeht.

Kaum überraschend prägte Politik viele Kommentare algerischer Nutzer in sozialen Netzwerken.

Zahlreiche Beiträge waren von Spott geprägt. In einem nannte ein Nutzer Marokko „Schweiz“ und betonte, Ceuta sei schlicht spanisch.

Ein marokkanischer Nutzer hielt dagegen und schrieb, unter den Menschen, die nach Spanien fliehen, seien auch Algerier. Sie wollten ebenfalls der bedrückenden Realität in ihrem Heimatland entkommen.

Ein anderer stellte ein Video online, das Menschen verschiedener Herkunft zeigt, die fern ihrer Heimat ein besseres Leben suchen. Er betonte, die Ursachen von Migration gingen weit über die nationale Zugehörigkeit hinaus.

Ein weiteres von einem marokkanischen Account verbreitetes Video lenkte den Blick auf irreguläre Migration in Algerien und das Schweigen der dortigen Medien.

Tunesien: „Nur der König bleibt“

In Tunesien verbreiteten Nutzer sozialer Netzwerke ebenfalls Videos des Massenübertritts nach Ceuta. Viele Kommentare nahmen einen humorvollen Ton an.

Einige schrieben: „Nur der König bleibt“, in Anspielung auf die große Zahl von Menschen, die Marokko innerhalb weniger Stunden verlassen haben.

Andere sahen in den Bildern jedoch einen Beleg für die Tiefe der sozialen und wirtschaftlichen Krise, die weite Teile der nordafrikanischen Jugend trifft. Die steigende Arbeitslosigkeit treibe viele dazu, ihr Leben zu riskieren, um nach Europa zu gelangen.

Tunisien kämpft selbst mit schweren strukturellen Wirtschaftsproblemen. Die Jugendarbeitslosigkeit lag 2025 bei 38 Prozent und damit höher als in den beiden anderen Maghreb-Staaten.

Das Land ist inzwischen selbst zu einer wichtigen Herkunftsregion irregulärer Migration nach Europa geworden. Tunesier gehören heute zu den größten Gruppen, die das Mittelmeer nach Italien überqueren. Das verleiht den Kommentaren aus Tunesien zur Ceuta-Passage eine zusätzliche Note von Ironie.

Präsident Kais Saied konzentrierte im Juli 2021 fast die gesamte Exekutivmacht auf sich, löste das Parlament auf und setzte 2022 eine neue Verfassung in Kraft. Menschenrechtsorganisationen werfen ihm vor, damit die Errungenschaften der Revolution von 2011 zurückzudrehen.

Ceuta und Melilla: Was über die Exklaven bekannt ist

Spanien besitzt zwei Exklaven an der Nordküste Marokkos: Ceuta und Melilla.

Ceuta wurde 1415 von Portugal erobert und blieb rund zwei Jahrhunderte unter portugiesischer Kontrolle. 1668 fiel die Stadt mit dem Vertrag von Lissabon an Spanien.

Melilla kam Ende des 15. Jahrhunderts unter die Herrschaft der spanischen Krone. Spanische Truppen nahmen die Stadt 1497 ein, fünf Jahre nach dem Fall Granadas, der letzten Bastion islamischer Herrschaft auf der Iberischen Halbinsel.

1995 gewährte Madrid beiden Städten weitgehende Selbstverwaltungsrechte. Damit wurden sie anderen spanischen Regionen mit einem ähnlichen dezentralisierten System gleichgestellt.

Marokko betrachtet Ceuta und Melilla weiterhin als besetzte Gebiete und bezeichnet sie als „die beiden Enklaven“. Die Regierung in Rabat fordert seit langem, die Frage im Dialog mit Spanien zu klären.

Madrid wiederum pocht auf seine Souveränität über die beiden Städte. Sie zählen heute zu den wichtigsten Einfallstoren für Schmuggel und irreguläre Migration nach Europa über Spanien.

Vor diesem Hintergrund ließen die spanischen Behörden 1995 einen 8,4 Kilometer langen Zaun errichten, der die Stadt von marokkanischem Gebiet trennt. An einigen Stellen ist er zehn Meter hoch. Er ist mit Stacheldraht, elektronischen Sensoren und Lautsprechern ausgestattet, um Versuche des Überkletterns zu verhindern.

In der Mitte der 1990er Jahre entstand ein weiterer Grenzzaun zwischen Melilla und Marokko. Er ist zwölf Kilometer lang und rund zwei Meter hoch und mit der gleichen elektronischen Ausrüstung versehen, um irreguläre Einreisen in die Stadt zu verhindern.

Die Krise 2021 mit rund 8.000 Grenzübertritten binnen weniger Tage wurde weithin auf einen diplomatischen Streit zwischen Madrid und Rabat zurückgeführt. Auslöser war, dass Spanien Brahim Ghali, einer Führungspersönlichkeit der Polisario-Front aus der Westsahara, medizinische Behandlung im Land gewährte. Marokko weist bis heute jede Verantwortung für die damaligen Ereignisse zurück.

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