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Die unsichtbare Vorwahl: die Schattenkampagne der Demokraten für 2028

Ein Mann hält eine Anstecknadel der Demokratischen Partei bei einer Veranstaltung zur US-Präsidentenwahl.
Ein Mann hält während einer Wahlkampfveranstaltung zur US-Präsidentenwahl eine Anstecknadel der Demokratischen Partei. Copyright  Musadeq Sadeq/AP
Copyright Musadeq Sadeq/AP
Von Stefan Grobe
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Offiziell hat die Demokratische Partei der USA noch keine Bewerber für die Präsidentschaftswahl 2028. Es gibt keine Logos, keine Debatten, keine Ankündigungen. Hinter den Kulissen beginnt der Kampf ums Weiße Haus jedoch längst.

Offiziell bewirbt sich niemand um das Präsidentenamt, doch de facto führen alle Wahlkampf.

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Bis demokratische Wählerinnen und Wähler Anfang 2028 in Iowa und New Hampshire erstmals abstimmen, dürfte der Kampf um die Nominierung bereits seit fast zwei Jahren laufen.

Überall in den USA organisieren demokratische Gouverneure Spendenveranstaltungen in Bundesstaaten mit frühen Vorwahlen. Senatorinnen und Senatoren veröffentlichen Memoiren. Ehemalige Kabinettsmitglieder treten mit sorgfältig inszenierten TV-Auftritten auf. Mitglieder des Kongresses bauen riesige Reichweiten in den sozialen Medien auf und betonen zugleich, sie konzentrierten sich ganz auf ihre aktuellen Ämter. Politische Aktionskomitees stellen diskret Personal ein. Geldgeber führen Gespräche. Meinungsforschungsinstitute testen Slogans. Beraterinnen und Berater planen Delegiertenstrategien.

Niemand kündigt eine Kandidatur an. Alle bereiten sich vor.

Die Demokratische Partei steuert womöglich auf ihren unberechenbarsten Präsidentschaftswahlkampf seit einem halben Jahrhundert zu: eine echte offene Vorwahl, ohne amtierenden Präsidenten, ohne amtierende Vizepräsidentin, die automatisch das Erbe antritt, und ohne klare Führungsfigur.

Daraus entsteht, was Strategen in Washington zunehmend als „Invisible Primary“ bezeichnen: ein weit verzweigter Schattenwahlkampf, in dem Dutzende ehrgeizige Demokratinnen und Demokraten um Einfluss ringen, lange bevor jemand offiziell seine Kandidatur einreicht.

Eine Partei auf der Suche nach ihrem nächsten Profil

Die Weichenstellungen reichen weit über einzelne Personen hinaus.

Die Demokratische Partei ringt noch immer mit den Lehren aus der Trump-Ära. Soll sie sich stärker zur Mitte bewegen, um moderatere Vorstadtwähler zurückzugewinnen? Oder eine stärker populistische Wirtschaftspolitik vertreten, die jüngere Wählerinnen und Wähler mobilisiert? Bleibt Migration ein zentrales Thema? Lässt sich Klimapolitik stärker über Jobs statt über Verzicht erzählen? Und wie soll die Partei mit Kulturkonflikten umgehen, die Republikaner in den vergangenen Wahlen erfolgreich gegen sie ausgespielt haben?

Wer am Ende nominiert wird, übernimmt keine fertige Koalition.

Diese Person definiert, wofür die Demokratische Partei nach fast einem Jahrzehnt unter dem Einfluss von Donald Trump stehen wird.

Diese Unsicherheit erklärt, warum sich so viele mögliche Kandidatinnen und Kandidaten bereits wie Präsidentschaftsanwärter verhalten, ohne es auszusprechen.

Gavin Newsom: Wahlkampf ohne Kandidatur

Kaum ein Politiker nutzt den Schattenwahlkampf so offensiv wie Kaliforniens Gouverneur Gavin Newsom.

Seit Jahren baut Newsom sein nationales Profil gezielt aus: mit TV-Debatten gegen konservative Stimmen, Auftritten in republikanisch regierten Bundesstaaten, prominenten Podcast-Interviews und unablässiger Kritik an der Trump-Regierung und an Trump selbst.

Seine Botschaft ist klar: Demokraten dürfen Republikanern nicht nur widersprechen, sie müssen sie im politischen Argument schlagen.

Kaliforniens Gouverneur Gavin Newsom spricht am Donnerstag, 14. Mai 2026, in Sacramento, Kalifornien, über seinen Haushaltsentwurf. (AP Photo/Jeff Chiu)
Kaliforniens Gouverneur Gavin Newsom spricht am Donnerstag, 14. Mai 2026, in Sacramento, Kalifornien, über seinen Haushaltsentwurf. (AP Photo/Jeff Chiu) AP Photo

Newsom wirbt um große Spender, pflegt enge Kontakte zu Gewerkschaften und präsentiert sich als einer der bekanntesten Kommunikatoren der Partei.

Seine Schwachstelle liegt ebenso offen zutage.

Republikaner würden nur zu gern gegen einen Gouverneur aus Kalifornien antreten und Newsom als Inbegriff progressiver Übertreibung darstellen. Auch innerhalb der Demokraten ist umstritten, ob sein perfekt inszenierter Medienauftritt sich in eine breite Wahlattraktivität übersetzen lässt.

Andy Beshear: Demokrat, den Republikaner mitwählen

Wer Belege sucht, dass liberale Politik auch in tief konservativen Regionen Erfolg haben kann, landet schnell bei Kentuckys Gouverneur Andy Beshear.

Zweimal gewann er Wahlen in einem der republikanischsten Bundesstaaten der USA. Beshear pflegt das Bild eines ruhigen, überparteilich arbeitenden Regierungschefs, der sich auf Katastrophenschutz, Gesundheitsversorgung und wirtschaftliche Entwicklung konzentriert.

Seine Anziehungskraft liegt auf der Hand.

Kentuckys Gouverneur Andy Beshear spricht am 7. Juni 2026 in Des Moines, Iowa, bei einer Wahlkampfveranstaltung für eine demokratische Kandidatur. (AP Photo/Charlie Neibergall)
Kentuckys Gouverneur Andy Beshear spricht am 7. Juni 2026 in Des Moines, Iowa, bei einer Wahlkampfveranstaltung für eine demokratische Kandidatur. (AP Photo/Charlie Neibergall) AP Photo

Wenn Demokraten ihre Unterstützung in ländlichen Regionen Amerikas erneuern wollen, bietet Beshear vielleicht ihr überzeugendstes Beispiel.

Seine Hürde ist ebenso groß: Kann ein Gouverneur mit relativ begrenzter nationaler Bekanntheit regionale Popularität in eine landesweite Bewegung verwandeln?

Sogar scheinbar entfernte Schlagzeilen – etwa sein jüngster öffentlicher Ruf nach mehr Transparenz zum Gesundheitszustand des Senators aus Kentucky, Mitch McConnell – haben sein Image als besonnener Regierungschef gestärkt, der heikle politische Themen nicht scheut.

Pete Buttigieg: bleibt er der beste Kommunikator?

Nur wenige Demokraten treten in feindlich gesinnten Medienumgebungen so souverän auf wie Pete Buttigieg.

Der frühere Verkehrsminister gilt als einer der schlagkräftigsten TV-Verteidiger der Partei. Regelmäßig erscheint er in konservativen Sendern und zerlegt dort in ruhigem Ton die Argumente der Republikaner.

Seit seinem überraschend starken Präsidentschaftswahlkampf 2020 hat Buttigieg sein Profil über Fachfragen hinaus erweitert – hin zu Grundsatzdebatten über Demokratie, Wirtschaft und die amerikanische Identität.

Der frühere Verkehrsminister Pete Buttigieg spricht am 10. April 2026 in New York auf der Konferenz des National Action Network (NAN). (AP Photo/Angelina Katsanis)
Der frühere Verkehrsminister Pete Buttigieg spricht am 10. April 2026 in New York auf der Konferenz des National Action Network (NAN). (AP Photo/Angelina Katsanis) AP Photo

Unterstützer sehen in ihm die nächste Generation demokratischer Führungspersönlichkeiten. Kritiker zweifeln, ob seine Anziehungskraft über hochgebildete Vorstadtmilieus hinausreicht.

So oder so: Kaum jemand bezweifelt, dass er zu den diszipliniertesten potenziellen Kandidaten zählt.

Alexandria Ocasio-Cortez: von Aktivistin zur nationalen Führungspersönlichkeit?

Die New Yorker Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez hat eine der bemerkenswertesten Wandlungen innerhalb der Demokratischen Partei vollzogen.

Von moderaten Kräften anfangs als Protestfigur abgetan, zählt sie heute zu den einflussreichsten nationalen Stimmen der Partei.

Ihre enorme Online-Anhängerschaft verschafft ihr direkten Zugang zu Millionen junger Wählerinnen und Wähler – ohne den Umweg über klassische Medien.

Die Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez nimmt am 22. Januar 2026 im Kapitol in Washington an einer Ausschusssitzung des Repräsentantenhauses teil. (AP Photo/Allison Robbert)
Die Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez nimmt am 22. Januar 2026 im Kapitol in Washington an einer Ausschusssitzung des Repräsentantenhauses teil. (AP Photo/Allison Robbert) AP Photo

Ihre Aufgabe: skeptische Parteifreunde überzeugen, dass sie eine breite Koalition hinter sich vereinen könnte, die Republikaner landesweit schlägt.

Ihre Unterstützer werden lauter und argumentieren, die Partei könne sich keine weitere vorsichtige Zentrumsfigur leisten.

Kritiker befürchten, ihr progressives Profil polarisiere in entscheidenden Swing States zu stark.

Josh Shapiro: Pennsylvanias Regierungschef

Pennsylvanias Gouverneur Josh Shapiro besetzt eine weitere attraktive Rolle innerhalb der Partei.

Er ist relativ jung, formuliert klar und regiert einen der wichtigsten Wahlkampf-Bundesstaaten des Landes. Mit überparteilichen Infrastrukturprojekten und einem pragmatischen Krisenmanagement hat er sich national Schritt für Schritt Aufmerksamkeit erarbeitet.

Pennsylvanias Gouverneur Josh Shapiro spricht am 19. Mai 2026 in Warminster, Pennsylvania, bei einer Wahlparty am Abend der Vorwahl. (AP Photo/Matt Rourke)
Pennsylvanias Gouverneur Josh Shapiro spricht am 19. Mai 2026 in Warminster, Pennsylvania, bei einer Wahlparty am Abend der Vorwahl. (AP Photo/Matt Rourke) AP Photo

Viele demokratische Strateginnen und Strategen betrachten Pennsylvania im Wahlmännerkollegium als unverzichtbar für den Weg zurück ins Weiße Haus.

Wer dort das Gouverneursamt gewinnt, nährt zwangsläufig Spekulationen über eine Präsidentschaftskandidatur.

JB Pritzker: der milliardenschwere Progressive

Illinois’ Gouverneur JB Pritzker verfügt über etwas, das jede Präsidentschaftsbewerberin und jeder Bewerber schätzt: Ressourcen.

Als einer der reichsten Politiker des Landes – die Familie Pritzker besitzt die Hyatt-Hotelkette – kann er riesige Wahlkampforganisationen finanzieren und sich zugleich als kompromissloser Verteidiger progressiver Kernanliegen, organisierter Arbeitnehmerschaft und des Rechts auf Abtreibung präsentieren.

Illinois’ Gouverneur JB Pritzker mischt sich am 18. Juni 2026 in Chicago unter die Gäste vor der Einweihungszeremonie des Obama Presidential Center. (AP Photo/Jeff Roberson, File)
Illinois’ Gouverneur JB Pritzker mischt sich am 18. Juni 2026 in Chicago unter die Gäste vor der Einweihungszeremonie des Obama Presidential Center. (AP Photo/Jeff Roberson, File) AP Photo

Seine Bereitschaft, Republikaner offensiv anzugreifen, macht ihn unter demokratischen Aktivistinnen und Aktivisten immer populärer.

Ob sich diese Popularität landesweit durchträgt, bleibt offen.

Raphael Warnock: Stimme des Senats

Der Senator aus Georgia, Raphael Warnock, sorgt weiter für leise Spekulationen über eine Präsidentschaftskandidatur.

Seine Lebensgeschichte – vom Pastor an der Ebenezer Baptist Church zum Senator eines der umkämpftesten Bundesstaaten – verleiht ihm ein besonders inspirierendes Profil.

Senator Raphael Warnock spricht am 29. April 2026 in Washington bei einer Pressekonferenz zur Entscheidung des Supreme Court über Wahlrechte. (AP Photo/Rod Lamkey Jr.)
Senator Raphael Warnock spricht am 29. April 2026 in Washington bei einer Pressekonferenz zur Entscheidung des Supreme Court über Wahlrechte. (AP Photo/Rod Lamkey Jr.) AP Photo

Für Warnock stellt sich vor allem die Frage des richtigen Zeitpunkts.

Viele Demokratinnen und Demokraten glauben, dass seine große Chance eher 2032 als 2028 kommen könnte. So hätte er mehr Zeit, nationale Erfahrung zu sammeln.

Kamala Harris: die große Unbekannte

Keine Person sorgt für so viel Ungewissheit wie die frühere Vizepräsidentin Kamala Harris.

Seit sie 2024 die demokratische Spitzenkandidatin anführte, gehört sie zu den bekanntesten Gesichtern der Partei.

Ihr bundesweites Netzwerk, ihre Spenderbasis und ihre Regierungserfahrung würden sie auf einen Schlag zu einer der stärksten Aspirantinnen machen – falls sie antritt.

Die frühere Vizepräsidentin Kamala Harris und Arnold Schwarzenegger nehmen am 16. Juni 2026 in Wien am Austrian World Summit teil. (AP Photo/Matthias Schrader)
Die frühere Vizepräsidentin Kamala Harris und Arnold Schwarzenegger nehmen am 16. Juni 2026 in Wien am Austrian World Summit teil. (AP Photo/Matthias Schrader) AP Photo

Gleichzeitig debattieren viele Demokraten, ob die Partei auf eine vertraute nationale Figur setzen oder entschlossen einer neuen Generation das Feld überlassen sollte.

Ob sie antritt oder verzichtet, könnte das gesamte Bewerberfeld prägen.

Die Außenseiter

In jedem offenen Präsidentschaftsrennen tauchen am Ende überraschende Namen auf.

Der Senator aus Georgia, Jon Ossoff, rückt zunehmend in den Fokus. Viele Demokratinnen und Demokraten suchen eine Person, die unterschiedliche Flügel der Partei ansprechen kann. Ossoff weist Präsidentschaftspläne jedoch weiter zurück und konzentriert sich auf seinen Senatswahlkampf.

Marylands Gouverneur Wes Moore beeindruckt Spenderinnen und Spender mit seiner Biografie und seinem Führungsstil.

Auch Politiker wie Arizonas Senator Mark Kelly, Connecticuts Senator Chris Murphy oder der frühere Bürgermeister von Chicago und Stabschef des Weißen Hauses, Rahm Emanuel, könnten nach vorne rücken, falls die bekannten Favoriten ins Stolpern geraten.

Die Geschichte legt nahe, dass jemand, der heute kaum erwähnt wird, morgen an der Spitze stehen kann.

Die neuen Regeln der Präsidentschaftspolitik

Anders als in früheren Generationen spielt sich die „Invisible Primary“ heute dauerhaft online ab. Kandidatinnen und Kandidaten brauchen keine Reden in Iowa mehr, um Schwung aufzubauen.

Ein einziges Podcast-Interview kann Millionen Menschen erreichen, den Nachrichtenzyklus dominieren und eine Person über Nacht zu einer national bekannten Figur machen. Ein viraler TikTok-Clip erreicht oft mehr junge Wählerinnen und Wähler als wochenlange TV-Werbung.

Jede Grundsatzrede wird zu Wahlkampfinhalt. Jede Auslandsreise gilt als Test präsidialer Führung. Jedes Interview in einem Kabelsender wirkt wie eine kleine Präsidentschaftsdebatte.

Politische Beraterinnen und Berater argumentieren zunehmend, dass potenzielle Kandidaten heute ihre persönlichen Medienmarken bereits Jahre aufbauen, bevor sie offiziell in die Präsidentschaftspolitik einsteigen.

Obamas langer Schatten

Über dem gesamten Feld schwebt ein Mann, der nicht kandidiert.

Der frühere Präsident Barack Obama ist nach wie vor die vielleicht einflussreichste Stimme der Demokratischen Partei.

Er vermeidet es bislang sorgfältig, eine mögliche Nachfolge zu unterstützen. Viele Führungspersönlichkeiten der Partei sind jedoch überzeugt, dass seine Meinung entscheidend werden könnte, falls die Vorwahlen zersplittern.

Ob Obama am Ende zum „Königsmacher“ wird oder bewusst neutral bleibt, könnte das Verhalten großer Geldgeber und die Unterstützung einflussreicher Parteikreise maßgeblich beeinflussen.

Zuerst kommen die Zwischenwahlen

Derzeit betonen alle potenziellen Präsidentschaftsanwärterinnen und -anwärter, dass zunächst 2026 – in manchen Bundesstaaten 2027 – Priorität hat. Gouverneure müssen regieren, Senatorinnen und Senatoren ihre Sitze verteidigen.

Die Demokraten müssen zunächst beweisen, dass sie im Kongress wieder Mehrheiten gewinnen können, bevor sie vom Rückzug ins Weiße Haus träumen. Dennoch betrachten Beobachter jeden Wahlkampfauftritt, jedes Fundraising-Dinner und jeden nationalen TV-Auftritt durch eine zweite Linse.

Wer wirkte präsidial? Wer überzeugte die Spender? Wer erreichte die jungen Wählerinnen und Wähler? Wer überstand die Schlagzeilen der Woche unbeschadet? Die Antworten formen leise ein Rennen, das es offiziell noch gar nicht gibt.

In Washington lässt sich kaum jemand täuschen. Das Rennen um die demokratische Präsidentschaftsnominierung 2028 hat längst begonnen, auch wenn die potenziellen Kandidatinnen und Kandidaten dies bislang nicht einräumen.

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