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Exklusiv: Ermittler finden Hinweise auf möglichen Chemiewaffeneinsatz im Sudan

Zünder liegen in Reihen zur Wiederverwertung. Arbeiter vernichten das Chemiewaffenarsenal der USA im Pueblo Chemical Depot. Am achten Juni 2023.
Am achten Juni 2023 liegen Zünder in Reihen zum Recycling bereit, während Arbeiter im US-Army-Depot Pueblo das US-Chemiewaffenarsenal vernichten. Copyright  AP Photo/David Zalubowski
Copyright AP Photo/David Zalubowski
Von Eleonora Vasques
Zuerst veröffentlicht am
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Ehemalige OPCW-Experten melden Belege dafür, dass Sudans Regierung im andauernden Bürgerkrieg möglicherweise Chemiewaffen eingesetzt hat.

Akute Atemnot, ungewöhnliche Gerüche, farbige Explosionen, langfristige Gesundheitsschäden und Umweltzerstörung gehören zu den Hinweisen, die eine Expertengruppe als glaubwürdige Belege einstuft. Sie stützen die Aussagen von Zeugen, die von Kontakt mit giftigen Chemikalien berichten, die mit militärischen Aktivitäten im Sudan in den Jahren 2024 und 2025 in Verbindung stehen.

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Die Erkenntnisse finden sich in einer 32-seitigen Untersuchung, die Euronews vorliegt. Sie befasst sich mit dem Einsatz chemischer Waffen in zivilen Gebieten des Sudan im Kontext des seit 2023 andauernden Krieges.

Angeführt wurde die Untersuchung von früheren ranghohen Vertretern der Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW). Zwei von ihnen arbeiteten für die Organisation, als sie 2013 für ihren Einsatz zur weltweiten Ächtung chemischer Waffen den Friedensnobelpreis erhielt.

Die beiden früheren Spitzenvertreter der OPCW, die das Team leiteten, sprachen mit Euronews, baten jedoch wegen der brisanten Inhalte darum, anonym zu bleiben.

"Mindestens ein Vertragsstaat hat wegen des mutmaßlichen Einsatzes chemischer Waffen bereits Einzelpersonen sanktioniert. Zugleich nehmen die Vorwürfe über ein geheimes Programm zu, und glaubhafte Zeugenaussagen deuten auf einen Vorfall im September 2024 hin, bei dem Chlor im Spiel gewesen sein könnte. Vor diesem Hintergrund müssen die OPCW und ihre Vertragsstaaten eine Untersuchung einleiten“, sagten die beiden früheren Spitzenvertreter gegenüber Euronews.

Belastende Beweise

Der Bericht stützt sich auf die Aussagen von acht sudanesischen Zeugen. Videos, Fotos und weiteres digitales Material der mutmaßlichen Opfer untermauern ihre Schilderungen und deuten darauf hin, dass in dem Konflikt chemische Waffen zum Einsatz gekommen sein könnten.

Euronews hat die im Bericht enthaltenen Fotos geprüft. Die Redaktion konnte jedoch weder mit den Zeugen sprechen noch deren Videoaufnahmen oder weiteres digitales Beweismaterial einsehen.

Es ist nicht das erste Mal, dass Hinweise auf einen möglichen Einsatz chemischer Waffen im Sudan auftauchen. Die New York Times und die Washington Post veröffentlichten bereits Anfang September Recherchen, die auf Informationen aus Geheimdienstkreisen im Nahen Osten basieren, darunter Fotos von Lagerbeständen und Korrespondenz zwischen sudanesischen Behördenvertretern. Der mutmaßliche Einsatz chemischer Waffen veranlasste die US-Regierung im April 2025, Sanktionen gegen den Sudan zu verhängen.

Die nun von Euronews ausgewertete Untersuchung verleiht den schweren Vorwürfen sowohl eine menschliche Dimension als auch zusätzliche inhaltliche Substanz und dürfte weitere Aufmerksamkeit auf den Fall lenken.

Die sudanesische Regierung hat jegliches Fehlverhalten mehrfach bestritten.

Der Bericht

Dem Bericht zufolge befragte das Expertenteam acht Zeugen in der kenianischen Hauptstadt Nairobi. Gemeinsam identifizierten sie "eine Reihe glaubwürdiger Vorfälle mit unerklärlichen Erkrankungen nach militärischen Aktionen“.

Zur Gruppe gehörten "Personen, die von direkter Exposition bei den mutmaßlichen Vorfällen berichten, Einsatzkräfte aus dem Notfallbereich, eine medizinische Fachkraft, die betroffene Patienten behandelte, sowie Personen, die unterstützendes Dokumenten- und digitales Material für die Untersuchung beisteuern konnten“, heißt es im Bericht.

Die stärksten Hinweise lieferten zwei Zeugen, die getrennt voneinander befragt wurden und sich beide im September 2024 bei einem Vorfall in der Al-Jili-Ölraffinerie nahe Khartum aufhielten.

Zu diesem Zeitpunkt stand das Gebiet unter der Kontrolle der Rapid Support Forces. Die Miliz führt den Kampf gegen die sudanesische Armee an. EU und USA haben sie wegen schwerer Menschenrechtsverletzungen sanktioniert.

"Beide Zeugen schilderten, dass unmittelbar vor dem Vorfall ein Militärflugzeug über das Gelände flog“, heißt es in dem Bericht. Aufgelistet werden "fassförmige Objekte, die mit dem Überflug in Verbindung standen. Einschläge, die nicht wie herkömmliche Sprengangriffe wirkten, ungewöhnliche Emissionen in der Luft, unbekannte Gerüche und akute Atemwegsbeschwerden bei rund 20 Beschäftigten. Behandlungen in der medizinischen Klinik der Raffinerie und eine nachträgliche Veränderung der Vegetation in der Nähe der Einschlagsstelle“ gehören auch dazu.

Weiter heißt es, die von den beiden Zeugen beschriebenen akuten Atemwegs- und Augenreizungen passten zu einer Exposition gegenüber einem Reizstoff oder einer gefährlichen Chemikalie in der Luft. Die Experten konnten die konkrete Substanz jedoch nicht bestimmen.

Die übrigen Zeugenaussagen schildern weitere Vorfälle an unterschiedlichen Orten, die ein ähnliches Muster erkennen lassen.

"Mehrere Zeugen beschrieben Luftangriffe, auf die rasch der Beginn von Atembeschwerden bei Personen in der unmittelbaren Umgebung folgte“, heißt es in dem Bericht. Zu den häufig genannten Symptomen zählten demnach „Husten, Atemnot, Augenreizungen und in einigen Fällen gastrointestinale oder dermatologische Beschwerden“.

Ähnlich wie die Zeugen in der Raffinerie schilderten sie zudem "ungewöhnliche Gerüche, farbige Emissionen in der Luft und das scheinbare Ausbleiben der Explosionswirkungen, wie sie bei herkömmlichen Luftangriffen üblich sind“.

Das Expertenteam konnte jedoch nicht abschließend bestätigen, dass die Vorfälle auf den Einsatz chemischer Waffen zurückgehen, da die Erkenntnisse noch Lücken aufweisen.

Die Fachleute sehen aber glaubwürdige und in sich stimmige Hinweise, die in diese Richtung weisen. Sie fordern die OPCW auf, das Material zu prüfen und darauf aufbauend weitere Ermittlungen einzuleiten.

Nach UN-Angaben vom April 2026 wurden seit Beginn des Sudan-Kriegs 2023 rund 14 Millionen Menschen vertrieben.

Der Konflikt hat zudem eine der weltweit schlimmsten Hungerkrisen ausgelöst. Fast 19,5 Millionen Menschen leiden unter akuter Ernährungsunsicherheit und drohendem Hunger.

Euronews hat die sudanesische Regierung um eine Stellungnahme gebeten, jedoch bis zur Veröffentlichung keine Antwort erhalten.

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