Trotz des starken Kursanstiegs stuft Bank of America die Aktie von Soitec auf Kaufen hoch und sieht weiteres Aufwärtspotenzial von 90 Prozent.
Ein bislang wenig bekannter französischer Halbleiterhersteller zählt 2026 zu Europas größten Börsengewinnern im Bereich Künstliche Intelligenz. Möglich macht das eine Technik, die nur wenige Konkurrenten beherrschen.
Die Aktie von Soitec SA hat sich in diesem Jahr fast versiebenfacht: Anfang Januar lag der Kurs bei rund 23 Euro, am Montagnachmittag in Paris bei etwa 154 Euro.
Gleichzeitig meldete das Unternehmen für das vergangene Geschäftsjahr einen Umsatzrückgang um 34 %.
Nun hält die Bank of America eine erneute Kursverdopplung für möglich.
Am Freitag stufte die US-Bank Soitec von Neutral auf Kaufen hoch und erhöhte das Kursziel von 152 auf 300 Euro. Das entspricht einem möglichen Aufwärtspotenzial von mehr als 90 %.
Was treibt diese Rally an, und wie stark hängt sie von einem einzigen Produkt ab?
Französischer Wafer-Spezialist treibt Schlüsseltechnologie für KI
Soitec fertigt keine Prozessoren, mit denen KI-Modelle trainiert werden. Das Unternehmen produziert hochspezialisierte Silizium-Wafer, auf denen andere Halbleiterhersteller ihre Chips aufbauen.
Der Sitz liegt in Bernin bei Grenoble. Soitec entstand 1992 als Ausgründung des französischen Forschungsinstituts CEA-Leti.
Heute beschäftigt Soitec mehr als 2.000 Mitarbeitende und hält über 4.700 Patente.
Anfang des Monats hat Euronews-Journalistin Valérie Gauriat für die Reihe „Made in Europe“ die Produktionsanlagen besucht.
In den Reinräumen durchlaufen die Wafer Dutzende Fertigungsschritte. Soitec kann dabei extrem dünne Materialschichten gezielt verändern.
„Unsere Aufgabe ist es, schneller zu sein als die Konkurrenz“, sagte Technikchef Christophe Maleville Euronews.
Diese Expertise gewinnt an Wert. KI-Rechenzentren müssen immer größere Datenmengen zwischen Prozessoren übertragen.
Silicon Photonics bietet dabei eine schnellere und stromsparendere Alternative zu klassischen Kupferverbindungen. Statt elektrischer Signale kommt Licht zum Einsatz.
Soitec liefert die speziellen Silizium-Wafer für solche optischen Chips und nimmt damit eine Schlüsselrolle im wachsenden Markt für KI-Infrastruktur ein.
Bank of America: Fast-Monopol bei KI-Photonik
„Wir schätzen, dass Soitec derzeit rund 95 % Marktanteil bei Photonics-SOI-Wafern hält“, schreiben Analyst Oliver Wong und sein Team von Bank of America.
Wettbewerber wie GlobalWafers aus Taiwan versuchen, in den Markt einzusteigen.
Die Bank geht jedoch davon aus, dass Soitecs technologische Kompetenz und jahrzehntelange Fertigungserfahrung die dominante Stellung schützen.
Der Vorsprung dürfte wichtiger werden, wenn KI-Rechenzentren weiter wachsen und mehr optische Verbindungen zwischen Prozessoren brauchen.
Bank of America erwartet, dass die insgesamt benötigte Waferfläche für photonische Chips zwischen 2026 und 2030 jährlich um etwa 60 % zunimmt.
Für Soitec könnte die Nachfrage nach seinen Materialien damit deutlich schneller steigen als die Zahl der KI-Prozessoren selbst.
Schon die jüngsten Prognosen des Unternehmens deuten auf eine starke Beschleunigung hin.
Im September stellte Soitec in Aussicht, dass die Photonics-Erlöse im bis März 2027 laufenden Geschäftsjahr auf das 2,5- bis dreifache des Vorjahresniveaus klettern.
Für das September-Quartal sagte der Konzern zudem ein Umsatzplus von rund 50 % voraus.
Parallel dazu rechnet Soitec damit, mehrjährige Kapazitätsvereinbarungen mit acht seiner rund zehn größten Photonics-Kunden abzuschließen.
Solche Verträge würden die künftige Nachfrage berechenbarer machen und Investitionen in zusätzliche Produktionskapazitäten stützen.
Wie KI Soitecs Profitabilität verändert
Bis vor Kurzem war Soitec stark vom Smartphone-Geschäft abhängig. Es steuerte im vergangenen Geschäftsjahr etwa die Hälfte des Umsatzes bei.
Im Juni-Quartal kam jedoch 57 % des Umsatzes aus der breiter gefassten Sparte Edge & Cloud AI.
Bank of America erwartet, dass dieser Wandel Fahrt aufnimmt.
Die Bank rechnet damit, dass die Photonics-Erlöse von 92 Millionen Euro im Geschäftsjahr 2026 auf etwa 680 Millionen Euro im Geschäftsjahr 2029 steigen.
Dann würde Photonics fast die Hälfte des insgesamt prognostizierten Konzernumsatzes von 1,43 Milliarden Euro ausmachen. Im vergangenen Geschäftsjahr lag der Anteil erst bei 16 %.
Noch wichtiger: Die Profitabilität könnte schneller zulegen als der Umsatz.
Nach Berechnungen der Bank bleiben bei Photonics-Wafern nach Rohstoffkosten etwa 80 Cent von jedem Euro Umsatz übrig. Bei anderen Soitec-Produkten sind es rund 56 Cent.
Wenn Photonics einen größeren Anteil am Geschäft hat, dürfte die Bruttomarge des Unternehmens bis zum Geschäftsjahr 2029 von 16 % auf 44 % steigen.
„Wir gehen davon aus, dass die Bruttomarge von 16 % im Geschäftsjahr 2026 den Tiefpunkt für Soitec markiert hat“, schreiben Wong und seine Kolleginnen und Kollegen.
Diese erwartete Erholung bildet die Grundlage für ihre Prognose von 10,62 Euro Gewinn je Aktie im Geschäftsjahr 2029. Das liegt um rund 71 % über dem Analystenkonsens von Visible Alpha.
Fast 600-%-Rally: Risiken bleiben hoch
Die Transformation von Soitec ist längst nicht abgeschlossen.
Der Jahresumsatz fiel im Geschäftsjahr 2026 um 34 % auf 592 Millionen Euro, die Erlöse im Mobilfunk gingen um 43 % zurück.
Die Smartphone-Sparte schrumpfte im Juni-Quartal nochmals um zehn Prozent, weil Kunden ihre Lagerbestände weiter abbauten.
Bank of America rechnet damit, dass das Mobilfunkgeschäft in diesem Geschäftsjahr seinen Tiefpunkt erreicht. Eine Erholung ist jedoch nicht sicher.
Um die wachsende Nachfrage nach Photonics zu bedienen, sind zudem hohe Investitionen nötig.
Die Bank erwartet, dass Soitec in den kommenden Monaten eine Erweiterung seines Werks in Singapur ankündigt. Die Kosten könnten bei rund 700 Millionen Euro liegen.
Auch die Bewertung ist eine Herausforderung.
Beim Kurs von etwa 154 Euro wird Soitec mit fast dem 96-fachen der von Bank of America geschätzten Gewinne für das bis März 2027 laufende Geschäftsjahr gehandelt.
Eine so hohe Bewertung macht Anleger verwundbar, falls die Investitionen in KI-Infrastruktur nachlassen oder konkurrierende Technologien an Boden gewinnen.
Am 18. November legt Soitec seine Halbjahreszahlen vor. Dann zeigt sich, ob das Unternehmen seine ambitionierten Wachstumsziele untermauern kann.
Anfang 2026 blickten Investoren vor allem auf sinkende Smartphone-Verkäufe und rückläufige Gewinne.
Heute sehen immer mehr Marktteilnehmer in Soitec einen wichtigen Zulieferer der globalen KI-Industrie.
Die zentrale Frage lautet, ob das Photonics-Geschäft schnell genug wächst, um einen Aktienkurs zu rechtfertigen, der eine außergewöhnliche Transformation bereits stark vorweggenommen haben könnte.
Dieser Artikel dient ausschließlich Informations- und Bildungszwecken. Er stellt keine Finanz- oder Anlageberatung und keine Empfehlung zum Kauf oder Verkauf eines Finanzinstruments dar. Leserinnen und Leser sollten eigene Recherchen anstellen und vor Investitionsentscheidungen eine qualifizierte Finanzberaterin oder einen qualifizierten Finanzberater konsultieren. Geldanlagen sind mit Risiken verbunden, einschließlich des möglichen Verlusts von Kapital. Vergangene Wertentwicklungen sind kein verlässlicher Indikator für zukünftige Ergebnisse.