Seit mehr als zwei Wochen steht das Protestcamp an der Puerta del Sol in Madrid gegen die Wohnkrise. Viele sind erschöpft und das Leben im Freien wird hart. Unterdessen drängt die Regionalregierung auf eine Räumung - notfalls mit juristischen Mitteln.
Seit mehr als zwei Wochen campieren Aktivistinnen und Aktivisten in der Puerta del Sol im Herzen von Madrid für das Recht auf Wohnen, und die Erschöpfung macht sich bemerkbar. Nächte mit wenig Schlaf, fehlende Sanitäranlagen und das Leben unter freiem Himmel werden immer belastender. Dennoch halten Solidarität und Entschlossenheit derjenigen, die bleiben, die Protestaktion lebendig.
Mitten im Herzen Madrids, zwischen Touristinnen und Touristen, die nachfragen, was hier passiert, und Passanten, die für Fotos stehen bleiben, haben die Campierenden eine kleine Gemeinschaft aufgebaut. Planen rund um das Lager geben ihnen Schutz und etwas Privatsphäre. Die Zelte sind in den vergangenen Wochen zu ihrem festen Rückzugsort geworden.
Im Inneren des Camps organisieren sich die Beteiligten, um Essen zu verteilen, Menschen in Not zu unterstützen und die Gemeinschaftsflächen sauber zu halten. Es gibt einen Bereich für medizinische Hilfe, Freiwillige für Rechtsberatung und sogar eine kleine Bibliothek. Aber vor allem ist der gegenseitige Rückhalt spürbar.
Bei einem Besuch von Euronews bricht einer der Demonstrierenden, der anonym bleiben möchte, in Tränen aus, als er erzählt, was das Camp für ihn bedeutet. Eine Mitstreiterin oder ein Mitstreiter kommt sofort, nimmt ihn in den Arm, eine dritte Person fragt nach seinem Befinden. Für viele ist dieser Ort längst mehr als nur eine Protestfläche: Er ist zur Familie geworden.
"Wir sind müder, aber besser organisiert!
Nacho beteiligt sich seit fast drei Wochen als Demonstrant und Freiwilliger an der Aktion. Ein großer Teil seiner Tage geht darauf, Mahlzeiten zuzubereiten und die gespendeten Materialien zu sortieren. !Wir sind gerade in der Phase, in der wir am müdesten sind, aber auch am besten organisiert und am hoffnungsvollsten", sagt er in der zentralen Zeltstruktur zu Euronews.
Die Erschöpfung hat ihn gezwungen, an einigen Nächten nach Hause zu fahren und dort zu schlafen. Trotzdem hebt er die Organisation im Camp hervor und die Solidarität der Menschen, die Lebensmittel, Wasser und Hygieneartikel spenden. "Wir nehmen kein Geld an. Alles, was wir haben, bringt uns die Bevölkerung", sagt er.
Ein anderer Teilnehmer, der ebenfalls anonym bleiben möchte, betont die Mitarbeit von ehrenamtlichen Ärztinnen, Ärzten sowie Anwältinnen und Anwälten. Für ihn zeigt die Erfahrung, wie wichtig es ist, Unterschiede beiseitezulegen und sich gegenseitig zu helfen.
Camp in Sol: Alltagsschwierigkeiten und Räumungsdruck
Das Zusammenleben im Camp bringt auch Probleme mit sich. Die Protestierenden verfügen über keine eigenen Toiletten, einige berichten über Schwierigkeiten bei der Müllentsorgung und über nächtliche Diebstähle. Nacho räumt die Unannehmlichkeiten ein, sagt aber, dass es eine Putzkommission gibt, die das Lager in Ordnung hält.
Pedro, ein weiterer Teilnehmer, weist Vorwürfe mangelnder Hygiene zurück und verteidigt die Arbeit der Freiwilligen, unter denen sich Studierende und Fachkräfte aus unterschiedlichen Bereichen befinden. Er reagiert auch auf die Anschuldigungen der Präsidentin der Comunidad de Madrid, Isabel Díaz Ayuso, die von Terroristen im Camp spricht. Pedro widerspricht dem und erklärt, dass die palästinensischen Symbole auf dem Platz Ausdruck der Solidarität mit der Bevölkerung in Gaza seien, nicht Unterstützung für Terrorismus.
Die Regionalregierung der Comunidad de Madrid drängt weiter auf eine Räumung. Ihr Sprecher Miguel Ángel García Martín erklärte in dieser Woche, man werde "alle juristischen Mittel" ausschöpfen, um das Camp aufzulösen, und schließe eine Beschwerde vor dem Obersten Gerichtshof nicht aus, nachdem das Oberste Gericht Madrids den Räumungsantrag am fünften Oktober zurückgewiesen hatte.
Die Protestaktion könnte auch die Fiesta de la Trashumancia beeinträchtigen. Die Stadtverwaltung von Madrid prüft, die Route des Umzugs zu ändern und einen Teil der Feier auf die Plaza Mayor zu verlegen, um den besetzten Bereich zu umgehen.
Protest für das Recht auf Wohnen
Die zentrale Forderung der Campierenden lautet, würdige Wohnungen zu bezahlbaren Preisen zu bekommen. Pedro kritisiert, dass ein Arbeitsplatz längst nicht mehr garantiert, sich in Madrid eine Wohnung mieten zu können. Hohe Mieten, Kautionen und die Einkommensanforderungen mancher Immobilienfirmen erschweren seiner Ansicht nach den Zugang zu Wohnraum selbst für Menschen mit stabilen Einkommen.
Er prangert außerdem an, dass ganze Wohnungen in einzelne Zimmer aufgeteilt und separat vermietet werden, eine Praxis, die den Markt aus seiner Sicht weiter verteuert. Die Demonstrierenden verstehen das Camp als Druckmittel gegenüber den Behörden, um konkrete Maßnahmen zu erreichen. Einer von ihnen betont, man werde bleiben, bis es eine Vereinbarung oder zumindest Fortschritte gibt – und zwar ausschließlich mit friedlichen Mitteln.
Wie lange bleibt das Camp auf der Puerta del Sol?
Im Moment gibt es kein Datum für ein Ende des Protests. Nacho erklärt, dass die Zukunft der Mobilisierung in einer Vollversammlung entschieden wird, abhängig von den Zielen, die sie festlegen. "Je nachdem, welche politischen Ziele wir uns setzen, wird sich zeigen, wie lange wir bleiben oder ob wir gehen", sagt er.
Während Touristinnen und Touristen weiter über die Puerta del Sol schlendern, verteilen Freiwillige Essen, organisieren Spenden und kümmern sich um das Camp. Nach mehr als zwei Wochen Protest ist die Müdigkeit unübersehbar, ebenso aber der Wille, weiterzumachen. Die Campierenden betonen, sie wollten nichts anderes, als gehört werden und Lösungen für die Wohnungskrise finden.