Der europäische Referenzpreis für Gas ist am Mittwochnachmittag erstmals seit der Energiekrise 2022 über 100 €/MWh gestiegen, kurz nachdem EU-Energiekommissar Dan Jørgensen vor „einer weiteren Energiekrise“ und einem harten Winter gewarnt hatte.
Der Preis des europäischen Referenzvertrags für Erdgas ist am Mittwochnachmittag über 100 Euro je Megawattstunde gestiegen. Ein solches Niveau gab es zuletzt im Dezember 2022 auf dem Höhepunkt der Energiekrise nach dem russischen großangelegten Einmarsch in die Ukraine.
Nur wenige Stunden zuvor hatte EU-Energiekommissar Dan Jørgensen gewarnt, die Staatengemeinschaft stehe vor einer neuen Energiekrise und einem harten Winter.
Der niederländische TTF-Frontmonatskontrakt, die zentrale Referenz für Gaspreise in Europa, notierte um 16:00 Uhr MEZ bei 100,37 Euro je Megawattstunde. Das entspricht einem Anstieg von mehr als vier Prozent gegenüber dem Tagesauftakt. Vor Beginn des Iran-Kriegs Ende Februar lag der Preis noch bei rund 32 Euro. Vom Rekordhoch von etwa 340 Euro im August 2022 ist er aber weiterhin weit entfernt.
„Erneut stürzt Europa wegen geopolitischer Turbulenzen in eine Energiekrise“, sagte Jørgensen am Mittwochmorgen in Brüssel nach einem Treffen mit Vertretern europäischer Ölraffinerien.
„Wir wissen, dass dieser Winter für die Bürgerinnen und Bürger in Europa und für unsere Wirtschaft insgesamt schwierig wird“, sagte er. Er ergänzte, die Energierechnungen in der EU würden „explodieren“.
Nach Einschätzung der Kommission bleibt der weltweite Dieselmarkt bis weit ins Jahr 2027 hinein angespannt, was die Energiepreise hoch hält. Sie will deshalb die Produktion in europäischen Raffinerien erhöhen. Rund ein Viertel von ihnen hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten den Betrieb eingestellt.
Winter naht: Europas Gasspeicher bleiben zurück
Die Gasversorgung in Europa ist derzeit angespannt.
Der Iran-Krieg hat Lieferketten für Flüssigerdgas (LNG) unterbrochen und Bezüge aus mehreren Herkunftsländern, vor allem aus Katar, weitgehend gekappt. Zugleich ist Europa mit deutlich unterdurchschnittlich gefüllten Speichern in den Sommer gestartet.
Nach Angaben der EU-Agentur für die Zusammenarbeit der Energieregulierungsbehörden (ACER) waren die Gasspeicher der EU am 21. Oktober zu 75 Prozent gefüllt. Das liegt klar unter dem üblichen Ziel von 90 Prozent bis zum ersten November, das die Mitgliedstaaten inzwischen flexibler handhaben dürfen.
Am Ende des vergangenen Winters waren die Speicher nur zu 28 Prozent ausgelastet, der Neunjahresdurchschnitt liegt bei etwa 40 Prozent. Das Wiederauffüllen geht langsam voran und ist teuer. ACER schätzt, dass der Krieg die Ausgaben Europas für Gasimporte um zwischen 18 und 33 Milliarden Euro erhöht hat.
Im Sommer gelangte fast kein Flüssigerdgas aus Katar in die EU. Die Staatengemeinschaft stützt sich deshalb immer stärker auf die USA, die laut ACER inzwischen rund 30 Prozent ihres Gases liefern.
Europa konkurriert im Winter zudem mit Asien um verfügbare LNG-Ladungen und ist damit möglichen weiteren Preisschwankungen ausgesetzt, warnte die Agentur. Der Gasverbrauch liegt jedoch rund 20 Prozent unter dem Niveau vor der Krise 2022. Dadurch reicht das eingelagerte Gas länger.
Die EU sucht fieberhaft nach Alternativen.
Die EU und Kanada loten laut einer Euronews vorliegenden Entwurfserklärung für ihren Gipfel in Montreal am Donnerstag und Freitag ein langfristiges LNG-Abkommen aus.
Am Donnerstag kommen zudem die Energieminister der EU zu Beratungen zusammen.