Drei Jahre nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel mit 1200 Toten hat Antisemitismus unter deutschen Studenten zugenommen. Juden werden kollektiv für Israels Politik verantwortlich gemacht, als "Kindermörder“ beschimpft, ausgegrenzt und angegriffen. Viele verbergen aus Angst ihre Identität.
14. Dezember 2023, eine Welle von Protesten an deutschen Hochschulen beginnt, rund zwei Monate nach dem 7. Oktober. Die Gruppe "Students for Free Palestine“ besetzt einen Hörsaal der Freien Universität in Berlin. Es wehen Palästinaflaggen, Vorträge werden gehalten, Plakate mit Aufschriften wie "Stoppt den Genozid“ sind zu sehen. Es kommt zu Auseinandersetzungen und Rangeleien zwischen propalästinensischen und proisraelischen Teilnehmern. Die Freie Universität ruft die Polizei, es werden Anzeigen wegen Hausfriedensbruch, Beleidigung und Körperverletzung gestellt.
Tim Gronert war dabei. Der heute 52-Jährige studierte Mitte der 1990er-Jahre Jura, Geschichte und Kunstgeschichte an der Universität. Als er von dem Protest hört, macht er sich auf, um sich selbst ein Bild zu verschaffen. "Das war wie in einem Film“, sagt Gronert im Gespräch mit Euronews, das könne man sich kaum vorstellen. "Es waren klassische biodeutsche Bürgerkinder, überwiegend Frauen, mit bunten Haaren und Palästinensertüchern, die Revolution spielen wollten.“
Bei den Vorträgen im Hörsaal fallen immer wieder die Worte "Zionismus“ und "Genozid“. Tim Gronert interveniert und wird von den Besetzern darauf umzingelt und bedrängt, als "Zionisten-Schwein“ und "dreckiges Arschloch“ beschimpft. Rund 20 der 60 Anwesenden werden von der Polizei abgeführt. Die Freie Universität teilte später mit, dass sie "Besetzungen nicht als geeignetes Mittel der Kommunikation oder des Protests sehen“.
Tim Gronert und seine Familie kennen solche Anfeindungen aus dem Alltag. Dieses Jahr kommt seine Ehefrau an Jom Kippur, dem jüdischen Versöhnungstag, aus der Synagoge. Vor dem Gebäude begegnet sie einer Gruppe von Frauen, die "klar migrantische Wurzeln im Nahen Osten hatten". Eine von ihnen trägt einen Hund auf dem Arm. Als Gronerts Ehefrau anmerkt, wie niedlich das Tier sei, entgegnen die eine, "dreckige Juden“ dürften ihn aber nicht anfassen.
Antisemitismus nehmen sie aus allen Richtungen wahr, von rechts, links und aus muslimischen Kreisen. Wie sich linker mit muslimischem Judenhass vermische, mache ihm aber Angst, so Gronert. Dieses Phänomen wird in der Forschung als "Querfront“oder"links-islamistische Allianz“beschrieben.
Die Annäherung der verschiedenen Gruppierungen erklärt sich durch ideologische Überschneidungen und gemeinsame Feindbilder. Dabei verfolgen sie gesellschaftspolitisch teilweise grundlegend unterschiedliche, mitunter sogar gegensätzliche Ziele. Das Phänomen ist nicht auf Deutschland beschränkt: Auch an Hochschulen in Frankreich, Großbritannien und den Niederlanden gibt es vergleichbare Aktionen.
Die Zäsur des 7. Oktobers
Am 7. Oktober 2023 hat die Hamas, die von zahlreichen Staaten und Bündnissen als Terrororganisationeingestuft wird, mehrere Kibbuzim (Dorfgemeinschaften in Israel) und das "Supernova-Festival im Süden Israels angegriffen. Insgesamt wurden rund 1.200 Menschen getötet, 255 wurden als Geiseln in den Gazastreifen verschleppt, 87 von ihnen getötet. Die Terroristen vergewaltigten, folterten und verstümmelten. Der Anschlag gilt als das schlimmste Massaker an Juden seit dem Holocaust. Eigentlich hätte es eine Welle der Solidarität geben sollen, stattdessen gab es eine Zunahme von Antisemitismus, eine Täter-Opfer-Umkehr und fortlaufende Relativierungen.
Laut dem aktuellen Lagebild der "Amadeu Antonio Stiftung" hat sich die Zahl antisemitischer Vorfälle an Hochschulen binnen drei Jahren nach dem Angriff vervielfacht: Zwischen 2022 und 2025 wurden insgesamt 1.056 antisemitische Vorfälle an Hochschulen registriert. Grundlage ist eine Erhebung des Bundesverbands der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (RIAS). Die Zahl stieg von 23 Fällen im Jahr 2022 auf 151 im Jahr 2023 und 458 im Jahr 2024. Für 2025 wurden 424 Vorfälle gemeldet.
Die Humboldt-Universität (HU) und die Freie Universität (FU) in Berlin gehörten in den vergangenen Jahren zu den besonders öffentlichen Schauplätzen pro-palästinensischer Proteste und Auseinandersetzungen um Antisemitismus an deutschen Hochschulen. Aber auch an der Technischen Universität (TU) in Berlin, der Universität in Leipzig und an Hochschulen in Bremen gab es vergleichbare Besetzungen.
"Es war schon hart an der Grenze zu antiisraelischen Volksfesten. Da wurden Kochkurse gemacht und Kufiyas gestrickt, ich fand, das hatte was sehr Geschmackloses und Zynisches“, sagt die Anthropologin und jüdische Gegenwartsforscherin Prof. Dr. Dani Kranz, die am 7. Oktober auch Freunde und Bekannte verloren hat und beinahe auch im Süden Israels gewesen wäre.
In bestimmten Disziplinen sei israelbezogener Antisemitismus Teil des Konsenses geworden, sagt Kranz im Interview mit Euronews. "In den Geistes- und Sozialwissenschaften ist das total überrepräsentiert“, so die Wissenschaftlerin, die seit Oktober 2026 Hertie-Gastprofessorin an der "Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg“ ist und Gründungsvorsitzende des "Netzwerks Jüdische Gegenwartsforschung e. V.“ sowie Mitglied im "Beratungskreis des Bundesbeauftragten für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus“ ist.
Sogar auf den Toiletten von Universitäten schlägt einem offener Judenhass entgegen. Im Oktober 2024 wurde an der Universität der Künste Berlin die Parole "Free jews from being“ an eine Wand geschrieben. Die Formulierung ist problematisch, weil sie Juden dazu auffordert, jüdisch zu sein, ihre Identität als etwas darstellt, von der man Menschen befreien muss.
Im Juli 2025 stand auf einer Toilette der Technischen Universität Dresden: "Jede Spülung 1 toter Jude!“ An der Herrentoilette der Universität zu Köln fanden sich zudem die Parolen "Kill all Juice!“ und "I ♥ Hamas“.
"Die Vorboten existieren schon seit Ende der 60er-Jahre“, so Kranz. Antiisraelischer Antisemitismus sei an Universitäten die verbreitetste Form. Hochschulen und die dort tätigen Akteure seien eher im politisch linken Spektrum verortet. Der Bruchpunkt sei das Jahr 1967 gewesen: "Von da an ist mit jeder Kriegshandlung auch der Antisemitismus angewachsen. Vor allem im Sechstagekrieg ist das Israelbild vom Wunder zum Besatzer gekippt.“
Bis zum Sechstagekrieg 1967 wurde Israel in der westdeutschen Öffentlichkeit vielfach als kleines, bedrohtes Land wahrgenommen, das sich gegen übermächtige arabische Nachbarn behaupten musste. Der überraschend schnelle militärische Sieg verstärkte zunächst das Bild eines nahezu wundersamen Erfolgs. Doch mit der Eroberung und anschließenden Besetzung des Westjordanlands, Ostjerusalems und des Gazastreifens veränderte sich die Wahrnehmung zunehmend: Israel galt nun nicht mehr nur als bedroht, sondern auch als militärisch überlegene Besatzungsmacht.
Es liege also nicht, wie gegenwärtig oft vorgeschoben, an der aktuellen israelischen Regierung. "Dieses Ganze, der Bibi ist so schrecklich und ohne Netanjahu wäre die Welt in Ordnung – sorry, das ist absoluter Unsinn“, so Kranz. Sie fügt hinzu: "Ich möchte jetzt echt keine Lanze für die jetzige Regierung brechen, die ich nämlich auch selber nicht gewählt habe.“
Die Grenze zwischen legitimer Kritik und Antisemitismus
Propalästinensischer Protest ist nicht automatisch antisemitisch. Protest gegen den Krieg in Gaza, gegen die israelische Regierung oder gegen deutsche Waffenlieferungen ist zunächst zulässige politische Meinungsäußerung. Antisemitisch sind insbesondere die Bedrohung jüdischer Studenten, antisemitische Beschimpfungen und die Unterstützung von Gewalt gegen Juden oder die Verwendung althergebrachter Stereotype.
"Wenn ganz normale Kritik am Staat Israel geübt wird, wie das bei jedem anderen Staat der Fall ist, dann ist das legitime Kritik“, sagt Dani Kranz. Nur wenn es natürlich in die sogenannte "3D-Linie“ falle – "Delegitimation, Dämonisierung und Doppelstandards“ –, dann sei es israelbezogener Antisemitismus.
Ein Beispiel für Doppelstandards sei Russlands völkerrechtswidriger Angriff auf die Ukraine. Wie in jedem Krieg sterben auch dort Kinder. "Ich habe jetzt noch nie gehört: Kindermörder Russland oder Russen sind kollektiv Kindermörder.“
Die Antisemitismusforscherin Monika Schwarz-Friesel hat noch ein viertes "D" für "Derealisierung“hinzugefügt.Im wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskurs über den Nahostkonflikt beschreibt es eine Verzerrung oder Ausblendung der Realität. Historische Fakten, geopolitische Realitäten sowie die jüdische Perspektive werden systematisch ausgeblendet und/oder geleugnet und in ein starres Schwarz-Weiß-Schema gepresst, wodurch ein Zerrbild des Staates entsteht.
"Das geht dann ganz stark in die Richtung, dass man Israel nicht als realen Staat anerkennt“, sagt Dani Kranz,dass es "Israel eigentlich nicht gibt.“
Jüdische Studenten zwischen Angst und Ausgrenzung
Protestcamps von israelkritischen Studenten gibt es gegenwärtig nicht mehr, der Antisemitismus ist geblieben. Laut Amadeu-Antonio-Stiftung verbergen jüdische Studierende mittlerweile aus Angst vor Übergriffen ihre Identität. Sie verstecken ihre Davidsternkette, tragen keine Kippa in der Öffentlichkeit und erwähnen familiäre Verbindungen nach Israel nicht. Teilweise meiden sie den Campus sogar vollständig, weil unklar ist, an welchen Orten Gefahr besteht und ob ihnen in Lehrveranstaltungen antisemitischer Hass begegnen könnte.
Auch eine fortlaufende Schnellbefragung der Universität Konstanz aus den Jahren 2023, 2024 und Mitte 2026 deutet auf eine Zunahme israelbezogener antisemitischer Einstellungen unter Studenten hin. Der Anteil derjenigen, die entweder eindeutig antisemitische oder tendenziell antisemitische Positionen vertreten, stieg demnach von 17 Prozent im Jahr 2023 auf 23 Prozent im Jahr 2026.
Der Anteil mit manifesten, klar antisemitischen Einstellungen blieb dagegen mit etwa sieben bis acht Prozent weitgehend konstant. Zugleich zeigt der Vergleich mit der Gesamtbevölkerung, dass antisemitische Einstellungen dort noch verbreiteter sind. Der entsprechende Anteil stieg seit 2023 von 20 auf 32 Prozent. Hochschulen sind damit kein isoliertes Phänomen, sondern spiegeln eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung wider.
Wie stark sich Antisemitismus auf den Alltag jüdischer Studierender auswirkt, zeigen weitere Befragungen der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD) und der Anti-Defamation League (ADL). Rund 85 Prozent der befragten jüdischen Studierenden gaben an, ihre jüdische Identität auf dem Campus schon einmal bewusst verborgen zu haben. Etwa ein Drittel kennt jüdische Kommilitonen, die verbal oder körperlich bedroht wurden, rund 20 Prozent berichteten von konkreten körperlichen Angriffen im Studienumfeld.
"Es gibt rund 24 antisemitische Vorfälle pro Tag und das sind ja nur die gemeldeten Sachen. Das heißt, da reden wir von einem Hellfeld. Wir wissen gar nicht, was das Dunkelfeld ist“, sagt Prof. Dr. Dani Kranz. Dann gäbe es auch noch diese antiimperialistisch-postkoloniale, rechtsextrem-islamistische und radikal-christliche Strömung und dann auch die gesellschaftliche Mitte, in die es hineinstrahle.
Auch die Jüdische Studierendenunion geht von einer hohen Dunkelziffer aus. Der Präsident Ron Dekel, sagte, nach dem 7. Oktober 2023 sei es "nicht möglich, an deutschen Hochschulen zu studieren, ohne Antisemitismus zu erfahren“. Viele antisemitische Vorfälle an Hochschulen würden nie öffentlich, aus Angst, dass die Situation dadurch noch schlimmer werde.