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Studie: Hat der Klimawandel eine neue Eiszeit verhindert?

Direkt am Rande der Barnes-Eiskappe wächst keine Vegetation, danach schon. Die markante Trimmlinie soll aus dem Jahr 1960 stammen.
Direkt am Rande der Barnes-Eiskappe wächst keine Vegetation, danach schon. Die markante Trimmlinie soll aus dem Jahr 1960 stammen. -  Copyright  Nicolás Young
Copyright Nicolás Young
Von Franziska Müller
Zuerst veröffentlicht am
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Forscher aus Kanada haben nachgewiesen, dass sich der riesige Barnes-Gletscher vor etwa 2.000 Jahren eigentlich weiter ausdehnte. Laut Untersuchungen soll der Klimawandel entgegengewirkt und so eine neue Eiszeit verhindert haben.

Rund 6.000 Quadratkilometer ist die Barnes-Eiskappe im Nordosten Kanadas groß. Doch seit einigen Jahrzehnten schmilzt sie wieder und ist so konkreter Zeuge des menschengemachten Klimawandels. Forscher gehen noch weiter: Sie vermuten dank neuer Hinweise, dass der Klimawandel eine kommende Kaltzeit sogar verhindert haben könnte.

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Denn etwa bis zum Jahr 1960 dehnte sich die eisige Fläche zunächst aus. "Es hatte gerade erst begonnen, alles war normal, die nächste Eiszeit stand kurz bevor – und dann war plötzlich Schluss", sagt Nicolás Young , Geochemiker am Lamont-Doherty Earth Observatory der Columbia Climate School. Denn die Vereisung hielt nicht lange an.

Wendepunkt im Jahr 1961

Der Sommer 1961 gilt beispielsweise in den historischen Wetteraufzeichnungen als einer der heißesten des 20. Jahrhunderts. Dieser Sommer war bei den Tageshöchstwerten mit dem Extremjahr 2021 vergleichbar.

Seit den 1960er Jahren haben sich die kanadischen Sommer generell spürbar erwärmt, wie die kanadische Regierung erklärte. Die Temperaturen stiegen an und die Ausdehnung der Barnes-Eisfläche, die bereits vor etwa zweitausend Jahren begonnen hatte, wurde umgekehrt. Der nationale Durchschnitt für die Sommermonate ist von der damaligen Baseline bis heute um ca. 2,1 Grad Celsius gestiegen. Der Norden erwärmt sich dabei etwa dreimal so schnell wie der globale Durchschnitt.

"Das ist ein sehr eindrucksvolles Beispiel dafür, wie wir das System aus dem Gleichgewicht gebracht haben", berichtet Young. Mit seinen Kollegen forschte er zur Laurentidischen Eiskappe. Vor 95.000 bis 20.000 Jahren hat dieser Eisschild große Teile Kanadas und der nördlichen USA bedeckt. Heute ist davon die Barnes-Eiskappe, der 6.000 Quadratkilometer große Gletscher im Nordosten Kanadas auf Baffin Island übrig geblieben.

Das Team um den Wissenschaftler Young wollte herausfinden, ob der Gletscher jemals noch kleiner gewesen war als heute und dann erneut angewachsen ist. Dazu haben sie die Vegetation im Umfeld des Gletschers untersucht, die früher möglicherweise selbst noch davon bedeckt war.

Gletscherplatte hat sich vor 2.000 Jahren erneut vergrößert

Bei Untersuchungen dieser Vegetation rund um das Gletschereis herum haben die Forscher Spuren von Kohlenstoff-14 analysiert. Während Organismen leben, baut sich dieser Stoff immer weiter auf und wird nach dem Tod in vorhersehbaren Raten abgebaut, auf dieser Basis kann man das alter organischer Dinge berechnen. "Wenn man das oft genug macht, kann man tatsächlich eine Zeitleiste erstellen, die zeigt, wie sich der Eisrand systematisch über die Pflanzen ausbreitet. Man verfolgt quasi die Ausdehnung dieses Eisrandes", sagt Young.

Dabei haben sie herausgefunden: Ihre minimale Größe hatte die Laurentidische Eiskappe vor etwa 3.000 Jahren. Vor 2.000 Jahren hingegen begann sie sich wieder auszudehnen. Die Forscher gehen davon aus, dass die klimatischen Bedingungen ermöglicht haben, dass sich erneut Eis ansammelte, es muss also kalt gewesen sein.

Das Grundgestein unter der Barnes-Eiskappe ist erst im Laufe des letzten Jahrzehnts freigelegt worden.
Das Grundgestein unter der Barnes-Eiskappe ist erst im Laufe des letzten Jahrzehnts freigelegt worden. Nicolás Young

Obwohl die Forscher selbst von Eiszeit sprechen, weisen sie daraufhin, dass es eigentlich um den Beginn einer neuen Kaltzeit gehe. Denn streng genommen lebt die Menschheit derzeit in der späten Känozoikum-Eiszeit, die bereits vor 34 Millionen Jahren begonnen hat.

Innerhalb dieser großen übergeordneten Eiszeit wechseln sich kältere Glazialphasen, also Kaltzeiten, mit wärmeren Interglazialphasen ab.

Forscher finden Beweis für den Beginn einer Kaltzeit

Die Forscher hätten durch indirekte Messwerte ein "recht gutes Verständnis davon, wie diese riesige Eisdecke über Jahrtausende hinweg gewachsen ist und wieder verschwunden ist, aber den Beginn dieses Prozesses durch direkte Beobachtungen zu erfassen, ist neu", sagt Joerg Schaefer, Klimageochemiker und Kollege von Young.

Mit den neuen Messmethoden haben die Wissenschaftler die ersten Schritte des Wachstums der riesigen Eisplatte in der Landschaft nachweisen können. Der Ansatz "bot uns die seltene Gelegenheit zu verstehen, wie eine erneute Vergletscherung beginnt und wie sich die Laurentidische Eisdecke wieder bildet", so Schaefer weiter.

Den Zeitpunkt, an dem sich die Eisfläche also vor etwa 2.000 Jahren wieder vergrößert hat, sollte man den Forschern zufolge als Beginn der nächsten Eiszeit der Erde werten. Diese Interpretation stellt gängige Vorstellungen über den Beginn von Eiszeiten in Frage.

Vorhergegangene modellbasierte Studien gingen davon aus, dass die nächste Vereisung erst in Tausenden oder gar Zehntausenden von Jahren beginnen würde. Young zufolge sollte allerdings das erneute Wachstum der Eisplatte als Beginn gelten, anstatt darauf zu warten, dass sich riesige kontinentale Eisflächen bilden, wie es sie bereits vor 95.000 Jahren gegeben hatte.

Einige Klimaforscher hatten bereits in den 1970er Jahren erklärt, eine neue Eiszeit stünde unmittelbar bevor - ihre Behauptungen gelten allerdings als umstritten. "Sie fand tatsächlich statt", sagt jetzt Young, jetzt habe man gewissermaßen Beweise dafür. Es hätte Tausende von Jahren gedauert, bis die Abkühlung spürbar geworden wäre.

Klimawandel lässt immer mehr Gletscher verschwinden

Die 1960er Jahre waren in einer weiteren Hinsicht ein Wendepunkt für den Laurentidischen Gletscher. Das Klima der Erde hatte ich so stark erwärmt, dass die Barnes-Eiskappe im Sommer mehr Eis verlor, als im Winter hinzukam. Die nächste Vereisung kam zu kurz. Durch dieses Phänomen schrumpfen immer mehr Gletscher, auch in Deutschland.

Einige Modelle erwarten auch für den Laurentidischen Gletscher, der mit 6.000 Quadratkilometern noch immer deutlich größer ist als die Überreste der Gletscher in Deutschland, ein Ende. In den nächsten Jahrhunderten könnte er allerdings vollständig abschmelzen.

"Das werden die allerletzten Überreste der Laurentidischen Eiskappe sein, die für immer verschwinden", sagt auch Young. Das Schmelzen solch unglaublich großer Flächen könnten Auswirkungen weit über die betroffene Region hinaus haben. Laut den Forschern könnte ihr Verschwinden die Dynamik künftiger Vereisungen und Eiszeiten verändern. Einige Forscher gehen sogar davon aus, dass auch in Europa eine neue Eiszeit anbrechen könnte.

Denn der Gletscher diente als Ausgangspunkt für die Entstehung neuer Kaltzeiten, als sich das Erdklima abkühlte. Die überdimensionale kalte Masse sorgte für Rückkopplungseffekte, sodass es zu weiterem Eiswachstum kam. Ist der Gletscher verschwunden, so gibt es auch diesen Kühleffekt nicht mehr.

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