Jeder Kriegstag kostet die Ukraine inzwischen im Schnitt 172 Mio. US-Dollar. Gleichzeitig wächst der Wiederaufbaubedarf auf fast 588 Mrd. US-Dollar. Neue Zahlen zeigen, wie Kyjiw zwischen täglicher Verteidigung und einem künftigen Wiederaufbau finanziell an die Grenzen gerät.
Während die menschlichen und territorialen Folgen des Krieges im Mittelpunkt stehen, zeigen wirtschaftliche Kennzahlen, wie groß die Belastung für die Ukraine und ihre Partner ist.
Die Ukraine steht vor einer doppelten Herausforderung: Sie muss die tägliche Verteidigung gegen russische Truppen finanzieren und sich zugleich auf einen Wiederaufbau vorbereiten, der zu den teuersten in der modernen europäischen Geschichte zählen dürfte.
Der Krieg gegen Russlands Militärmaschinerie erfordert seit vier Jahren enorme Mittel. Nach Angaben von Andriy Hnatov, dem Chef des Generalstabs der ukrainischen Streitkräfte, kostete ein Kriegstag im Jahr 2025 im Schnitt 172 Mio. US-Dollar (145,7 Mio. Euro).
2024 lagen die durchschnittlichen täglichen Kosten bei rund 140 Mio. US-Dollar (118,5 Mio. Euro). Das entspricht einem Anstieg von knapp 23 %.
Aus der aktuellen Ausgabenrate ergibt sich, dass die Armee pro Monat etwa 5 Mrd. US-Dollar (4,2 Mrd. Euro) benötigt. Das Geld wird unter anderem für Versorgung, Munition und neue Kampftechnologien gebraucht.
Um den Widerstand aufrechtzuerhalten, gibt die Ukraine nach eigenen Angaben mehr als 30 % ihres BIP für das Militär aus. Zum Vergleich: Viele europäische Staaten hatten in Friedenszeiten lange Schwierigkeiten, das NATO-Ziel von 2 % zu erreichen.
Diese Ausgaben setzen die Wirtschaft unter massiven Druck. Das Land arbeitet faktisch unter Bedingungen einer Kriegswirtschaft. Hnatov warnte, die Ukraine könne diese Last nicht allein tragen. Fortgesetzte finanzielle Hilfe aus dem Westen sei entscheidend, um einen wirtschaftlichen Zusammenbruch zu verhindern.
Da die Reserven im Inland weitgehend ausgeschöpft sind, wird die Frage der Finanzierung zunehmend zu einem Faktor, der auch den Verlauf des Krieges beeinflusst.
Die Kosten des Wiederaufbaus
Während Kyjiw um die Finanzierung des unmittelbaren Überlebens kämpft, rückt der Wiederaufbau immer stärker in den Blick.
Kurz vor dem vierten Jahrestag des Krieges veröffentlichten die ukrainische Regierung, die Weltbank, die Europäische Kommission und die Vereinten Nationen eine aktualisierte gemeinsame Schnellbewertung der Schäden und des Bedarfs, die "Rapid Damage and Needs Assessment" (RDNA5). Die Ergebnisse zeichnen ein ernüchterndes Bild.
Demnach werden die Kosten für Wiederaufbau und Erholung in den kommenden zehn Jahren auf fast 588 Mrd. US-Dollar (500 Mrd. Euro) geschätzt, Stand Dezember 2025. Das entspricht fast dem Dreifachen des zuletzt prognostizierten nominalen BIP der Ukraine.
Die direkten materiellen Schäden belaufen sich dem Bericht zufolge inzwischen auf mehr als 195 Mrd. US-Dollar (165 Mrd. Euro). Besonders betroffen sind Frontregionen und große Ballungsräume. Große Schäden gibt es vor allem an Wohngebäuden sowie an Verkehrs- und Energieinfrastruktur.
Die Weltbank verweist auf einen Anstieg beschädigter oder zerstörter Energieanlagen um 21 % im vergangenen Jahr. Das wird mit verstärkten russischen Angriffen während eines besonders kalten Winters in Verbindung gebracht.
Zudem seien 14 % aller Wohnungen im Land beschädigt oder zerstört worden. Mehr als drei Millionen Haushalte seien dadurch vertrieben worden oder betroffen.
Trotz der Zerstörung betont die Regierung die Widerstandskraft des Landes. Bei der Vorstellung des Berichts sagte die ukrainische Ministerpräsidentin Julia Swyrjenko: "In diesem Winter haben die Russen in der gesamten Ukraine beispiellose Angriffe auf die Energieinfrastruktur und die Häuser verübt. Aber unsere Menschen zeigen Widerstandskraft, und unsere Unternehmer arbeiten weiter. Wir schaffen es immer noch, uns schnell zu erholen und uns weiterzuentwickeln."
Wiederaufbau als Modernisierung
Internationale Institutionen wollen den Wiederaufbau so gestalten, dass nicht nur ersetzt wird, was zerstört wurde. Das Land soll zugleich modernisiert werden.
Dabei soll der private Sektor eine zentrale Rolle spielen, um Kapital im In- und Ausland zu mobilisieren. EU-Erweiterungskommissarin Marta Kos bekräftigte nach Veröffentlichung der RDNA5 das Engagement Brüssels. "Russlands Angriffskrieg hat eine Zerstörung verursacht, wie sie seit Generationen nicht mehr gesehen wurde", sagte sie. Die Antwort der EU sei klar: "Wir werden die Ukraine als starkes, modernes EU-Land wieder aufbauen. Durch mutige Reformen und den Investitionsrahmen für die Ukraine als unser Instrument zur Mobilisierung von Investitionen in großem Umfang werden wir die Verwüstung in Wohlstand verwandeln."
Mit dem Eintritt des Krieges in sein fünftes Jahr verlaufen die Fronten nicht nur in den Schützengräben, sondern auch in den Haushalten und Bilanzen. Für die Ukraine bedeutet ein Erfolg, die hohen täglichen Verteidigungskosten zu tragen und gleichzeitig die gewaltigen Investitionen zu sichern, die für den Wiederaufbau nötig sind.