Fast ein Monat nach Beginn des Iran-Kriegs stellen Anleger Staatsanleihen neu ein. Steigende Öl- und Gaspreise schüren Inflation und zwingen Notenbanken zum Umdenken.
Die Renditen von Staatsanleihen in europäischen Ländern und in den USA steigen seit Beginn des Iran-Kriegs.
Anleger verlangen höhere Renditen. Das Vertrauen in die Weltwirtschaft ist eingebrochen, weil der Konflikt Energiemärkte, Lieferketten und die Infrastruktur im Nahen Osten stark belastet.
Die Renditen zweijähriger Papiere, die besonders stark auf Erwartungen zu den Leitzinsen reagieren, sind schneller gestiegen als die zehnjährigen Anleihen. Das ist eine klassische bearishe Verflachung der Zinskurve. Längere Laufzeiten spiegeln zugleich die Sorge wider, dass teurere Energie die Konjunktur bremst.
Gegenüber Euronews erklärte Robert Timper, Chefstratege für Anleihemärkte bei BCA Research, die „aggressive bearishe Verflachung der Zinskurven“ sei Ausdruck einer deutlich strafferen Neubewertung der Geldpolitik als Reaktion auf Inflationsängste, die aus dem Iran-Krieg resultieren.
„Das kurze Ende der Kurve [Renditen zweijähriger Anleihen] reagiert stärker auf Veränderungen in der Geldpolitik und ist daher stärker gestiegen als das lange Ende [zehnjährige Renditen], weil Anleger mit einer restriktiveren Linie der Zentralbanken rechnen“, so Timper weiter.
Historisch geht ein solches Verhalten der Zinskurve häufig einer invertierten Zinsstruktur voraus. Diese gilt als ein vielbeachteter Hinweis auf mögliche Rezessionen.
Europa-Anleihen tragen Hauptlast der Verkäufe
Die Neubewertung fällt in Europa am deutlichsten aus. Besonders stark unter Druck steht der britische Staatsanleihemarkt.
Seit Beginn des Konflikts ist die Rendite zehnjähriger Gilts von 4,2 auf über fünf Prozent gestiegen, während die Rendite zweijähriger Papiere von 3,5 auf bis zu 4,6 Prozent kletterte.
Timper sagte Euronews, die britische Inflationsgeschichte sei entscheidend. Zinsanhebungen in Großbritannien seien wahrscheinlicher als anderswo, weil die Teuerung dort höher lag und die Gefahr entankerter Inflationserwartungen größer sei.
Am Mittwoch hob Russ Mould, Investmentdirektor beim Vermögensverwalter AJ Bell, in einer ausführlichen Mitteilung die Besonderheiten des britischen Marktes hervor. Die Rendite zehnjähriger Gilts bewege sich demnach zum dritten Mal seit 2008 in der Nähe von fünf Prozent, während zweijährige Gilts inzwischen klar über dem Leitzins der Bank of England rentieren.
Mould erklärte außerdem, die Lücke zwischen der Rendite zehnjähriger Gilts und der Dividendenrendite des FTSE 100 habe sich auf mehr als eineinhalb Prozentpunkte vergrößert. Britische Aktien wirkten damit im Vergleich weniger attraktiv.
Auch in anderen Teilen Europas legten die Renditen deutlich zu.
In Deutschland stieg die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen von 2,65 auf rund drei Prozent und nähert sich damit einem Fünfzehnjahreshoch. Die Rendite zweijähriger Papiere erhöhte sich von etwa zwei auf 2,65 Prozent.
In Frankreich kletterte die Rendite zehnjähriger OATs von 3,2 auf über 3,7 Prozent und bewegt sich damit auf ein Siebzehnjahreshoch zu, während die Rendite zweijähriger Anleihen von 2,1 auf über 2,8 Prozent stieg.
In Italien lag die Rendite zehnjähriger BTPs vor dem Iran-Krieg bei rund 3,3 Prozent und hat inzwischen 3,9 Prozent überschritten. Sie nähert sich damit dem Hoch der vergangenen zwei Jahre. Die Rendite zweijähriger Papiere zog von etwa 2,15 auf drei Prozent an.
In all diesen Märkten stiegen die Renditen zweijähriger Anleihen stärker als die der zehnjährigen Titel.
Auch die Renditen der dreißig- und zwanzigjährigen Staatsanleihen liegen höher. Das zeigt, dass das Vertrauen in die langfristigen Wachstumsaussichten der jeweiligen Volkswirtschaften sinkt.
US-Staatsanleihen geraten ebenfalls unter Druck
Auf der anderen Seite des Atlantiks zeigen US-Staatsanleihen eine ähnliche Entwicklung, auch wenn der Verkaufsdruck dort geringer ausfällt als etwa im Vereinigten Königreich.
Die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihe stieg von rund 3,9 auf in der Spitze 4,4 Prozent am Montag und notiert derzeit bei etwa 4,37 Prozent.
Parallel dazu erhöhte sich die Rendite zweijähriger Treasuries von 3,35 auf über vier Prozent und liegt zum Redaktionsschluss bei rund 3,9 Prozent.
Beide Laufzeiten markierten damit ein Achtmonatshoch.
Nach Timper entwickeln sich US-Anleihen ähnlich wie Anleihen im Euroraum. Das spiegelt vergleichbare Inflationsverläufe und geldpolitische Erwartungen wider. Hinweise darauf, dass Anleger in großem Stil aus europäischen Papieren in US-Staatsanleihen als sicheren Hafen umschichten, gebe es kaum.
Solche Umschichtungen würden sich eher am Devisenmarkt zeigen, erklärte Timper Euronews, weil der US-Dollar als wichtigste Rechnungswährung für Energieexporte gilt.
Vorerst senden die Anleihemärkte diesseits und jenseits des Atlantiks die gleiche Botschaft: Der Konflikt im Nahen Osten hat den kurzfristigen Ausblick für Inflation, Geldpolitik und Finanzierungskosten grundlegend verändert.