Analyse: Große Öl- und Gaskonzerne setzen zunehmend auf „Gaslighting“, um ihre Gewinne zu steigern.
Große Ölkonzerne sehen sich dem Vorwurf ausgesetzt, sie würden sich still und leise von ihren Klimaversprechen verabschieden, um die weitere Nutzung klimaschädlicher fossiler Brennstoffe zu rechtfertigen.
Neue Recherchen von Clean Creatives, einem Projekt für klimabewusste PR- und Werbefachleute, zeichnen nach, wie Big Oil in den vergangenen vier Jahren seine Erzählung systematisch verändert hat – trotz immer neuer Warnungen vor der Erderhitzung.
Der Bericht mit dem Titel Toxic Accounts: From Greenwashing to Gaslighting (Quelle auf Englisch) wertet mehr als 1.800 Kampagnenmaterialien der fossilen Schwergewichte BP, Shell, ExxonMobil und Chevron aus den Jahren 2020 bis 2024 aus.
Untersucht wurden bezahlte Anzeigen auf Plattformen wie Facebook, YouTube, TikTok und Instagram, dazu TV-Spots, Archivmaterial, Pressemitteilungen, Investorenkommunikation und Reden der Konzernspitzen.
Betreibt Big Oil gezieltes „Klimagaslighting“?
Laut Bericht stellten die Kampagnen zu Beginn des Untersuchungszeitraums Klimaziele und Versprechen für die Energiewende in den Vordergrund. Die Konzerne inszenierten sich häufig als Partner der Transformation.
Ab 2023 rahmten die Botschaften Öl und Gas jedoch zunehmend als „dauerhaft, unverzichtbar und essenziell für wirtschaftliche Stabilität und nationale Sicherheit“.
BP rückte 2020 vom Nettonull‑Ziel und der Rhetorik vom „grüneren Unternehmen“ ab. Der Konzern startete Kampagnen, die nach Darstellung von Clean Creatives die weitere Ausweitung von Öl- und Gasgeschäften verteidigen, während die Ambitionen im Bereich Erneuerbare schrumpfen.
Auch Chevron löste sich von der Marke „Human Energy“. Stattdessen dominieren laut Bericht zunehmend nationalistische Botschaften, die heimische fossile Förderung mit wirtschaftlicher Stärke und Sicherheit verknüpfen.
Die Forschenden warnen: Trotz unterschiedlicher Töne folgen alle untersuchten Ölmultis demselben Erzählmuster. Die Botschaft kippt von „Wir sind Teil der Lösung“ hin zu „Ohne uns geht es nicht“.
Zudem bewarben die Kampagnen immer stärker verflüssigtes Erdgas (LNG), Technologien zur Abscheidung und Speicherung von CO₂ (CCS), blauen Wasserstoff, Biokraftstoffe und erneuerbaren Diesel als Klimalösungen – obwohl diese Ansätze weiterhin auf fossilen Rohstoffen basieren oder im großen Maßstab kaum erprobt sind.
„Die Geschwindigkeit, mit der Unternehmen auf Energiesicherheits‑Botschaften umgeschwenkt sind, hängt eng mit ihrer finanziellen Entwicklung zusammen“, heißt es in dem Bericht.
„Chevron und ExxonMobil stellten ihre Kommunikation besonders schnell auf die Dominanz fossiler Energien um – und lagen damit auch an der Börse vorn.“
Shell, dem im vergangenen Jahr vorgeworfen wurde, den Klimaschaden fossiler Energien herunterzuspielen, hat sich der Studie zufolge ebenfalls neu ausgerichtet: Weg vom Selbstbild als Nettonull‑Vorreiter, hin zur Darstellung von LNG als langfristigem Wachstumsmarkt.
Fossile Energien trotz Meinungswandel profitabel halten
„Greenwashing hat heute ein anderes Gesicht“, sagt Nayantara Dutta, Forschungsleiterin bei Clean Creatives und Hauptautorin des Berichts.
„Statt falscher Versprechen setzen die Ölkonzerne auf falsche Lösungen wie CCS und Erdgas – obwohl diese aus fossilen Brennstoffen stammen und die Abhängigkeit davon zementieren.“
Dutta zufolge stricken die Unternehmen an einer Erzählung, die sie „trotz wachsender Kritik profitabel und einflussreich“ hält.
Der Ausstieg aus fossilen Energien wurde beim UN‑Gipfel COP30 im vergangenen Jahr im brasilianischen Belém zu einem der Streitpunkte, obwohl er offiziell gar nicht auf der Agenda stand.
Mehr als 90 Staaten, darunter Deutschland und die Niederlande, unterstützten die Idee eines Fahrplans, mit dem sich jedes Land eigene Ziele für den Übergang zu grüner Energie setzen kann.
Trotz der wachsenden Unterstützung strichen die Verhandler in den letzten Stunden des Gipfels jedoch sämtliche Verweise auf fossile Energien aus der Abschlusserklärung. Die Hoffnung auf eine Zukunft ohne Öl, Kohle und Gas liegt damit weitgehend außerhalb des direkten Einflussbereichs der UN.
Ein Bericht des Projekts Carbon Majors ergab kürzlich, dass 17 der 20 größten Emittenten im Jahr 2024 Unternehmen sind, die Staaten kontrollieren, welche den COP30‑Fahrplan blockierten. Dazu zählen Saudi‑Arabien, Iran, Katar, Indien, Russland und China.
Big Oil und der Krieg gegen Iran
„Der Übergang vom Greenwashing hin zur offenen Werbung für die Dominanz fossiler Energien ist die jüngste rhetorische Volte in dem Versuch, die Öffentlichkeit dazu zu bringen, Treibhausgasemissionen als normalen Geschäftsvorgang zu akzeptieren“, sagt Robert Brulle, Umweltsoziologe an der Brown University.
„Gleichzeitig führt uns der Krieg im Nahen Osten vor Augen, wie trügerisch die Vorstellung ist, fossile Energien stünden für ,Energiesicherheit‘.“
Zahlreiche Fachleute nutzen den Krieg gegen Iran, um auf den dringenden Bedarf an einer sauberen Energiewende hinzuweisen. Die Preise für Öl und Gas steigen weiter deutlich.
Die Nichtregierungsorganisation 350.org hat die G‑sieben‑Staaten daher kürzlich aufgefordert, eine Übergewinnsteuer für die fossilen Konzerne einzuführen. Diese würden am eskalierenden Konflikt im Nahen Osten „kräftig verdienen“.
Der Krieg gegen Iran befeuert in Großbritannien zugleich Forderungen, neue Lizenzen für Ölbohrungen in der Nordsee zu vergeben. Eine Analyse der Universität Oxford kommt jedoch zu dem Schluss, dass der Ausbau erneuerbarer Energien deutlich eher geeignet ist, die Energiekosten für Haushalte zu senken.
„Wir erleben, wie sich Klimadesinformation in Echtzeit weiterentwickelt“, sagt Dana Schran von der Koalition Climate Action Against Disinformation (CAAD).
„Statt die Krise zu leugnen, schreiben Konzerne wie BP und Shell die Geschichte so um, dass die Ausweitung fossiler Projekte als notwendig und verantwortungsvoll erscheint. Dahinter steckt eine ausgefeilte Strategie, um politischen Einfluss und Gewinne zu schützen – obwohl die Klimafolgen immer deutlicher werden.“