Newsletter Newsletters Events Veranstaltungen Podcasts Videos Africanews
Loader
Finden Sie uns
Werbung

Europas Wachstumsspitze 2026: welche Volkswirtschaften legen am stärksten zu?

Beschäftigte bauen im deutschen Werk MDC Power GmbH von Daimler den neuen Vierzylinder-Dieselmotor OM 654 fertig. 23. Oktober 2025
Mitarbeiter fertigen bei MDC Power GmbH, einem Unternehmen der deutschen Daimler AG, in Deutschland den neuen Vierzylinder-Dieselmotor OM 654. 23. Oktober 2025 Copyright  AP Photo/Jens Meyer
Copyright AP Photo/Jens Meyer
Von Piero Cingari
Zuerst veröffentlicht am Zuletzt aktualisiert
Teilen Kommentare
Teilen Close Button

Die Eurozone tritt auf die Bremse: Im ersten Quartal 2026 wächst sie nur um null Komma acht Prozent, doch drei Länder legen ein Vielfaches davon zu.

Das Wachstum im Euroraum bleibt enttäuschend.

WERBUNG
WERBUNG

Nach der am Mittwoch veröffentlichten zweiten Schätzung von Eurostat ist das Bruttoinlandsprodukt im Euroraum im ersten Quartal 2026 gegenüber dem Vorquartal nur um null Komma eins Prozent gewachsen. Im Jahresvergleich beträgt das Plus magere null Komma acht Prozent.

Damit hat sich das Wachstum deutlich von eins Komma drei Prozent im vierten Quartal 2025 verlangsamt und liegt fast einen vollen Prozentpunkt unter dem Niveau, mit dem der Block ins Jahr gestartet ist.

Die breitere Europäische Union schneidet nur geringfügig besser ab: Das BIP steigt um null Komma zwei Prozent zum Vorquartal und um ein Prozent binnen Jahresfrist. Beide Werte liegen deutlich hinter den Vereinigten Staaten, deren Wirtschaft im selben Zeitraum um zwei Komma sieben Prozent wächst.

Hinter der allgemeinen Abschwächung verbirgt sich jedoch eine kleine Gruppe von Volkswirtschaften, die sich deutlich vom Durchschnitt absetzt. Drei EU-Staaten mit vorliegenden Daten für das erste Quartal stechen als klare Gewinner hervor: Zypern, Bulgarien und Spanien.

Alle drei wachsen mehr als dreimal so schnell wie der Euroraum insgesamt. Und alle drei stehen trotz der starken Zahlen vor ganz unterschiedlichen Risiken.

Zypern an der Spitze mit drei Komma null Prozent

Die Wirtschaft der Insel wächst im ersten Quartal 2026 im Jahresvergleich um drei Komma null Prozent. Das ist der höchste Wert unter den EU-Staaten, für die bereits Zahlen vorliegen. Zypern legt damit fast viermal so stark zu wie der Euroraum im Schnitt.

Es handelt sich allerdings um eine Abschwächung gegenüber den vier Komma drei Prozent aus dem vierten Quartal 2025. Damals verzeichnete Zypern die schnellste Jahresrate seit drei Jahren und lag EU-weit auf Platz zwei. Die Triebkräfte des Aufschwungs sind bekannt.

Die Herbstprognose 2025 der Europäischen Kommission nennt eine robuste private Nachfrage, anziehende Investitionen, die Mittel aus der Aufbau- und Resilienzfazilität der EU nutzen, sowie eine Rekordsaison im Tourismus.

Die Kommission erwartet für das Gesamtjahr 2026 ein BIP‑Plus von zwei Komma sechs Prozent und für 2027 von zwei Komma vier Prozent. Beide Werte liegen deutlich über dem Euroraum-Durchschnitt.

Allerdings verändert sich das außenwirtschaftliche Umfeld.

Der Eurobank‑Ökonom Michail Vassileiadis schreibt in einer aktuellen Analyse, Zypern sei mit einer widerstandsfähigen Ausgangsposition ins Jahr gestartet. Neue externe Energiepreisschocks im Zusammenhang mit dem Konflikt im Nahen Osten setzten nun jedoch Inflation, Arbeitsmarkt und Haushaltspolitik unter Druck.

Das Bild bei der Inflation hat sich rasch gedreht.

Die Gesamtinflation zog von null Komma neun Prozent im Februar auf eins Komma fünf Prozent im März und auf drei Komma null Prozent im April an. Im Schnitt lag sie von Januar bis April bei eins Komma sieben Prozent. Die Energiepreise allein schnellten im April um acht Komma sieben Prozent nach oben und kehrten damit den schwachen oder sogar negativen Beitrag aus dem Jahr 2025 um.

Vassileiadis warnt, dass sich die Belastung der Haushalte und Unternehmen zunehmend bemerkbar machen dürfte – durch sinkende reale Einkommen und enger werdende Margen.

Der Tourismus, der rund 14 Prozent der zyprischen Wirtschaftsleistung ausmacht, gilt als verwundbarster Kanal.

FocusEconomics berichtet, dass die Zahl der Touristinnen und Touristen im März um dreißig Prozent eingebrochen ist, nachdem Iran Drohnenangriffe auf britische Luftwaffenstützpunkte auf der Insel geflogen hatte. Es war der erste quartalsweise Rückgang im Tourismus seit dem pandemiebedingten Einbruch im ersten Quartal 2021.

Vassileiadis verweist zudem darauf, dass die Zahl der Arbeitslosen im Beherbergungsgewerbe in den ersten vier Monaten des Jahres um zwei Komma sechs Prozent über dem Vorjahreszeitraum lag, obwohl die Gesamtarbeitslosigkeit nur um null Komma eins Prozent zulegte.

Der Lichtblick bleibt der Staatshaushalt. Der gesamtstaatliche Sektor erzielte im ersten Quartal 2026 einen Überschuss von 573,3 Millionen Euro. Das entspricht eins Komma fünf Prozent des BIP und liegt damit in etwa auf dem Niveau des Überschusses von 600,6 Millionen Euro im gleichen Zeitraum 2025.

Diese fiskalische Reserve, so Vassileiadis, verschafft Nikosia Spielraum für eine unterstützende Politik, ohne die langfristige Tragfähigkeit zu gefährden.

Bulgarien: zwei Komma neun Prozent Wachstum zum Eurostart

Bulgarien verzeichnet im ersten Quartal 2026 ein Wachstum von zwei Komma neun Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das entspricht dem Wert aus dem Vorquartal und ist der zweitstärkste Zuwachs in der EU.

Die Zahl hat besonderes Gewicht, denn Bulgarien hat am ersten Januar 2026 den Euro eingeführt und ist damit das einundzwanzigste Mitglied der Währungsunion geworden.

EZB-Präsidentin Christine Lagarde bezeichnete den Schritt in einer Rede in Sofia kurz vor dem Wechsel als logischen Abschluss eines langen Konvergenzprozesses.

Sie erinnerte daran, dass bereits 65 Prozent der bulgarischen Exporte in andere EU-Länder gehen und 45 Prozent in Staaten des Euroraums. Die heimische Autozulieferindustrie liefert rund 80 Prozent der elektronischen Komponenten, die in europäischen Fahrzeugen verbaut werden. Der bulgarische Konjunkturzyklus bewege sich, so Lagarde, ohnehin eng im Takt des Euroraums.

Die Herbstprognose 2025 der EU-Kommission sagt für Bulgarien ein reales BIP‑Wachstum von zwei Komma sieben Prozent im Jahr 2026 und von zwei Komma eins Prozent im Jahr 2027 voraus. Treiber sind Mittel aus der Aufbau- und Resilienzfazilität, höhere Verteidigungsausgaben und eine robuste private Nachfrage.

Doch die Warnungen über die Qualität dieses Wachstums mehren sich. Internationaler Währungsfonds Managing Director Kristalina Georgiewa, selbst Bulgarin, nutzte im November eine Rede in Sofia, um auf Risiken hinzuweisen. Die Wirtschaft laufe derzeit heiß, so ihre Diagnose: Die Löhne steigen schneller als die Produktivität, die Kreditvergabe boomt, die Immobilienpreise klettern rasant.

Nach Einschätzung des IWF kann die Euro-Einführung das bulgarische Pro-Kopf-Einkommen innerhalb von zehn Jahren auf den EU‑Durchschnitt heben – allerdings nur, wenn das Land zugleich seine Finanzpolitik strafft und Strukturreformen umsetzt.

Genau diese Haushaltsdisziplin steht nun in Frage.

Eurobank Research weist darauf hin, dass das Haushaltsdefizit 2025 auf drei Komma fünf Prozent des BIP angestiegen ist. Damit überschreitet es die Marke von drei Komma null Prozent, ab der die EU-Kommission ein mögliches Verfahren wegen eines übermäßigen Defizits prüft.

Die nationalen Primärausgaben Bulgariens legten Schätzungen zufolge um 13 bis 14 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu und lagen damit deutlich über der Obergrenze von sechs Komma zwei Prozent im mittelfristigen Finanzrahmen.

Nach Einschätzung von Eurobank ist ein beträchtlicher Teil dieses Anstiegs struktureller Natur, vor allem bei den Personalkosten. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit deutlich, dass Bulgarien ab 2027 in ein Verfahren wegen übermäßigen Defizits gerät.

Allein im ersten Quartal 2026 schnellte das gesamtstaatliche Defizit um 55,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr in die Höhe – noch ohne die Kosten zusätzlicher Maßnahmen im Zusammenhang mit dem Krieg im Iran.

Der politische Kontext hat sich parallel dazu verschoben. Progressive Bulgaria (PB), die mit dem früheren Präsidenten Rumen Radew verbundene Partei, errang erstmals seit fast drei Jahrzehnten eine absolute Mehrheit im Parlament und kommt auf 131 von 240 Sitzen.

Die neue Regierung übernimmt sowohl die aus dem Ruder gelaufenen Staatsfinanzen als auch ein Inflationsproblem, das sich rasch zum höchsten in der EU entwickelt. Die Teuerung kletterte im April auf sechs Komma zwei Prozent nach zwei Komma acht Prozent im März; die Energiepreise stiegen um 16,1 Prozent, die Preise für Dienstleistungen um acht Komma drei Prozent.

Spanien: zwei Komma sieben Prozent – stärkstes Wachstum unter den Großen

Unter den vier größten Volkswirtschaften des Euroraums ist Spanien erneut klarer Spitzenreiter.

Nach Angaben des spanischen Statistikamts INE ist das BIP im ersten Quartal 2026 gegenüber dem Vorquartal um null Komma sechs Prozent und im Jahresvergleich um zwei Komma sieben Prozent gewachsen. Damit hat sich das Tempo gegenüber den zwei Komma sechs Prozent im Schlussquartal 2025 leicht erhöht.

Der Kontrast zu den übrigen Schwergewichten des Euroraums ist deutlich. Deutschland kam im selben Zeitraum nur auf ein Wachstum von null Komma drei Prozent, Frankreich auf eins Komma eins Prozent und Italien auf null Komma sieben Prozent. Spanien allein liegt damit beim Jahreswachstum in etwa auf Augenhöhe mit den Vereinigten Staaten.

Die Struktur des spanischen Wachstums erklärt einen Teil dieser Robustheit. Die binnenwirtschaftliche Nachfrage steuerte drei Komma vier Prozentpunkte zum Jahreswachstum bei. Der private Konsum legte um drei Komma zwei Prozent zu, die Bruttoanlageinvestitionen um fünf Komma acht Prozent.

Der Außenbeitrag zog das Wachstum dagegen um null Komma sieben Prozentpunkte nach unten, da die Importe schneller stiegen als die Exporte. Der starke Binnenmotor kompensierte diesen Bremsfaktor jedoch mehr als vollständig.

BBVA Research schätzt im Spanien-Ausblick vom März 2026, dass das BIP 2025 um zwei Komma acht Prozent gestiegen ist, und prognostiziert für 2026 und 2027 jeweils ein Wachstum von zwei Komma vier Prozent.

Das Institut führt dies auf die Umsetzung der Next-Generation-EU-Mittel, eine anhaltende Zuwanderung, die das Arbeitskräfteangebot erweitert, sowie steigende Ausgaben für Verteidigung und Infrastruktur zurück. Die Arbeitslosenquote ist auf zehn Komma fünf Prozent gefallen und liegt damit so niedrig wie seit 2008 nicht mehr. Die Ausfuhren von Dienstleistungen wachsen weiterhin deutlich schneller als die Gesamtwirtschaft.

BBVA Research verweist aber auch auf strukturelle Schwächen. Die Produktivität je Beschäftigten hat sich seit 2019 kaum verbessert, das Wohnungsangebot reicht nicht aus, um die Nachfrage zu decken, und die Staatsverschuldung nähert sich 100 Prozent des BIP.

Nach Berechnungen der Bank könnten steigende geopolitische Risiken das BIP-Wachstum 2026 um rund null Komma zwei Prozentpunkte drücken und die durchschnittliche Inflation um rund null Komma drei Punkte erhöhen. Hauptübertragungsweg wären höhere Öl- und Gaspreise.

Weitere Länder im Blick

Auch andere europäische Volkswirtschaften melden für das erste Quartal robuste Zahlen, ohne an der Spitze der Jahresrangliste zu stehen.

Ungarn verzeichnete unter den größeren Ländern das kräftigste Quartalsplus: null Komma acht Prozent zum Vorquartal und eins Komma sieben Prozent im Jahresvergleich. Finnland überraschte positiv mit einem Wachstum von null Komma neun Prozent gegenüber dem Vorquartal und einem Jahreszuwachs von eins Komma drei Prozent.

Für einige mittel- und osteuropäische Länder stehen die Daten für das erste Quartal noch aus, darunter Polen und Kroatien. Beide hatten bereits im Schlussquartal 2025 kräftiges Wachstum verzeichnet.

ING rechnet damit, dass das polnische BIP im ersten Quartal 2026 um drei Komma sechs bis drei Komma acht Prozent gegenüber dem Vorjahr zunimmt. Für das Gesamtjahr prognostiziert die Bank ein Plus von drei Komma sieben Prozent – deutlich über dem Pfad des Euroraums.

Vorläufig verschiebt sich die Wachstumskarte Europas damit in Richtung südlicher und östlicher Randregionen – und weg vom traditionellen industriellen Kern des Blocks.

Zu den Barrierefreiheitskürzeln springen
Teilen Kommentare

Zum selben Thema

EU will brasilianische Fleischimporte ab September verbieten

Generalstreik in Belgien: 40.000 protestieren in Brüssel gegen Reformen der Regierung

IEA warnt: Ölreserven schmelzen so schnell wie nie, Preise bleiben volatil