Staaten und Unternehmen investieren Milliarden in Technologien, die kritische Infrastruktur schützen und Bedrohungen frühzeitig erkennen sollen. Dabei geht es nicht nur um Sicherheit, sondern auch um die Kontrolle der digitalen Lebensadern der Welt.
Das Meer ist längst nicht mehr nur Verkehrsweg oder wirtschaftliche Ressource. Es ist zum Schauplatz eines stillen, aber strategisch entscheidenden Wettstreits geworden. Die unterseeische Dimension („Underwater“) gilt heute als bevorzugtes Feld hybrider Kriegsführung. Dort entscheidet sich die Sicherheit von Staaten unterhalb der Schwelle eines offenen Konflikts – beim Schutz unsichtbarer, aber lebenswichtiger Infrastrukturen, auf die die moderne Zivilisation angewiesen ist.
Vom Meeresboden hängt ein großer Teil unseres Alltags ab. Mehr als 99 Prozent des weltweiten Datenverkehrs laufen über Unterseekabel, die Energieversorgung ganzer Staaten über Gas- und Stromleitungen.
Wer diese Lebensadern blockiert, kann Milliardentransaktionen lahmlegen und die Energieversorgung ganzer Länder unterbrechen. Entsprechend hat sich die Unterwasserverteidigung zu einem globalen Markt entwickelt, dessen Volumen auf rund 50 Milliarden Euro pro Jahr geschätzt wird.
Unterwasserindustrie: neues Ökosystem und Drohnenrevolution
Die industrielle Antwort auf diese Bedrohungen beschränkt sich längst nicht mehr auf den Bau klassischer U-Boote. Im Mittelpunkt stehen heute unkonventionelle Systeme und Dual-Use-Technologien, die sowohl zivilen Zwecken wie der Wartung und Verlegung von Glasfaser- oder Hochspannungskabeln als auch militärischen Anforderungen dienen.
An der Spitze dieses Marktes steht italienische Spitzentechnologie rund um den Unterwasser-Pol von Fincantieri unter der Leitung von Vorstandschef Pierroberto Folgiero. Der Konzern fungiert als Taktgeber eines integrierten Netzwerks nationaler Unternehmen und treibt die Entwicklung modernster Unterwassertechnik voran. Das Ziel ist zweifach: die digitale Transformation zu unterstützen – die Zahl der Glasfaserkabel dürfte sich in den kommenden zehn Jahren verdoppeln – und zugleich kritische Infrastrukturen besser zu schützen.
So funktioniert das System DEEP
Das Aushängeschild dieser Entwicklung ist das System DEEP (Dynamic Ecosystem for Enhanced Performance). Es schützt kritische Infrastrukturen durch eine integrierte Technologiekette.
- Frühwarnsystem: Eine erste Sensorkette auf dem Meeresboden bildet die Vorwarnlinie. Sie registriert ungewöhnliche Aktivitäten, indem sie Signale aus der überwachten Wassersäule erfasst.
- Schwärme autonomer Drohnen: Wird ein Alarm ausgelöst, entsendet das System einen Verbund kleiner Unterwasserdrohnen in das betroffene Gebiet.
- Künstliche Intelligenz an Bord: Die Drohnen nähern sich der potenziellen Bedrohung und analysieren sie mithilfe von Sensoren und KI-Algorithmen in Echtzeit. Dadurch lassen sich umgehend Maßnahmen zur Risikominderung einleiten.
Hybride Kriegsführung: Warum die Industrie aufrüstet
Geopolitische Rivalitäten werden nicht mehr ausschließlich offen ausgetragen. Neue Formen der Kriegsführung setzen auf Sabotage und asymmetrischen Druck, um die Schwachstellen moderner Gesellschaften auszunutzen.
Jüngste Vorfälle wie der mutmaßliche Sabotageversuch gegen den Tanker SeaJewel vor Savona – das Schiff soll zur russischen Schattenflotte gehören – haben das Problembewusstsein geschärft. Handelshäfen und Seewege zählen zu den besonders sensiblen Zielen, die geschützt werden müssen.
Die schwer erkennbaren Bedrohungen erfordern eine permanente Überwachung. Staaten und private Betreiber können nicht mehr nur auf Schäden reagieren, die digitale oder energetische Blackouts mit potenziell gravierenden Folgen auslösen könnten. Sie müssen Risiken frühzeitig erkennen und die Sensorik am Meeresboden mit Überwasserdrohnen vernetzen, die Binnengewässer und Hafenzufahrten überwachen.
Neue Verteidigungsfronten: Quantensensoren und drahtlose Unterwasser-Netze
Neue Technologien verschieben die Grenzen der Unterwasserverteidigung in Bereiche, die bis vor Kurzem noch nach Science-Fiction klangen:
- Internetkabel als "Mikrofone": Eine der innovativsten Entwicklungen ist DAS (Distributed Acoustic Sensing). Die Technologie misst minimale Spannungsänderungen in Glasfaserkabeln des Internetverkehrs. Dadurch werden transozeanische Leitungen zu riesigen Hydrofonen, die die Bewegung von U-Booten oder Kampfschwimmern über weite Distanzen erfassen können.
- Quantenmagnetometer: Um die Grenzen klassischer Sonarsysteme in stark befahrenen Gewässern zu überwinden, setzt die Verteidigung zunehmend auf Quantentechnologie. Neue Quantenmagnetometer auf Drohnen registrieren selbst geringste Veränderungen des Erdmagnetfelds, die von den Stahlrümpfen von U-Booten verursacht werden – teilweise noch in Entfernungen von mehreren Dutzend Kilometern.
- Interoperabilität und drahtlose Unterwasserkommunikation: Nach Angaben des Nationalen Pols für die Unterwasserdimension besteht die zentrale Herausforderung der Jahre 2026 und 2027 darin, gemeinsame europäische Standards für die drahtlose Echtzeitkommunikation zwischen Überwasserdrohnen, Sensoren am Meeresgrund und Unterwasserdrohnen verschiedener Staaten zu schaffen. Ziel ist ein gemeinsames maritimes Lagebild innerhalb der NATO.
Steuert die Welt auf ein digitales "Decoupling" zu?
Das geopolitische Risiko befeuert auch Szenarien einer fragmentierten Infrastruktur. Während westliche Staaten ihre Kabelnetze im Mittelmeer und Atlantik ausbauen und stärker absichern, treibt China alternative digitale Trassen in Asien und Afrika voran.
Die letzte Grenze der Unterwasserwelt könnte daher nicht nur militärischer Natur sein. Denkbar ist auch die Entstehung zweier geografisch getrennter digitaler Systeme auf dem Meeresboden – gewissermaßen zweier voneinander abgeschotteter "Internets", geschützt von Drohnenschwärmen, die die unsichtbaren Grenzen des Unterwasser-Cyberspace sichern.