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Euroviews. Holocaust-Gedenken im Wandel: Wie Erinnerung lebendig bleibt

Blumen an Stolpersteinen des deutschen Künstlers Gunter Demnig zum Gedenken an Mildred Fish-Harnack, NS-Opfer, und ihren Mann Arvid Harnack in Berlin, 20. September 2013
Blumen an Stolpersteinen des deutschen Künstlers Gunter Demnig für das NS-Opfer Mildred Fish-Harnack und ihren Mann Arvid Harnack in Berlin, 20. September 2013 Copyright  AP Photo/Markus Schreiber
Copyright AP Photo/Markus Schreiber
Von Generalsekretärin der Internationalen Allianz für Holocaust-Gedenken (IHRA)
Zuerst veröffentlicht am
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Die in diesem Artikel geäußerten Meinungen sind die der Autoren und stellen in keiner Weise die redaktionelle Position von Euronews dar.

Holocaust-Überlebende haben die Erinnerung an die Verbrechen des NS-Regimes über Jahrzehnte geprägt. Doch ihre Zahl nimmt ab. In einem Gastbeitrag für Euronews erklärt Michaela Küchler, wie Holocaust-Gedenken auch künftige Generationen erreichen kann.

Die Kulturtheoretikerin Aleida Assmann spricht von einer "kommunikativen Erinnerung", also jener Form des Erinnerns, die direkt von Menschen weitergegeben wird, die Ereignisse selbst erlebt haben. Diese Form halte etwa achtzig Jahre an. Das klingt zunächst nach einer akademischen Beobachtung.

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Doch rund acht Jahrzehnte nach dem Holocaust wirkt sie sehr unmittelbar.

Wir erleben genau den Moment, den sie beschrieben hat: Jenen Punkt, an dem die Erinnerung den Händen derer entgleitet, die sie selbst erfahren haben, und übergeht zu denen, die nur noch davon hören.

Wenn Zeitzeugen sterben, droht das Erinnern zu verblassen

Über weite Strecken der vergangenen achtzig Jahre hatte die Erinnerung an den Holocaust ein menschliches Gegenüber. Überlebende erzählten von ihren Erfahrungen, und Menschen hörten zu. Solche eindringlichen Zeugnisse holten die Vergangenheit nah heran. Sie machten aus einem historischen Ereignis erlebtes Leben. Niemand musste uns erklären, warum das wichtig ist, wir hörten es unmittelbar.

Die Erinnerung wird nicht mehr von denen weitergegeben, die dabei waren, sondern von denen getragen, die es nicht waren.

Diese Nähe schwindet nun stetig und unumkehrbar. Mit ihr verändert sich leise, aber grundlegend etwas. Die Erinnerung wird nicht mehr von denen weitergegeben, die dabei waren, sondern von denen getragen, die es nicht waren. Damit stellt sich die Frage, was mit einem Geschehen geschieht, das so eng an unmittelbare Erfahrung gebunden ist, wenn es sich nur noch auf Berichte aus zweiter oder dritter Hand stützen kann.

Für viele ist der Holocaust kein zentrales Geschichtsnarrativ mehr

Gleichzeitig wandelt sich auch das Publikum, das sich mit dieser Erinnerung auseinandersetzt. Europa heute ist nicht mehr das Europa von 1945. Es ist vielfältiger und stärker geprägt von weltweiter Migration und Austausch.

Für viele Menschen, die heute hier leben – darunter Familien mit Wurzeln in Regionen, in deren Geschichtsbewusstsein der Holocaust nicht im Zentrum steht –, ist diese Vergangenheit eine Erinnerung, der sie häufig erst später begegnen. Oft geschieht das aus einer gewissen Distanz und neben anderen Geschichten, die näher am eigenen Leben liegen.

Das ist kein Problem an sich, verändert aber die Bedingungen des Gedenkens. Die Annahme, alle kämen mit demselben Bezug und derselben inneren Nähe zum Holocaust, trifft nicht mehr zu. Neu ist, dass diese Vielfalt der Perspektiven sichtbarer wird – und dass wir uns aktiv damit auseinandersetzen müssen.

Die Vorstellung, alle begegneten dem Holocaust mit demselben Erfahrungsrahmen und demselben Nähegefühl, gilt nicht mehr.

Menschen begegnen der Geschichte nicht als unbeschriebene Blätter. Sie bringen ihre eigenen Erfahrungen von Konflikten und Ungerechtigkeit mit. Diese Erfahrungen beeinflussen, was sie berührt und was ihnen vertraut vorkommt. Soll die Erinnerung an den Holocaust Bedeutung behalten, muss sie diesen unterschiedlichen Ausgangspunkten Raum geben – in der Praxis, nicht nur in Grundsatzpapieren.

Wichtig: Räume in denen Fragen erlaubt sind

Wie ein solcher Ansatz aussehen kann, zeigt die Arbeit der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (KIgA) in Berlin. Sie setzt sich seit mehr als zwei Jahrzehnten in Stadtteilen mit vielfältigen Migrationsgeschichten gegen Antisemitismus und Rassismus ein.

Ihr Vorsitzender und IHRA-Delegierter Derviş Hızarcı betont, wie wichtig Räume sind, in denen Fragen erlaubt sind und Vertrauen wachsen kann. Er geht nicht davon aus, dass alle mit denselben historischen Referenzen in ein Gespräch über den Holocaust kommen.

Der Holocaust ist ein spezifisches, beispielloses historisches Ereignis

All das verlangt Fingerspitzengefühl. Der Holocaust ist ein spezifisches, beispielloses historisches Ereignis mit einem eigenen Kontext, eigenen Mechanismen und eigener Bedeutung.

Wer Möglichkeiten zur Anknüpfung vollständig abschneidet, riskiert jedoch, dass Gedenken starr wird. Es wird dann eher beobachtet als verstanden. Die Herausforderung besteht darin, unterschiedliche Geschichten miteinander ins Gespräch zu bringen, ohne ihre Eigenständigkeit zu verwischen.

Viele Menschen begegnen dieser Geschichte zum ersten Mal

Genau hier verschiebt sich die Arbeit der Erinnerung. Es geht weniger darum, Wissen einfach weiterzureichen. Entscheidend wird, Bedingungen zu schaffen, unter denen dieses Wissen wirklich aufgenommen und verarbeitet werden kann.

Das hat praktische Folgen. Gedenkprojekte müssen stärker mit Einordnung beginnen. Viele Menschen, insbesondere Erwachsene, die sich erst später damit befassen, begegnen dieser Geschichte zum ersten Mal. Sie knüpfen nicht an früheres Wissen an. Es braucht deshalb Zugänge, die verständlich sind, ohne zu vereinfachen – in Schulklassen, in Museen oder bei öffentlichen Gedenkfeiern. Und es braucht Formate, die Dialog ermöglichen, statt nur auf stilles Zuhören zu setzen.

Pädagoginnen, Pädagogen und Guides müssen darauf vorbereitet sein, Menschen mit sehr unterschiedlichen Perspektiven einzubeziehen und zugleich historische Klarheit zu wahren. Sie sollten fragen, was ihr Publikum bereits weiß, welche Annahmen über dessen Vorwissen im Raum stehen und wie verschiedene kulturelle oder historische Hintergründe beeinflussen, wie diese Geschichte verstanden wird.

Entscheidend ist auch, hochwertige mehrsprachige Materialien auszubauen und digitale Zeugnisse klug einzusetzen. Beides hilft, diese Geschichte in der Zeit nach den Zeitzeugen verständlich und menschlich zu halten.

Entscheidend ist auch, hochwertige mehrsprachige Materialien auszubauen und digitale Zeugnisse klug einzusetzen. Beides hilft, diese Geschichte in der Zeit nach den Zeitzeugen verständlich und menschlich zu halten.

Ich bin seit gut einem Jahr Generalsekretärin der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA). Dabei wird deutlich, welche wichtige Rolle die IHRA in dieser Übergangsphase spielen kann.

Indem wir zur Reflexion über Sprache und Zielgruppen anregen und eine Kultur des Zuhörens ebenso fördern wie das Vermitteln, können wir Formen des Gedenkens unterstützen, die historisch präzise und zugleich offen für die Realitäten heutiger Gesellschaften sind.

Antisemitismus ist nicht verschwunden

All das ist nicht nur mit Blick auf die Vergangenheit wichtig, sondern auch für die Gegenwart. Antisemitismus ist nicht verschwunden. Auch das Risiko, dass Falschinformationen historische Fakten verzerren oder kleinreden, besteht weiter.

Wenn überhaupt, sind diese Herausforderungen komplexer geworden. Menschen müssen verstehen, was damals geschah, warum es von Bedeutung ist – und warum es das bis heute bleibt. Das gehört dazu, solchen Tendenzen entgegenzutreten.

Die ersten achtzig Jahre der Holocaust-Erinnerung wurden von jenen geprägt, die Zeugnis abgelegt haben. Die nächsten achtzig Jahre und die Zeit danach liegen in unserer Hand

Die ersten achtzig Jahre der Holocaust-Erinnerung wurden von jenen geprägt, die Zeugnis abgelegt haben. Die nächsten achtzig Jahre und die Zeit danach liegen in unserer Hand – darin, wie wir zuhören, wie wir lehren und wie bereit wir sind, Menschen dort abzuholen, wo sie stehen, statt dort, wo wir sie verorten. Das ist keine geringere Form des Gedenkens. Aber es ist eine andere. Und sie hat bereits begonnen.

Michaela Küchler war in verschiedenen Funktionen des deutschen Auswärtigen Dienstes tätig, unter anderem in Chile, in der ehemaligen Tschechoslowakei und in Indien. Außerdem verhandelte sie Fragen der EU-Erweiterung und arbeitete als Europa-Referentin für zwei Bundeskanzler und drei Bundespräsidenten.

Die International Holocaust Remembrance Alliance (Quelle auf Englisch) (IHRA) ist eine zwischenstaatliche Organisation mit 35 Mitgliedstaaten, einem Partnerland und sieben Beobachterländern. Seit 1998 bringt die IHRA Regierungen und Fachleute zusammen, um Bildungsarbeit, Gedenken und Forschung zum Holocaust weltweit zu stärken, weiterzuentwickeln und zu fördern.

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