Die Polizei nimmt einen Google-Ingenieur fest. Er soll geheime Suchtrend-Daten genutzt haben. Der Fall könnte Prognosemärkte Wall-Street-Regeln unterwerfen.
Wetten auf Polymarket gilt eigentlich als lockerer Zeitvertreib. Nutzer kaufen „Ja“- oder „Nein“-Anteile auf den Ausgang realer Ereignisse und hoffen, richtig zu liegen. Trifft die Prognose, zahlt jeder gewinnende Anteil einen Dollar, der Verlierer ist wertlos.
Es sei denn, man arbeitet bei Google und Staatsanwälte werfen einem vor, die Antworten schon zu kennen. Dann wird aus dem Spiel schnell möglicher Insiderhandel – eines der schärfer verfolgten Wirtschaftsdelikte, auf das in den USA bis zu 20 Jahre Haft stehen.
Nach Angaben des US-Staatsanwalts für den Southern District of New York soll der Google-Softwareentwickler Michele Spagnuolo die streng vertrauliche jährliche Trend-Auswertung seines Arbeitgebers genutzt haben und so auf Polymarket mehr als 1,2 Millionen Dollar (1,1 Millionen Euro) verdient haben. Auf der Plattform trat er unter dem Alias „AlphaRaccoon“ auf.
Bundesanwälte in New York haben Spagnuolo nun wegen Betrugs mit Warentermingeschäften („commodities fraud“), wegen Drahtbetrugs („wire fraud“) und wegen Geldwäsche angeklagt.
Der Fall Spagnuolo ist bereits das zweite prominente Verfahren wegen Insiderhandels auf einem Prognosemarkt binnen gut eines Monats. Für die Justiz ist das weitgehend juristisches Neuland: Sie muss klären, wie bestehende Regeln zu Betrug und Warentermingeschäften auf Plattformen wie Polymarket anzuwenden sind, die ganz anders funktionieren als eine klassische Börse.
Googles „Year in Search“ wird zum Börsentipp
Jeden Dezember veröffentlicht Google sein „Year in Search“, eine aufwendig inszenierte Liste der wichtigsten Suchtrends des Jahres. Sie bringt viel Traffic, sorgt für große Medienaufmerksamkeit und dient, wie die Anklageschrift festhält, als „hochkarätige Bühne“, auf der Google seine Reichweite gegenüber Werbekunden demonstriert.
Der kommerzielle Reiz liegt in der Überraschung. Google schützt die zugrunde liegenden Daten streng; selbst intern haben nur wenige Beschäftigte Zugriff.
Spagnuolo, der seit etwa 2014 bei Google arbeitet, soll Zugang zu einem internen Software-Tool gehabt haben. Das Tool trug den Hinweis „Google Confidential“ und zeigte die Year-in-Search-Ergebnisse an, bevor jemand außerhalb des Konzerns davon erfuhr.
Auftritt AlphaRaccoon
Auf der Prognoseplattform Polymarket wetten Nutzer mit Kryptowährungen auf den Ausgang realer Ereignisse – von Wahlen über Sport bis zu Popkultur. Im Oktober 2025 führte Polymarket Märkte dazu ein, wer die meistgesuchte Person des Jahres bei Google werden würde.
Etwa zur gleichen Zeit begann ein Polymarket-Konto mit dem Namen „AlphaRaccoon“ zu setzen.
Zwischen Oktober und Dezember 2025, so der FBI-Sonderermittler Brandon Racz, griff Spagnuolo mehrfach auf die vertraulichen Year-in-Search-Daten zu. Teilweise wenige Stunden später platzierte AlphaRaccoon Wetten auf Polymarket, die genau diesen Informationen entsprachen.
Um den 15. Oktober 2025 herum soll Spagnuolo das interne Tool genutzt haben. Tags darauf setzte das Konto AlphaRaccoon rund 403 Dollar (373 Euro) darauf, dass Kendrick Lamar 2025 die meistgesuchte Person wird – zu impliziten Chancen von nur drei Prozent. Gleichzeitig wettete es rund 10.807 Dollar (10.022 Euro) dagegen, dass Papst Leo XIV. auf Platz eins landet.
Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft wusste er das, weil die internen Daten ihm das bereits verraten hatten.
Wetten gegen die Masse
Auffällig an dem mutmaßlichen System ist, wie es funktionierte. Weil Spagnuolo angeblich wusste, wer es garantiert nicht an die Spitze schaffen würde, konnte er massiv gegen die Favoriten der übrigen Anleger setzen und kassierte, wenn deren Tipps ins Leere liefen.
Das Konto AlphaRaccoon setzte rund 937.688 Dollar (869.083 Euro) auf „Nein“ bei der Frage, ob Bianca Censori die meistgesuchte Person wird – zu einem Zeitpunkt, als der Markt ihre Chance auf etwa 85 Prozent taxierte.
Zudem wettete es rund 613.587 Dollar (568.628 Euro) gegen Papst Leo XIV. bei einer impliziten Wahrscheinlichkeit von 56 Prozent und etwa 509.149 Dollar (471.741 Euro) gegen Donald Trump, dessen Chance der Markt auf rund 90 Prozent schätzte.
Insgesamt riskierte AlphaRaccoon mit etwa 25 Wetten auf Year-in-Search-Ergebnisse rund 2,75 Millionen Dollar (2,55 Millionen Euro).
Als Google am vierten Dezember 2025 die Ergebnisse veröffentlichte und die globalen Top fünf der Trend-Personen – d4vd, Kendrick Lamar, Jimmy Kimmel, Tyler Robinson und Papst Leo XIV. – bestätigte, verbuchte das Konto einen Gewinn von rund 1,2 Millionen Dollar (1,11 Millionen Euro).
Die Spurenverwischung
Nachdem die Märkte abgerechnet waren, flossen rund 3,9 Millionen USDC.e (3,6 Millionen Euro) – eine an den US-Dollar geknüpfte Kryptowährung – auf das Konto von AlphaRaccoon. Am zehnten Dezember überwies das Konto etwa fünf Millionen Dollar (4,6 Millionen Euro) in eine verknüpfte Krypto-Wallet.
Polymarket nutzte USDC.e auf dem Polygon-Blockchain-Netzwerk als wichtigste Währung für Handel und Abrechnung.
Von dort aus durchliefen die Gelder laut Klageschrift mindestens zwei Kryptotauschgeschäfte, bevor sie in einen Dienst flossen, der Transaktionen gezielt schwerer nachverfolgbar machen soll.
Unterdessen spekulierten bereits Online-Communities auf Discord und X, AlphaRaccoon müsse ein Google-Insider sein. Kurz darauf verschwand der Nutzername unauffällig; das Konto wurde wieder nur als anonyme alphanumerische Zeichenfolge angezeigt.
Das FBI fand die Wallet dennoch.
Nach Darstellung der Ermittler verknüpften Kryptowährungsdaten das AlphaRaccoon-Konto mit einer Wallet, von der rund 149.980 Dollar (138.916 Euro) an ein Konto bei einem Zahlungsdienstleister geflossen sein sollen, das auf den Namen Michele Spagnuolo unter Nutzung eines italienischen Ausweises registriert war.
Die Anklagepunkte
Spagnuolo sieht sich drei Anklagepunkten gegenüber. Der erste lautet Betrug mit Warentermingeschäften („commodities fraud“): Er soll mit wesentlichen, nicht öffentlichen Informationen auf Polymarket gehandelt haben, das die Ankläger als Plattform für warenbezogene Derivate einstufen.
Der zweite Vorwurf ist „wire fraud“, also der missbräuchliche Einsatz vertraulicher Geschäftsdaten von Google zu seinem eigenen Vorteil. Der dritte Anklagepunkt betrifft Geldwäsche: Spagnuolo soll nach Dezember 2025 Schritte unternommen haben, um Herkunft und Eigentümer der Erlöse zu verschleiern.
Die eidesstattliche Beschwerde legten die Ermittler der US-Richterin Sarah Netburn am Bundesbezirksgericht für den Southern District of New York vor.
Der Fall reiht sich ein in das Verfahren gegen den Master Sergeant der US-Spezialkräfte Gannon Ken Van Dyke, der im April angeklagt wurde. Er soll geheime Informationen über eine US-Militäraktion gegen Nicolás Maduro genutzt haben, um gewinnbringende Wetten auf Polymarket zu platzieren.
Nach Angaben der Staatsanwaltschaft machte Van Dyke aus Einsätzen von rund 33.000 Dollar mehr als 400.000 Dollar Gewinn. Er hat auf nicht schuldig plädiert.