In manchen EU-Ländern arbeiten Beschäftigte pro Woche fast acht Stunden mehr als anderswo. Laut Eurostat erklären Tarifbindung, Teilzeit und Wirtschaftsstruktur den Abstand.
Neue Eurostat-Zahlen zeigen große Unterschiede bei den Arbeitszeiten in Europa.
Menschen in der EU arbeiten im Schnitt 35,9 Stunden pro Woche, wie aktuelle Daten zu den tatsächlichen Arbeitszeiten des Statistikamts der EU zeigen. Erfasst sind Voll- und Teilzeitbeschäftigte zwischen 20 und 64 Jahren in ihrem Hauptberuf.
Die Daten machen auch deutliche Differenzen zwischen den Ländern sichtbar. Sie werfen die Frage auf, warum manche Europäer deutlich länger arbeiten als andere.
Balkanländer verzeichnen die längsten Arbeitszeiten
In der EU reichen die tatsächlichen Wochenarbeitszeiten von 31,9 Stunden in den Niederlanden bis 39,6 Stunden in Griechenland. Bezieht man EU-Beitrittskandidaten und EFTA-Staaten mit ein, klettert der Wert in der Türkei auf 42,4 Stunden. Dicht dahinter folgen zwei weitere Kandidatenländer: Bosnien und Herzegowina mit 40,9 Stunden und Serbien mit 40,6 Stunden.
Diese drei Länder sind die einzigen, in denen die durchschnittliche Wochenarbeitszeit mehr als 40 Stunden beträgt – also mehr als acht Stunden pro Tag bei einer Fünf-Tage-Woche.
Es folgen Griechenland mit 39,6 Stunden, Nordmazedonien mit 39,5 Stunden und Bulgarien mit 38,7 Stunden. Damit dominieren Länder des Balkans die Rangliste der längsten Arbeitswochen; Griechenland und die Türkei gelten häufig als Teil der weiteren Balkanregion.
„In keinem Land wählen Beschäftigte wirklich frei, wie viele Stunden sie arbeiten. Sie leisten vielmehr eine als „normal“ geltende Stundenzahl, die stark von den Arbeitgebern beeinflusst wird. Geringere Produktivität kann die längeren Arbeitszeiten in den genannten Ländern ebenso erklären wie die geringe Verhandlungsmacht der Beschäftigten“, sagte Professor David Spencer von der University of Leeds gegenüber Euronews Business.
Jorge Cabrita, leitender Forschungsmanager bei Eurofound, verweist außerdem auf unterschiedliche Regelungen zur Arbeitszeitgestaltung. Sie könnten ebenfalls erklären, warum in manchen Ländern deutlich länger gearbeitet wird als in anderen.
Niederlande verzeichnen die kürzeste Arbeitswoche
Die Niederlande stechen als Land mit der kürzesten durchschnittlichen Arbeitswoche in Europa hervor: Dort arbeiten Menschen im Schnitt nur 31,9 Stunden pro Woche.
Cabrita zufolge stellen Teilzeitbeschäftigte in den Niederlanden fast 43 Prozent aller Erwerbstätigen – deutlich mehr als in jedem anderen EU-Staat. Zudem gehört das Land zu denen mit den kürzesten tariflich vereinbarten Arbeitswochen in der Union.
„Die Niederlande haben stark auf Teilzeitarbeit umgestellt, was die durchschnittliche Arbeitswoche verkürzt hat. Für Vollzeitbeschäftigte liegt die Wochenarbeitszeit jedoch weiterhin näher bei 40 Stunden“, sagte Spencer Euronews Business.
Danach folgen Deutschland, Norwegen und Dänemark mit jeweils 33,9 Stunden. Beschäftigte in den Niederlanden arbeiten damit rund zwei Stunden weniger pro Woche als ihre Kolleginnen und Kollegen in den nächstplatzierten Ländern.
Auch in Österreich (34,0 Stunden), Belgien (34,3) und Finnland (34,7) liegt die durchschnittliche Wochenarbeitszeit unter 35 Stunden. In diesen sieben Ländern dauert der durchschnittliche Arbeitstag bei einer Fünf-Tage-Woche weniger als sieben Stunden.
Deutschland mit kürzerer Arbeitswoche als Frankreich, Italien und Spanien
Deutschland weist unter den vier größten Volkswirtschaften der EU mit 33,9 Stunden die kürzeste Arbeitswoche auf. Beschäftigte in Deutschland arbeiten im Schnitt 1,7 Stunden pro Woche weniger als in Frankreich mit 35,6 Stunden.
In Spanien beträgt die durchschnittliche Wochenarbeitszeit 36,3 Stunden – der höchste Wert unter den vier größten EU-Volkswirtschaften. Italien liegt mit 36,1 Stunden ebenfalls über dem EU-Durchschnitt von 35,9 Stunden. Der Abstand zu Deutschland übersteigt in beiden Ländern zwei Stunden pro Woche.
„Die kürzeren Arbeitszeiten in Deutschland spiegeln unter anderem die Stärke der Gewerkschaften und die positiven Effekte der Tarifverhandlungen wider“, so Spencer.
Sonst liegen die durchschnittlichen Wochenarbeitszeiten bei 38,7 Stunden in Polen, 38,2 in Rumänien, 37,5 in Tschechien, 37,4 in Ungarn, 35,9 in der Schweiz, 35,4 in Schweden und 35,1 in Irland.
Warum die Arbeitszeiten so stark auseinandergehen
Generell arbeiten Menschen in Nord- und Westeuropa kürzer pro Woche als in Ost- und Mitteleuropa.
Cabrita nennt Regelungen zur Arbeitszeit, die Beschäftigungsstruktur und die allgemeine Wirtschaftsstruktur als zentrale Gründe für die Unterschiede zwischen den Ländern.
Rolle von Gewerkschaften und Tarifverhandlungen
Nach seinen Worten haben Länder, in denen Gewerkschaften und Tarifverhandlungen eine große Rolle bei der Festlegung von Arbeitszeitgrenzen spielen, tendenziell kürzere tatsächliche Arbeitszeiten.
Starke Tarifbindung geht zudem mit weniger Überstunden und besserer Einhaltung von Arbeitsgesetzen einher.
Einfluss von Teilzeit und Selbstständigkeit
Auch die Beschäftigungsstruktur ist entscheidend – also wie sich die Erwerbstätigen auf Berufe, Branchen, Beschäftigungsformen und Vertragsarten verteilen.
Je höher der Anteil der Teilzeitbeschäftigten ist, desto kürzer fällt in der Regel die durchschnittliche Arbeitszeit aus, erläuterte Cabrita.
Selbstständige, die ihre Arbeitszeit meist freier einteilen können, arbeiten hingegen tendenziell länger als Angestellte – besonders, wenn sie eigene Beschäftigte haben.
Auch die Wirtschaftsstruktur spielt eine Rolle. Das Gewicht einzelner Branchen in einer Volkswirtschaft beeinflusst die durchschnittliche Arbeitszeit, da in manchen Bereichen üblicherweise deutlich länger gearbeitet wird als in anderen.
Arbeitszeiten unterscheiden sich stark nach Branche
Fachkräfte in Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Fischerei verzeichnen die längste Arbeitswoche in der EU: Sie arbeiten im Schnitt 42 Stunden, gefolgt von Personen in Leitungsfunktionen mit 40,6 Stunden und Beschäftigten bei den Streitkräften mit 39,4 Stunden.
Am anderen Ende der Skala stehen einfachere Tätigkeiten mit der kürzesten durchschnittlichen Arbeitswoche von 31,8 Stunden, gefolgt von Büro- und Verwaltungskräften mit 34,0 Stunden sowie Beschäftigten im Dienstleistungs- und Verkaufsbereich mit 34,5 Stunden.