Der erste Besuch des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj in Serbien kam überraschend. Doch seine Äußerungen empören viele im Kosovo.
Mit seiner Aussage, Kyjiw erkenne die Unabhängigkeit des Kosovo nicht an, hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj seinem serbischen Amtskollegen Aleksandar Vučić bei seinem Besuch in Belgrad offenbar eine Art diplomatischen Erfolg beschert.
In Pristina löste die Bemerkung allerdings heftige Kritik aus. Die kosovarische Regierung verlangt, dass Selenskyj und Kyjiw das Recht des Kosovo auf Selbstbestimmung und die Unabhängigkeitserklärung von 2008 respektieren. Mehr als 100 Staaten haben die Unabhängigkeit von Kosovo anerkannt – darunter zentrale westliche Staaten wie die USA, Großbritannien und 22 EU-Mitgliedstaaten.
Bei einer Pressekonferenz in Belgrad am Samstag sagte Selenskyj, die Ukraine unterstütze die territoriale Integrität ihrer Partner und das Völkerrecht. Er antwortete damit auf die Frage, ob Serbien weiterhin „mit der festen Haltung der Ukraine“ zur Unabhängigkeit Kosovos rechnen könne.
Trotz der lautstarken Unterstützung Pristinas für Kyjiw im russischen Angriffskrieg erkennt die Ukraine Kosovo bis heute nicht offiziell an. Kosovo ist eine frühere serbische Provinz, deren Unabhängigkeit Belgrad bestreitet. Diese Position habe er bei den Gesprächen mit Vučić am vergangenen Wochenende bestätigt, erklärte Selenskyj.
„Unsere Haltung bleibt unverändert. Wir haben das immer betont, und die Politik der Ukraine hat sich nicht geändert“, sagte Selenskyj.
Der Kampf um territoriale Integrität
Die Linie Kyjiws zu Kosovo hängt auch mit dem eigenen Kampf um die Wahrung der territorialen Integrität und gegen den fortgesetzten russischen Angriff zusammen. Sie verhärtete sich nach dem Einmarsch Russlands in den Donbass 2014 und der einseitigen Annexion der besetzten Krim.
Vučić betont seit Langem, dass Serbien die Souveränität der Ukraine über ihr gesamtes Staatsgebiet unterstützt – einschließlich der Krim. Gleichzeitig schließt sich Belgrad nicht der Sanktionspolitik der EU gegen Russland an und pflegt weiter Beziehungen zu Präsident Wladimir Putin.
Am Samstag bekräftigte der serbische Präsident, sein Land werde die territoriale Integrität der Ukraine weiterhin unterstützen, auch in den Gebieten, die Russland seit 2014 besetzt hat. Selenskyj dankte ihm dafür.
Unter der Führung des Autokraten Slobodan Milošević unterdrückte Belgrad über ein Jahrzehnt lang die politischen Rechte der albanischen Bevölkerungsmehrheit im Kosovo. Die Spannungen mündeten schließlich 1998 und 1999 in einen bewaffneten Konflikt und eine Kampagne ethnischer Vertreibungen.
Eine dreimonatige NATO-Intervention 1999 zwang die serbischen Truppen zum Abzug. Die Vereinten Nationen richteten für neun Jahre ein Exekutivmandat im Land ein und hielten damit faktisch ein Protektorat über Kosovo aufrecht. Zugleich stationierten sie die große, NATO-geführte Friedensmission KFOR.
Kosovo erklärte 2008 seine Unabhängigkeit, nachdem die Empfehlung des finnischen Diplomaten Martti Ahtisaari in der UN-Generalversammlung Zustimmung gefunden hatte.
"Kosovo muss respektiert werden“
Am Sonntag reagierten die Behörden in Kosovo auf Selenskyjs Worte, indem sie eine große ukrainische Flagge mit dem Slogan "Free Ukraine“ entfernten, die seit Anfang 2022 über der Hauptverkehrsstraße der Hauptstadt hing.
„Der Staat Kosovo muss respektiert werden“, schrieb Pristinas Bürgermeister Perparim Rama in sozialen Netzwerken zu einem Video, das das Abhängen der Flagge zeigt.
„Wenn Kosovo nicht respektiert wird, reagiert die Hauptstadt Pristina immer auf die gleiche Weise“, so Rama. Er sagte außerdem, die Bürger Kosovos verstünden den Kampf anderer Menschen um Freiheit, Würde und das Recht auf Existenz nur zu gut.
„Unsere Empathie und Solidarität gelten immer Völkern, die Krieg, Gewalt und Verfolgung ausgesetzt sind. Denn wir wissen besser als viele andere, was es bedeutet, für Freiheit, Würde und das Recht zu kämpfen, als Staat zu existieren“, erklärte der Bürgermeister von Pristina.
Außenminister Glauk Konjufca erklärte, Pristina nehme Selenskyjs Äußerungen „mit Bedauern zur Kenntnis“. Zugleich betonte er, sein Land werde die Souveränität Kyjiws weiter unterstützen.
Konjufca wies das Argument der territorialen Integrität als Begründung für die Ablehnung der Unabhängigkeit Kosovos zurück.
Nach Konjufcas Darstellung handelte es sich bei dem Geschehen nach der NATO-Intervention 1999 „nicht um eine Annexion, Besetzung oder territoriale Eroberung, sondern um einen umfassenden internationalen Prozess unter Verwaltung der Vereinten Nationen und jahrelange, international vermittelte Verhandlungen über den endgültigen Status Kosovos“.
Belgrads Balanceakt
Seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine Anfang 2022 versucht Belgrad, die Beziehungen zu Moskau auszubalancieren und zugleich die Anbindung an den Rest Europas auszubauen. Serbien strebt weiterhin eine EU-Mitgliedschaft an.
Russland zählt seit Langem zu Serbiens wichtigsten diplomatischen Verbündeten. Der Westbalkanstaat ist zudem stark von russischem Gas abhängig. Deshalb agiert Vučić seit viereinhalb Jahren besonders vorsichtig, obwohl Brüssel immer wieder fordert, Serbien solle klar an der Seite der Ukraine stehen.
Vučić absolvierte seinen ersten offiziellen Besuch in der Ukraine im Juni 2025 und nahm am Gipfel Ukraine–Südosteuropa in Odesa teil.
Anders als die übrigen Teilnehmer unterschrieb er die gemeinsame Erklärung nicht, obwohl er den russischen Angriffskrieg verurteilte, den vollständigen Abzug der russischen Truppen forderte und die Unterstützung für die territoriale Integrität der Ukraine bekräftigte.
Moskau wirft Serbien zudem vor, die Ukraine indirekt mit Waffen zu beliefern. Der russische Auslandsgeheimdienst SWR beschuldigte die serbische Rüstungsindustrie im Mai 2025, Russland „in den Rücken zu fallen“, einen Vorwurf, den Vučić zurückwies.
Belgrad liefert nach eigener Darstellung keine Waffen direkt an die Ukraine. Berichten zufolge gelangten jedoch erhebliche Mengen serbischer Munition über Drittstaaten dorthin.
Die serbische Regierung erklärt, sie habe solche Transfers weder genehmigt noch kontrolliert.
Vučić betonte, er und Selenskyj hätten bei dem Besuch des ukrainischen Präsidenten am Wochenende nicht über militärische Zusammenarbeit gesprochen.