Neon sichert sich Luca Guadagninos kompromissloses Sam-Altman-Drama, wenige Wochen nachdem Amazon nach dem 50-Milliarden-Dollar-Deal mit OpenAI ausstieg.
Der unabhängige Verleiher Neon hat sich „Artificial“, das prominent besetzte Drama von Luca Guadagnino über Sam Altman und OpenAI, gesichert. Amazon MGM Studios hatte den fast fertiggestellten Film Anfang des Monats überraschend fallen gelassen.
Branchenbeobachter werten die Entscheidung weithin als Folge von Amazons neuer Partnerschaft im Volumen von 50 Milliarden Dollar (46 Milliarden Euro) mit dem KI-Unternehmen.
In „Artificial“ spielt Andrew Garfield Sam Altman. Monica Barbaro verkörpert die frühere OpenAI-Technikchefin Mira Murati, Yura Borisov Mitgründer Ilya Sutskever und Ike Barinholtz Elon Musk.
Drehbuchautor ist der frühere „Saturday Night Live“-Autor Simon Rich. Der Film gilt als „The Social Network“ für das KI-Zeitalter – eine Anspielung auf David Finchers Drama von 2010 über die Gründung von Facebook und den erbitterten Streit unter den Mitgründern.
„Artificial“ erzählt das hektische Wochenende im Jahr 2023 nach, an dem Altman vom OpenAI-Verwaltungsrat entlassen und wenige Tage später wieder eingesetzt wurde.
Gedreht wurde in San Francisco und in Italien. Für Guadagnino war es nach „Challengers“ und „After the Hunt“ die dritte Zusammenarbeit mit Amazon MGM.
Ein Deal, den niemand ignorieren kann
Der Regisseur äußerte sich in der italienischen Talkshow „Otto e Mezzo“ erstmals öffentlich. Er sieht die Affäre als Symptom für etwas Größeres als nur eine abgesagte Veröffentlichung.
Er sprach von einer kleinen „Tech-Oligarchie“, die heute eine „wirklich radikale Kontrolle“ über die Identität „von Ländern wie den Vereinigten Staaten und der ganzen Welt“ ausübe. Als Beleg nannte er die extreme Ungleichheit, die er bei den Dreharbeiten im Hinterhof des Silicon Valley, in San Francisco, beobachtet habe.
Entscheidend ist der Zeitpunkt. Amazon zog den Film nur wenige Monate nach Abschluss einer umfangreichen Partnerschaft mit OpenAI zurück, die Ende Februar bekanntgegeben wurde.
Die Partnerschaft ist in zwei Tranchen angelegt: 15 Milliarden Dollar (13 Milliarden Euro) fließen sofort in Vorzugsaktien der Serie C. Weitere 35 Milliarden Dollar (31 Milliarden Euro) hängen von Meilensteinen ab – dem Vernehmen nach etwa bestimmten technischen Fortschritten oder einem Börsengang von OpenAI.
Der Deal weitet zugleich OpenAIs bestehende Cloud-Vereinbarung mit Amazon Web Services (AWS) auf rund 138 Milliarden Dollar (121 Milliarden Euro) aus. Zudem wird AWS zum exklusiven externen Anbieter für Frontier, die Unternehmensplattform von OpenAI.
OpenAI verpflichtete sich außerdem, Rechenlasten im Umfang von zwei Gigawatt auf Trainium auszuführen, Amazons hauseigenem KI-Chip als günstigere Alternative zu Nvidias GPUs.
Amazon erklärte lediglich, „Artificial“ sei bei einem anderen Studio besser aufgehoben. Das Unternehmen lobte Guadagnino als „preisgekrönten Filmemacher“ und betonte, Thema und wenig schmeichelhafte Darstellung von Altman hätten mit der Entscheidung nichts zu tun.
In der Branche glaubt das kaum jemand.
Wie wenig schmeichelhaft ist der Film wirklich?
Vorabvorführungen sollen gut gelaufen sein – allerdings nicht, weil das Publikum die Hauptfiguren sympathisch fand.
Ein Brancheninsider, der den Film gesehen hat, berichtet, Altman und Musk seien als die unsympathischsten Figuren herausgekommen, die, die das Publikum „am wenigsten mögen würde“.
Ein Einkäufer, der den Film sichten konnte, beschrieb ihn im Podcast von Matt Belloni als „dunkel“ und „düster“; das Publikum verlasse den Saal mit einem mulmigen Gefühl in Bezug auf die Zukunft der Menschheit. Amazon selbst soll zu dem Schluss gekommen sein, dass der fertige Film deutlich finsterer geraten ist, als das Drehbuch erwarten ließ.
Nachdem Amazon ausgestiegen war, wurde der Film in Hollywood zum heißesten Eisen.
Netflix und Focus Features lehnten ab. A24 zeigte den Film zwar intern, bekundete jedoch nie offiziell Interesse. Bemerkenswert dabei: Das Studio steht unter anderem hinter Josh Kushners Fonds Thrive Capital, der einen Sitz im Verwaltungsrat von OpenAI hält und zu den größten Geldgebern des Unternehmens zählt – ein Hinweis darauf, dass nicht nur Amazon im KI-Geschäft viel zu verlieren hat.
Auch das Warner-Bros.-Label Clockwork zog sich zurück. Danach kristallisierten sich Mubi und Neon als Favoriten heraus.
Wie es weitergeht
Die Rettung bringt Guadagninos Film zu einem Studio in außergewöhnlicher Form. Neon stand hinter den letzten sieben Siegerfilmen der Goldenen Palme in Cannes – von „Parasite“ 2019 bis zum diesjährigen „Fjord“. Zwei dieser Cannes-Gewinner, „Parasite“ und „Anora“, schafften es mit Unterstützung von Neon bis zum Oscar für den besten Film.
Neon kündigt an, „Artificial“ noch in diesem Jahr in das Rennen um Filmpreise zu schicken. Ein Festivalstart steht allerdings noch nicht fest.
Im Hintergrund verschieben sich derweil die Fronten.
OpenAI hat vertraulich Unterlagen für einen Börsengang eingereicht. Die Bewertung könnte bei über 850 Milliarden Dollar (745 Milliarden Euro) liegen und damit zu den größten Tech-IPOs überhaupt gehören. Der verbliebene 35-Milliarden-Dollar-Block (31 Milliarden Euro) von Amazon soll Medienberichten zufolge unter anderem davon abhängen, dass dieser Börsengang tatsächlich zustande kommt.
Für einen Film darüber, wer eine transformative, disruptive Technologie kontrolliert, passt sein eigener mühsamer Weg auf die Leinwand erstaunlich gut zum Thema.