Das Jahr 2026 markiert eine Verschiebung der Kräfte auf dem globalen Kraftstoffmarkt. Die polnische Firma Orlen überholt russische Ölkonzerne wie Gazprom, Lukoil, Novatek und zuletzt den Staatsriesen Rosneft.
Keine russische Öl- und Gasgesellschaft, die an internationalen Börsen gehandelt wird, hat derzeit einen höheren Börsenwert als der polnische Konzern Orlen.
Die Orlen-Aktie klettert nahezu von Monat zu Monat. Seit Jahresbeginn ist der Kurs bereits um 45 Prozent gestiegen – zusätzlich zu einer Dividende von neun Milliarden Złoty, also mehr als zwei Milliarden Euro, die an die Aktionäre geflossen ist. Zum Vergleich: Im Jahr 2025 legten die Papiere um 103 Prozent zu, und das Unternehmen zahlte den Investoren fast sieben Milliarden Złoty aus. Die aktuelle Marktkapitalisierung von Orlen liegt über 170 Milliarden Złoty, rund 44,7 Milliarden Dollar.
Der Aufstieg des Unternehmens verlief in Etappen. Im März, als der Börsenwert des polnischen Konzerns die Marke von 40 Milliarden Dollar überschritt, ließ Orlen Gazprom hinter sich, dessen Notierung in Moskau damals knapp 39 Milliarden Dollar entsprach.
Danach waren Nowatek und Lukoil die nächsten Zielmarken – beide überholte Orlen im Juni, als der Konzern mit 47 Milliarden Dollar, also 172,6 Milliarden Złoty, einen Rekordwert erreichte. Mitte Juli schloss Orlen nach dem Ausgleich der sogenannten Dividendenlücke, die nach dem Dividendenabschlag entsteht, auch zu Rosneft auf und zog vorbei. Der russische Ölkonzern wurde zuletzt mit 40,75 Milliarden Dollar bewertet. Damit ist keine russische Öl- und Gasfirma, die an der Börse notiert ist, größer als Orlen.
Ölriese Orlen: Aufholjagd an der Börse
Gazprom war einst das teuerste russische Unternehmen und zeitweise bis zu 200 Milliarden Dollar wert. Durch Sanktionen – zumindest offiziell – von westlichem Kapital abgeschnitten und durch den Verlust vieler europäischer Abnehmer hat der Konzern seit dem Hoch im Oktober 2021 rund 80 Prozent seines Werts in Rubel eingebüßt und steht heute so niedrig da wie nie zuvor.
Auch Orlen war bereits höher bewertet: Mitte Juni lag die Marktkapitalisierung über 46 Milliarden Dollar, damals brachte Rosneft allerdings noch etwa 50 Milliarden Dollar auf die Waage. Innerhalb weniger Wochen verlor der russische Konzern fast 20 Prozent seines Werts, und seit dem Kurshoch Mitte März haben sich die Rosneft-Aktien beinahe halbiert – sie notieren wieder auf dem Niveau von Oktober 2022. Die Orlen-Aktie hat im selben Zeitraum, seit Oktober 2022, mehr als 170 Prozent gewonnen.
Der polnische Konzern belegt inzwischen Rang drei unter den börsennotierten Öl- und Energiefirmen in der Europäischen Union – hinter TotalEnergies aus Frankreich und dem italienischen Eni. In Europa insgesamt, also inklusive Unternehmen außerhalb der EU, liegen nur Shell, BP und der norwegische Equinor vor Orlen. Damit erreicht Orlen Platz 6 auf dem Kontinent.
Sanktionen, Angriffe und Benzinkrise in Russland
Russische Energiekonzerne verfügen weiterhin über enorme Rohstoffreserven. An der Börse werden sie jedoch mit einem deutlichen Abschlag bewertet – wegen der Sanktionen, des begrenzten Zugangs zu Kapital, politischer Risiken und Exportproblemen. Orlen profitiert dagegen von der Notierung im EU-Markt, einem stabileren regulatorischen Umfeld und der größeren Unternehmensgröße nach der Übernahme von Lotos und PGNiG.
Nach Einschätzung von Jakub Wiech, Energieexperte des Portals Elektryfikacja.eu, stehen Rosneft und Orlen heute für "zwei völlig verschiedene Welten":
"Rosneft befindet sich derzeit in einer katastrophal schwierigen Lage", sagt der Experte im Gespräch mit Euronews und verweist auf die Zerstörung zentraler Raffinerien des Konzerns, etwa in Ufa und Tuapse, durch ukrainische Angriffe. "Das wirkt sich nicht nur auf die Bilanz aus. Es geht um die praktische Arbeitsfähigkeit des Unternehmens, weil Raffinerien zerstört werden. Sie unterliegen internationalen Sanktionen, es gibt Probleme beim Zugang zu Ersatzteilen, Reparaturen dieser Anlagen sind schwer – und sie können nicht arbeiten."
Die schwache Performance an der Börse ist nur eines der sichtbaren Zeichen der Krise. Die Folgen bekommen die Menschen in Russland direkt zu spüren.
"Gigantische Treibstoffkrise" in Russland
"In Russland herrscht eine gigantische Kraftstoffkrise, an vielen Tankstellen fehlt Benzin", sagt Wiech gegenüber Euronews. "Manche Stationen setzen den Verkauf zeitweise aus, in einigen Regionen gelten Beschränkungen oder sogar Verkaufsverbote für Benzin. Der Markt, auf dem Rosneft tätig ist, ist massiv eingebrochen. Die Lage ist so schlecht, dass Russland Benzin aus Ländern wie Indien oder Kasachstan importieren muss."
Der Experte erinnert daran, dass der russische Energiesektor seit vier Jahren immer neuen Sanktions- und Restriktionspaketen ausgesetzt ist, die ihn Schritt für Schritt von den Weltmärkten abschneiden.
"Auf der einen Seite schließen diese rechtlichen Einschränkungen ganze Märkte für russische Rohstoffe und Treibstoffe. Auf der anderen Seite haben die Ukrainer in den vergangenen Tagen, in der ersten Julihälfte, spektakuläre Angriffe auf russische Tankschiffe im Schwarzen Meer und im Asowschen Meer durchgeführt", erläutert Wiech im Gespräch mit Euronews. "Der Aggressor, der den Konflikt begonnen hat, wird nun gerade in dem Bereich schwer getroffen und geschwächt, der über Jahre seine wichtigste Vorzeigeindustrie war. Russland galt als Tankstelle Europas oder sogar der Welt – und jetzt fehlt dem Land der Treibstoff im eigenen Land."
Gleichzeitig betont der Experte, dass Sanktionen langfristig wirken und nicht sofort. Den größten Anteil an der aktuellen Schwäche der russischen Energiekonzerne haben seiner Ansicht nach die jüngsten ukrainischen Angriffe auf die Infrastruktur.
Orlen auf Wachstumskurs: Drittgrößter Ölkonzern Europas
Den Gegenpol in diesem Vergleich bildet das polnische Unternehmen Orlen.
"Wir sprechen hier über ein Unternehmen, das als Profiteur der aktuellen Energiekrise rund um die Straße von Hormus gilt und überdurchschnittlich viel verdient. In Polen wird an einer Steuer auf Übergewinne von Orlen gearbeitet, um einen Teil dieser zusätzlichen Profite umzuverteilen", sagt Jakub Wiech.
Wiech weist im Gespräch mit Euronews darauf hin, dass Orlen regelmäßig neue Projekte präsentiert – von Solar- und Windparks über einen Offshore-Windpark gemeinsam mit Northland Power bis hin zu einem Gas-und-Dampf-Kraftwerk in Grudziądz, das bereits Strom ins Netz einspeist.
"Das ist ein Geschäftsmodell, das derzeit von hohen Energie- und Kraftstoffpreisen profitiert und gute Perspektiven hat. Orlen hat noch viele Investitionsprojekte in der Pipeline, die gerade umgesetzt werden und vom Markt positiv aufgenommen werden. Zusammengenommen führt das dazu, dass der Konzern aktuell klar aufwärts unterwegs ist. Er gehört zu den Unternehmen, die einen starken Kontrast zu den russischen Firmen bilden", erklärt der Experte.
Wiech mahnt im Gespräch mit Euronews jedoch zur Vorsicht: Selbst ein vollständiges Ende der Angriffe auf die russische Energieinfrastruktur würde nicht bedeuten, dass die Bewertungen russischer Unternehmen schnell wieder auf das Vorkriegsniveau steigen.
"Die Belastung durch die Sanktionen nimmt zu. Deshalb werden die Bewertungen russischer Energiekonzerne nicht rasch zu den Niveaus zurückkehren, die sie vor dem Krieg hatten, als sie zu den weltweit am höchsten bewerteten Unternehmen der Branche gehörten", sagt Wiech.
Auf der anderen Seite betont er, dass der aktuelle Zustand zweifellos nicht dauerhaft ist. Gleichzeitig ist schwer vorherzusagen, wie lange die Rallye der Orlen-Aktie anhält, die sich derzeit auf historischen Höchstständen befindet.