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Hitze belastet Europas Industrie: wichtige Wasserstraßen führen wenig Wasser

Das Atomkraftwerk MVM Paks, das seinen Reaktor drei wegen extrem niedrigen Donau-Wasserstands abschalten musste, in Paks, Ungarn, am Mittwoch, 29. Juli 2026.
Das Kernkraftwerk MVM Paks, das Reaktor drei wegen extrem niedriger Donau-Pegel herunterfahren musste, in Paks, Ungarn, am Mittwoch, 29. Juli 2026. Copyright  AP Photo/Daniel Kiss
Copyright AP Photo/Daniel Kiss
Von Indrabati Lahiri
Zuerst veröffentlicht am
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Anhaltend niedrige Wasserstände zwingen in Europa Raffinerien, Atomkraftwerke und Chemiebetriebe, ihre Produktion wegen Material- und Kühlwassermangels zu drosseln.

Europa erlebt in den vergangenen Jahren zunehmend extreme Hitzewellen. In den letzten Monaten kam es zu mehreren schweren Hitzeereignissen, darunter Dürren und Waldbrände in Spanien, Frankreich, Italien und anderen Ländern.

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Zugleich zeigen sich neue Folgen in anderen Teilen Europas: Wichtige Wasserstraßen wie Rhein und Donau führen ungewöhnlich wenig Wasser, teils mit neuen Negativrekorden.

Der Frachtschiffverkehr wird dadurch deutlich erschwert. Viele Schiffe können nur noch mit reduziertem Ladegewicht fahren, auf manchen Strecken kommt die gewerbliche Schifffahrt nahezu zum Erliegen oder muss auf umständliche Alternativen ausweichen.

Betroffen sind zentrale Branchen, etwa die Ölverarbeitung und die Chemieindustrie. Dort drohen massive Störungen.

Ausgetrocknete Flüsse: Folgen für zentrale Industriebranchen

Niedrige Pegelstände treffen die Industrie vor allem, weil Frachtschiffe ihre Ladekapazität nicht ausschöpfen können. Betreiber müssen Güter auf mehrere Schiffe verteilen oder auf Straße und Schiene ausweichen.

Am Schlüsselmesspunkt Kaub am Rhein fiel der Pegel unter die kritische Marke von 30 Zentimetern. Ende Juli lag er bei 27 Zentimetern, berichtete ICIS (Quelle auf Englisch), und wurde für die folgenden Tage noch niedriger prognostiziert. Der Wert bezieht sich auf den Pegel am Messpunkt Kaub, nicht auf die gesamte Flusstiefe oder die Tiefe der Schifffahrtsrinne.

Der Rhein ist rund 1.230 Kilometer, also 765 Meilen, lang. Er entspringt in den Schweizer Alpen und durchquert oder begrenzt die Schweiz, Liechtenstein, Österreich, Deutschland, Frankreich und die Niederlande, bevor er in die Nordsee mündet. Für Verkehr, Tourismus und Industrie ist er in all diesen Regionen eine Lebensader.

Die niedrigen Wasserstände haben die Rheinschifffahrt stark gestört. Nach Angaben von Reedereien gegenüber dem Rohstoffdatenanbieter Argus konnten die meisten Binnenschiffe den Engpass bei Kaub bis 27. Juli nicht mehr passieren. Schiffe, die die Strecke noch befuhren, mussten ihre Ladungen drastisch begrenzen; die Frachtraten stiegen auf Rekordniveaus. „In der Praxis sind der Oberrhein und die Flüsse Main derzeit faktisch vom Handelshub Amsterdam-Rotterdam-Antwerpen (ARA) abgeschnitten“, hieß es im Argus-Bericht vom Mittwoch.

Für die chemische und petrochemische Industrie bedeutet die geringe Fahrrinnentiefe eingeschränkte Lieferungen wichtiger Einsatzstoffe wie Naphtha und Flüssiggas (LPG) von Nordseehäfen zu Werken im Binnenland.

ICIS meldete, dass LyondellBasell für Butadien-Lieferungen aus seinem Werk in Wesseling höhere Gewalt erklärte, weil mangelnde Rohstoffzufuhr infolge der niedrigen Pegelstände die Produktion störte. BASF verwies nach Angaben des Portals ebenfalls auf mögliche Fälle höherer Gewalt oder Lieferengpässe, da der Konzern stark auf den Rhein als Transportweg angewiesen ist.

Donau: Probleme für Kühlwasser und Frachtverkehr

Steigende Wassertemperaturen setzen zudem industriellen Kühlsystemen zu. Die Anlagen arbeiten weniger effizient, was den Druck auf die Betriebe erhöht. Das gilt besonders für Atom- und Kohlekraftwerke.

Die Öl- und Energiebranche in der Region zahlt hohe Niedrigwasserzuschläge und sieht stark steigende Frachtraten für Diesel und andere Mineralölprodukte flussaufwärts. Die Verteilung im Binnenland gerät damit unter Druck. Kohlekraftwerke haben Mühe, genügend Brennstoff zu beschaffen, weil die Ladekapazität der Schubverbände stark sinkt.

Auch Stahlkonzerne und andere Schwerindustrie leiden. Der Industriekonzern Thyssenkrupp hat die Produktion in den Hochöfen seines Werks in Duisburg leicht zurückgefahren, weil Schiffe mit Rohstoffen flache Engstellen wie Kaub nur noch schwer passieren können. Das Unternehmen stellte den Betrieb eigener Schubverbände ein und charterte flachgehende Ersatzschiffe. Die Versorgung der Kundschaft sei aber nicht gefährdet, erklärte Thyssenkrupp.

Auf den benachbarten Bahn- und Straßennetzen ist die Kapazität bereits begrenzt, sie können den Ausfall der Binnenschifffahrt daher nicht vollständig auffangen. Das erhöht das Risiko weiterer wirtschaftlicher Schäden, zumal die Wasserstände nach Prognosen vorerst niedrig bleiben.

Die Donau, die durch oder entlang von zehn Staaten fließt – darunter Deutschland, Österreich, Slowakei, Ungarn, Kroatien, Serbien, Bulgarien, Rumänien, Moldau und die Ukraine –, verzeichnete im Juli historisch niedrige Pegel.

Wegen anhaltend hoher Temperaturen und fehlender Niederschläge fiel der Donaustand in Budapest am Donnerstag um zehn Uhr MESZ auf einen Rekordwert von 23 Zentimetern, zehn Zentimeter unter dem bisherigen Tief von 2018, wie die ungarische Wasserwirtschaftsbehörde mitteilte. Der Pegel bezieht sich auf einen festen lokalen Referenzpunkt und nicht auf die tatsächliche Flusstiefe. Die Behörde erwartet einen weiteren Rückgang in den kommenden Tagen.

Das ungarische Bau- und Verkehrsministerium erklärte in seinem jüngsten Bericht am Dienstag, dass die meisten Frachtschiffe auf dem ungarischen Donauabschnitt gestoppt wurden. Die übrigen Schiffe transportierten nur noch etwa zehn bis 20 Prozent ihrer üblichen Ladung. Rund 15 Hotelschiffe sitzen ebenfalls fest.

Entlang der Donau ist die Lage unterschiedlich. Nach Angaben der Nachrichtenagentur Associated Press kam die Frachtschifffahrt in manchen stark betroffenen Abschnitten völlig zum Stillstand, in anderen Bereichen fahren Schiffe mit deutlich reduzierten Ladungen weiter. In Serbien etwa transportieren Schubverbände und Tanker nur noch rund 30 bis 40 Prozent ihrer normalen Kapazität.

Energieversorgung in Ungarn und Rumänien unter Druck

Die niedrigen Wasserstände zwangen das Atomkraftwerk Paks in Ungarn nach Angaben des Betreibers MVM, seine Leistung zu senken und einen seiner vier Reaktoren abzuschalten. Ungarische Medien berichteten, es sei der erste Komplettstillstand eines Blocks in der Geschichte des Kraftwerks. Zusammen mit früheren Leistungsreduzierungen arbeitet die Anlage nur noch mit rund 60 Prozent ihrer Kapazität.

Auch Rumänien reagierte. Der staatliche Atomstromerzeuger Nuclearelectrica stoppte am Dienstag Block 1 des Kernkraftwerks Cernavodă und begründete dies mit dem „sehr niedrigen, beispiellosen“ Pegel der Donau. Das Energieministerium kündigte an, Block 2 werde am frühen Donnerstag vom Netz genommen. Erstmals stehen damit beide Reaktoren wegen niedriger Wasserstände gleichzeitig still.

Die Abschaltungen erhöhen den Druck auf die regionale Stromversorgung. Ungarn ersetzt die fehlende Atomstromproduktion mit Importen und zusätzlicher Gasstromerzeugung im Inland, wie aus Daten des Netzbetreibers Mavir hervorgeht, über die die staatliche Nachrichtenagentur MTI berichtete. Das rumänische Energieministerium erklärte, der gleichzeitige Ausfall beider Reaktoren mache das Land stärker von Stromimporten abhängig und treibe die Preise weiter nach oben, wie Reuters meldete.

Auch der Treibstofftransport in Serbien ist beeinträchtigt. Im Juli erreichte das Land nur 25 Prozent seiner geplanten Treibstoffimporte, weil niedrige Donaupegel die Binnenschifffahrt begrenzten, sagte Energieministerin Dubravka Đedović Handanović. Die Regierung erlaubte Energieunternehmen daraufhin, aus operativen Treibstoffreserven zu schöpfen, um die Versorgung zu sichern.

Niedrigwasser trifft außerdem die Landwirtschaft. In Serbien werden Getreidetransporte und Bewässerung gestört, auch in der nördlichen Agrarregion Vojvodina. Rumänien schränkte die Bewässerung ein, nachdem die Durchflussmenge der Donau auf den niedrigsten Stand seit 1996 fiel; auch die Flussschifffahrt ist dort teilweise beeinträchtigt.

Welche Gegenmaßnahmen sind gegen Niedrigwasser möglich?

Eine besondere Herausforderung am Rhein und an Teilen der Donau sind die felsigen Flussbetten, die sich nur schwer ausbaggern lassen.

Um die Schifffahrt trotzdem aufrechtzuerhalten, braucht es eine Kombination aus baulichen, technischen und logistischen Maßnahmen.

Die deutschen Behörden planen bereits das Projekt „Optimierung der Fahrrinnenanpassung am Mittelrhein“. Zwischen Mainz und St. Goar, einschließlich Kaub, soll die Fahrrinne an kritischen Engstellen um 20 Zentimeter vertieft werden. Flussmauern und andere Bauwerke lassen sich so verändern, dass mehr Wasser in die Schifffahrtsrinne gelenkt wird und die Tiefe stabil bleibt.

Der Ausbau bestehender Schleusen kann auf regulierten Flussabschnitten helfen, in ausgeprägten Trockenphasen mehr Wasser stromaufwärts zurückzuhalten.

Auch Schiffsdesign und Technik lassen sich anpassen, etwa durch flachgehende Spezialschiffe. Unternehmen wie HGK Shipping und BASF setzen solche Niedrigwasserschiffe bereits ein oder entwickeln sie. Sie können auch bei geringen Pegeln nennenswerte Ladungen transportieren.

Leichtbauwerkstoffe wie hochfester Stahl unterstützen solche Konzepte, weil sie das Leergewicht der Schiffe senken. Dadurch können die Frachter bei Niedrigwasser mehr Ladung aufnehmen.

Auf der Logistikseite hilft es, Güter zwischen Verkehrsträgern zu verschieben. Zeitkritische Waren können bei sinkender Flusskapazität auf Bahn oder Straße verlagert werden, um den Betrieb zu stabilisieren.

Größere Lagerkapazitäten in Binnenhäfen erlauben es Unternehmen, Rohstoffe in Hochwasserzeiten auf Vorrat zu nehmen. Statt einzelner Großschiffe können auch Flotten kleinerer, flacher Schiffe eingesetzt werden, um das Gewicht der Fracht zu verteilen.

Ungarn rief am Donnerstag den Notstand wegen Dürre aus, nachdem die Dürreschwellen in 66 der 84 Wasserbewirtschaftungsgebiete des Landes überschritten wurden, wie Umweltminister László Gajdos mitteilte.

„Das bedeutet, dass Fachleute der Wasserwirtschaftsbehörde im gesamten 74-prozentigen Teil des Landes Maßnahmen zur Linderung der Dürre auf der höchsten Alarmstufe ergreifen werden“, sagte er laut dem ungarischen Nachrichtenportal Telex.

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