Die US-Notenbank hebt den Leitzins um einen Viertelpunkt auf 3,75 bis vier Prozent an – erstmals seit Juli 2023, einstimmig mit zwölf zu null Stimmen, gegen Präsidentenlinie.
Bei seinem ersten Zinsentscheid hat sich Kevin Warsh von US-Präsident Donald Trump abgesetzt – mit geschlossenem Rückhalt des gesamten Ausschusses.
Der Offenmarktausschuss der US-Notenbank hat am Mittwoch den Leitzins angehoben. Seit Dezember lag er in einer Spanne von 3,5 bis 3,75 Prozent. Die Fed beendete damit eine Pause, die angesichts steigender Energiekosten und Inflation immer schwerer zu begründen war.
Kein einziges Mitglied stellte sich dagegen; die Entscheidung fiel einstimmig mit zwölf zu null Stimmen.
Das ist bemerkenswert, weil der Druck zuletzt aus beiden Richtungen kam. Drei Präsidenten regionaler Notenbanken hatten bereits im Juli für eine Anhebung gestimmt. Gleichzeitig forderte das Weiße Haus monatelang Zinssenkungen.
Niemand stimmte für eines der Extreme.
An den Finanzmärkten fällt die Reaktion bislang verhalten aus. Der Schritt war weitgehend erwartet worden.
US-Präsident Trump reagierte dagegen bereits mit scharfer Kritik in sozialen Netzwerken. „Die Zinsen in den Vereinigten Staaten sollten bei ein Prozent oder weniger liegen […]“, erklärte er.
Fed-Erklärung auf das Minimum reduziert
Mindestens so auffällig wie der Schritt selbst war die Kommunikation der Fed.
Die schriftliche Erklärung umfasst nur drei kurze Absätze – ein Bruchteil dessen, was die Märkte gewohnt sind. Es gibt keine Hinweise auf den künftigen Kurs und keine Absicherungen in der Wortwahl.
In dem Text heißt es: „Die Inflation bleibt erhöht.“ Weiter steht dort: „Die heutige Entscheidung wird eine zeitnähere Rückkehr zum Zielwert des Ausschusses von zwei Prozent unterstützen.“
Das Wort „zeitnäher“ ist ein indirektes Eingeständnis, dass die Rückkehr zum Ziel bisher zu langsam verlief.
Dann folgt ein Satz, den die Fed sonst kaum verwendet: „Der Ausschuss wird Preisstabilität liefern.“ Nicht „strebt an“, nicht „verpflichtet sich“. Sondern: „wird“.
Auch die wirtschaftliche Lagebeurteilung fällt durchweg selbstbewusst aus.
Die Konjunktur „wächst in solidem Tempo“, die Binnennachfrage „erweist sich als widerstandsfähig“. Das Produktivitätswachstum sei „stark“, die Investitionen „robust“, und die Beschäftigungszuwächse „halten mit dem Arbeitskräfteangebot Schritt“.
Gleichzeitig bleibe die Unsicherheit erhöht, heißt es weiter. Als einen Grund nennt die Fed „geopolitische Entwicklungen“ – ihre Umschreibung für den Krieg im Iran.
Mit der Beschreibung einer grundsätzlich gesunden Wirtschaft nimmt der Ausschuss einem zentralen Argument Trumps die Grundlage: Höhere Zinsen würden das Wachstum abwürgen.
Datenlage setzt Fed unter Zugzwang
Die Entscheidung hatte sich seit Monaten abgezeichnet.
Im Juli hatten drei Präsidenten regionaler Notenbanken gegen den Kurs der Mehrheit gestimmt und eine Anhebung verlangt – so viele wie seit 2016 nicht mehr. Mehrere andere signalisierten danach, sie seien zu einem Schritt bereit, falls die Inflation nicht deutlich zurückgehe. Das geschah nicht.
Der bevorzugte Inflationsindikator der Fed, der Preisindex für persönliche Konsumausgaben, lag im Juni und Juli jeweils bei 3,7 Prozent. Die Kerninflation betrug 3,3 Prozent. Vor dem Beginn des Krieges im Iran und dem Anstieg der Energiepreise hatte sie noch bei 3 Prozent gelegen.
Die Verbraucherpreise lagen im August bei 3,4 Prozent. Der monatliche Anstieg von 0,4 Prozent war allerdings der stärkste seit Mai – ein Zeichen dafür, dass der Energieschock durchschlägt. Die Inflation liegt inzwischen seit mehr als fünf Jahren über dem Zielwert von zwei Prozent.
Warsh hatte sich faktisch schon im August auf eine straffere Linie festgelegt. Beim Notenbanker-Treffen in Jackson Hole sagte er, es falle ihm schwer, die allgemeinen Finanzierungsbedingungen als „restriktiv“ zu bezeichnen. Falls die zugrunde liegende Inflation nicht „klar und mit ausreichender Geschwindigkeit“ auf das Ziel zusteuere, habe die Fed „noch Arbeit vor sich“.
Die Märkte nahmen ihn beim Wort. Das FedWatch-Tool der Terminbörse CME sah die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung schon vor der Sitzung bei über 90 Prozent.
Warsh stellt sich gegen den Präsidenten, der ihn ins Amt holte
US-Präsident Donald Trump hatte monatelang das Gegenteil gefordert. Die Vereinigten Staaten sollten seiner Ansicht nach die weltweit niedrigsten Zinsen haben. Warsh holte er auch in der Erwartung ins Amt, dass dieser genau das durchsetzen würde.
Im Ringen um den Job erklärte Warsh selbst, die Zinsen könnten gesenkt werden.
Die Vorgeschichte erhöhte den Druck zusätzlich. Vorgänger Jerome Powell war öffentlich dafür angegriffen worden, zu langsam zu handeln. Das US-Justizministerium leitete zudem ein Strafverfahren wegen einer Aussage ein, die er vor dem Kongress gemacht hatte.
Die heutige Entscheidung könnte auch die wahrgenommene Unabhängigkeit der Federal Reserve als Institution wieder festigen.
Die technischen Details deuten darauf hin, dass sich die Fed zunächst auf dem neuen Zinsniveau einrichtet.
Ab Donnerstag steigt der Zins auf Reserven auf 3,90 Prozent, der sogenannte Primary-Credit-Satz auf 4 Prozent. Laufende Repo-Geschäfte werden ebenfalls zu 4 Prozent abgewickelt. Sieben regionale Federal-Reserve-Banken hatten die Anhebung des Diskontsatzes beantragt.
Die neue Zinsprojektion („Dot Plot“) der Fed zeigt: zwölf von 18 Entscheidungsträgern rechnen bis Jahresende mit einer weiteren Anhebung um 0,25 Prozentpunkte auf 4,125 Prozent. Vier gehen von einem Anstieg bis 4,375 Prozent aus.
Das signalisiert eine insgesamt straffere Linie weit über 2026 hinaus. 14 Mitglieder erwarten, dass der Leitzins Ende 2027 über dem heutigen Niveau liegt. Für 2028 liegt der Median bei 3,9 Prozent, verglichen mit bislang 3,4 Prozent.
Auch der langfristige Gleichgewichtszins steigt auf 3,2 Prozent. Das deutet darauf hin, dass die Verantwortlichen zunehmend davon ausgehen, dass der neutrale Zins höher liegt. Viele Ökonominnen und Ökonomen rechnen damit, dass weitere Anpassungen folgen.