Apple-Chef Tim Cook ruft dazu auf, öfter nach draußen zu gehen statt aufs Handy zu starren. Vielen Nutzern fällt dabei die Ironie sofort auf.
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Gefühlt erscheint jede Woche eine neue Studie zu den negativen Folgen der Technik. Zugleich erinnern uns Alltagsszenen daran, wie bedrückend abhängig wir von unseren Geräten geworden sind.
Smartphones sorgen nicht nur für Stress – Studien zeigen, dass übermäßige Bildschirmzeit direkt zu Isolation, Depression, Angstzuständen, Schlaflosigkeit und weiteren Beeinträchtigungen von Lern- und Merkfähigkeit beiträgt.
Die Gefahren von Bildschirmzeit für Kinder und Jugendliche sind inzwischen breit anerkannt. Immer mehr EU-Länder führen zum Beispiel Smartphone-Verbote an Schulen ein. Kein Wunder: Weitere Studien zeigen, dass Smartphones das Selbstwertgefühl senken, Aggressionen fördern und sogar Suizidgedanken bei Kindern auslösen können.
Ausgerechnet vom Apple-Chef Tim Cook kommt nun die jüngste „Erkenntnis“: Er ruft zu einer Scroll-Pause auf.
Im Interview mit „Good Morning America“ sprach der fünfundsechzigjährige Manager darüber, wie wichtig der Kontakt zur Welt jenseits des Displays ist.
„Ich will nicht, dass die Menschen sie zu viel benutzen“, sagte Cook über die Smartphones seines Konzerns. „Ich will nicht, dass Menschen mehr auf das Smartphone schauen als in die Augen anderer; als würden sie endlos scrollen. So sollte man seinen Tag nicht verbringen. Geht raus in die Natur.“
Klingt nach gutem Rat, wenn man frühem geistigem Abbau vorbeugen will. Doch wenn ausgerechnet der Hersteller der Doomscrolling-Geräte zum Aufhören mahnt, schreiben sich die Witze von allein. Es wirkt ein wenig, als würde ein Dealer davor warnen, abhängig zu werden ...
Das Gespräch lief Anfang des Monats im US-Fernsehen und verbreitet sich inzwischen in den sozialen Medien. Es zeigt einmal mehr, wie sehr wir in einem Teufelskreis stecken.
Eine Auswahl der Reaktionen:
Das Interview war Teil der „Feierlichkeiten“ zum fünfzigsten Jahrestag von Apple. In dem GMA-Beitrag blickte Cook auf die aus seiner Sicht größten Momente des Unternehmens zurück – vom angeblichen „Neuerfinden“ der Musik bis zur massenhaften Verbreitung des Smartphones.
Viele Nutzerinnen und Nutzer weisen darauf hin, dass das Interview am selben Tag ausgestrahlt wurde, an dem Apple Werbung in Apple Maps ankündigte. Sie erinnern daran, dass der Mann, der die Smartphone-Ökonomie mit aufgebaut hat, weiter genau an dem System verdient und feilt, das die negativen Folgen überhaupt erst erzeugt.
Außerdem verweisen manche darauf, dass Cook als Verbündeter von Donald Trump gilt, dem er im vergangenen Jahr eine eigens angefertigte Glasplakette mit goldener Basis überreichte. Vor Kurzem nahm er im Weißen Haus an einer privaten Vorführung von Melania teil. Seine „log off and touch grass“-Ratschläge kommen zu einem Zeitpunkt, an dem viele mehr Transparenz verlangen ...
Für sich genommen ist Cooks Vorschlag vernünftig, und alle sollten aufmerksam auf ihre Smartphone-Nutzung achten. Wenn solche Lebensweisheiten jedoch von jemandem kommen, der im September die nächste Generation von iPhones vorstellen dürfte – darunter wohl auch das erste faltbare Modell –, wirkt der Appell schnell wie dünn verpacktes Tugendsignal in eigener PR-Sache.
Der Alarm kommt aus dem eigenen Haus. Vielleicht würde Cooks Rat erst dann wirklich zählen, wenn Apple nicht jedes Jahr massenhaft neue iPhones auf den Markt werfen würde, sondern die Geräte so überarbeitete, dass sie weniger süchtig machen. Erst dann ließe sich von echter Einsicht sprechen.
Ich gehe offline.