Das Bühnenbild des verspielten Programmteils der Tour zu „Debí tirar más fotos“ erinnert an die Bauten von Humacao im Osten Puerto Ricos, einer Stadt mit langer antikolonialer Tradition.
Der gesellschaftliche Aufreger dieser Woche dreht sich diesmal um die Kontroverse rund um das große Phänomen der spanischsprachigen Musik. Gemeint ist natürlich die Casita von Benito Martínez Ocasio, Bad Bunny: ein Teil seiner Show, in dem mehrere Prominente – bis vor Kurzem überwiegend Frauen – live vor den Kameras tanzen.
Konservative Feministinnen wie Paula Fraga kritisieren diesen Auftritt. Sie fragen, ob die dort zu sehenden weiblichen Gäste – etwa Marta Ortega oder Ester Expósito – zu bloßen Objekten gemacht werden. Journalistinnen wie Ana Requena oder Alejandra Martínez nehmen ihn dagegen in Schutz. Ihrer Ansicht nach gibt es ein Interesse daran, die Widersprüche des Feminismus herauszustellen, um ihn politisch auszuschlachten – und zwar besonders in Bezug auf die Frauen, die zu den Konzerten eines Genres gehen, das noch immer, wenn auch zunehmend weniger, als minderwertig gilt: Reggaeton.
Im Zentrum der Debatte steht eigentlich das Gebäude selbst. Und wie jedes Detail des Tour-Projekts „Debí tirar más fotos“ trägt auch dieses Haus eine starke, politisch aufgeladene Botschaft zur boricua‑, also puerto-ricanischen Identität.
Die Antilleninsel gehört als nicht assoziierter Freistaat zu den Vereinigten Staaten – ein Thema, das Bad Bunny in den Songs von „DTMF“ und in seinen öffentlichen Auftritten immer wieder aufgreift. In der Praxis bedeutet das, dass ihre Bürgerinnen und Bürger weniger Rechte haben als US‑Amerikaner in einem Bundesstaat: Sie dürfen bei Präsidentschaftswahlen nicht abstimmen, sie haben keine stimmberechtigte Vertretung im Kongress, und mehrere Aktivistinnen und Aktivisten für die Unabhängigkeit der Insel sind im Gefängnis gelandet.
Von den indigenen Gemeinden zur Sklavenarbeit der Zuckerindustrie
Wie „Architectural Digest“ erklärt, basiert das Bühnenhaus auf einem realen Wohnhaus in Humacao, einer Stadt an der Ostküste Puerto Ricos, wo der Kurzfilm mit dem gleichen Titel wie das Album gedreht wurde. Die Hymne der Gemeinde macht deutlich, wie eng ihre Geschichte mit den ursprünglichen Bewohnern der Insel, den Taíno, verbunden ist – und mit der Diaspora und Versklavung der afrokaribischen Bevölkerung bis ins 19. Jahrhundert.
Das heutige Humacao wurde im Jahr 1722 auf den Ruinen des alten Macao gegründet, von Siedlern von den Kanarischen Inseln und jíbaro‑Taíno, die aus der Bergregion im Inselinneren stammten. Die Stadt trägt den Namen Jumacao, eines der letzten indigenen Anführer, die gegen die Spanier kämpften. Seine Nachfahren hielten diese kämpferische Tradition auch nach der Ankunft der Kanarier lebendig und protestierten gegen die Neuverteilung des Ackerlandes.
Wegen der relativen Abgeschiedenheit bis ins 18. Jahrhundert entwickelte sich in Humacao eine eigenständige Architektur. Der Stadtgrundriss folgt zwar dem von den Leyes de Indias vorgegebenen Raster aus zentralem Platz und Kirche – wie die Historikerin Norma Medina beschreibt –, doch die Bewohnerinnen und Bewohner bauten weiterhin mit Materialien wie Stroh, Dachziegeln und heimischem Holz.
Erst im 19. Jahrhundert hielten Elemente des europäischen Neoklassizismus Einzug, etwa Mauerwerksbauten. Möglich machte das auch der Aufschwung des Zuckerhandels, der auf schwarzer Sklavenarbeit beruhte und sich nicht nur auf Puerto Rico beschränkte. Dieser Stil prägte bald öffentliche Gebäude wie Rathaus, Gefängnis, Kaserne oder Friedhof.
Am 22. September 1898 ging Humacao von der spanischen in die US‑amerikanische Kolonialverwaltung über. Zeitgenössische Spanier sprechen vom „Desastre del 98“, ausgelöst durch den Verlust weiterer Kolonien wie den Philippinen und schließlich Kuba. Dieser Einschnitt veränderte den Status quo der Insel, die bis heute nie völlig unabhängig geworden ist, und beeinflusste auch ihre architektonische Entwicklung.
Aus dieser Mischung aus taínischer, hispanischer, afrokaribischer und US‑amerikanischer Geschichte schöpft die Schöpferin der Casita, Mayna Magruder Ortiz, ihre Inspiration. So erkannte sie, dass in den Bauten von Humacao weit mehr steckt als nur die Kulisse für den Spielfilm, den Bad Bunnys Team ursprünglich drehte.
Wie „AD“ berichtet, ließ sie sich für die Neuinterpretation des Hauses aus dem Musikvideo von jenen Gebäuden inspirieren, die das Erbe des 19. Jahrhunderts aufgreifen und zugleich die Siedlungen US‑amerikanischer Auswanderer der 1950er‑Jahre prägen. Konkret orientiert sich die Struktur – gebaut von dem Team um Rafael Pérez – an einem Haus der weißen Gemeinde von Levittown in Toa Baja, der ersten geplanten Siedlung für Veteranen des Zweiten Weltkriegs auf der Insel. Eine Fusion in der Fusion.
Auch die Inneneinrichtung greift auf karibische Stücke und Werke puerto-ricanischer Künstler zurück, etwa von Lorenzo Homar – Mitbegründer des Centro de Arte Puertorriqueño nach einer ersten Schaffensphase in den USA und bekannt als „El Maestro“ – oder von Alexis Díaz, einem Künstler und Muralisten, den man nicht mit dem Baseballspieler Alexis Omar Díaz verwechseln sollte, der ebenfalls aus Humacao stammt.
Bad Bunny knüpft damit an die antikoloniale Tradition anderer puerto-ricanischer Künstler an, etwa Residente oder seine Geschwister, die Sängerin iLe und der Produzent Eduardo Cabra – alle einst Mitglieder von Calle 13. Er setzt seine Spanien‑ und Europatour noch bis Mitte Juli fort.