Durch 3D-Scanning und KI ist der Heilige Neophytos als Avatar wieder auferstanden. Er erzählt Besuchern auf Zypern nun Anekdoten und die Geschichte des Klosters aus dem 12. Jahrhundert.
Das Kloster des heiligen Neophytos liegt rund neun Kilometer nördlich von Paphos auf der Insel Zypern. Gegründet hat es der zyprische Einsiedler, Schriftsteller und Mönch Neophytos in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts.
Die Einsiedelei des heiligen Neophytos ist eines der bedeutendsten byzantinischen Denkmäler – nicht nur auf Zypern, sondern in der gesamten orthodoxen Welt. Die Höhle und das Bergkloster haben seit jeher viele Besucherinnen und Besucher angezogen. In letzter Zeit kommen jedoch viele ins Kloster, um den Heiligen zu sehen, der wieder "zum Leben erwacht" ist.
Mithilfe von 3D-Digitalisierung, künstlicher Intelligenz sowie innovativen Technologien der virtuellen und erweiterten Realität wird die Einsiedelei, also die Höhle des heiligen Neophytos, digital rekonstruiert. Der Heilige begrüßt nun die Besucherinnen und Besucher und erzählt Geschichten aus seinem Leben.
"Wir haben eine realistische Darstellung des Heiligen in seiner Einsiedelei geschaffen. Wir haben dieses Porträt genommen und ein Avatar entwickelt. Jetzt führt der Heilige die Besuchenden durch den Raum, den er selbst geschaffen hat, in dem er seine Schriften verfasste und in dem er schließlich bestattet wurde. Ich habe ein Drehbuch für die Führung geschrieben und anschließend dem Heiligen Neophytos gewissermaßen die Rolle des Guide übertragen. Es ist ein lebendiger Ort, denn das Kloster, das er gegründet hat, ist bis heute aktiv“, sagt die Kunsthistorikerin Maria Pafiti.
Signierte Ikonen aus dem 12. Jahrhundert
Eines der wichtigsten Merkmale des Bergklosters ist neben der besonderen Malerei die Tatsache, dass der Künstler namentlich belegt ist. Eine Inschrift im ersten Raum der Einsiedelei nennt Theodoros Apsevdís und das Jahr 1183. Das ist für byzantinische Werke außerordentlich wichtig und selten, denn Ikonenmaler signierten ihre Werke fast nie.
Zyprische Mönche und die Welt in 3D
Für dieses Projekt arbeitet das Labor für digitales Kulturerbe der Technologischen Universität Zypern mit dem MIRALab der Universität Genf zusammen.
Das Vorhaben ist Teil der Initiative EUreka3D-XR , die von Digital Europe finanziert wird. Das Programm entwickelt innovative Werkzeuge und Szenarien für Anwendungen der Extended Reality.
Für die Mönche bilden diese neuen Technologien eine faszinierende, aber fremde Welt. Eine der größten Herausforderungen bestand darin, die Klostergemeinschaft zu überzeugen und für eine Zusammenarbeit zu gewinnen.
"Wir mussten zuerst die kirchlichen Würdenträger überzeugen und mit ihnen zusammenarbeiten. Wir brauchten ein gemeinsames Verständnis dafür, wie wir das Material erfassen. Die Priester hatten keinerlei Bezug zu neuer Technologie. Sie waren sehr vorsichtig und voreingenommen. Sie wollten nicht, dass wir etwas aufzeichnen und die künstliche Intelligenz es anschließend verändert und in völlig anderem Licht zeigt. Also mussten wir auch die Mönche ausbilden. Wir haben gemeinsam gearbeitet, bis sie verstanden haben, was wir tun, und sie wurden später unsere Helfer“, sagt Marinos Ioannidis, Leiter des UNESCO -Lehrstuhls für digitales Kulturerbe an der Technologischen Universität Zypern - im Gespräch mit Euronews.
Neben der Einsiedelei des heiligen Neophytos umfasst das Projekt EurekaED–XR noch zwei weitere Stätten: das archäologische Museum der gallischen Stadt Bibracte im Burgund in Frankreich und die Stadtmauern von Girona in Spanien.
"Ziel von Eureka 3D-XR ist es zu zeigen, wie 3D-Digitalisierung den Bereich des Kulturerbes unterstützen kann. Es geht um den Zugang zu Daten, damit Denkmäler für Studierende, Forschende und natürlich für Bürgerinnen und Bürger interessanter werden. Die Einsiedelei des heiligen Neophytos ist für uns ein besonderer Fall. Sie ist sehr wichtig, weil sie die physische mit der virtuellen Welt verbindet. Zugleich schafft sie eine Verbindung zu unserer Gefühlswelt, zu einem Teil von uns, der weder materiell noch digital ist. Das ist die spirituelle Dimension unseres Lebens“, sagt Antonella Fresa, Vizepräsidentin des Photoconsortium und Koordinatorin von EUreka 3D-XR.
Noch vor wenigen Jahren hätte die Verbindung von Religion, künstlicher Intelligenz und 3D-Digitalisierung in Griechenland und Zypern eher Verwunderung und wohl auch Widerstand ausgelöst. Heute kann Technologie jedoch wahre "Wunder" vollbringen – und warum sollte sie nicht Gestalten und Geschichten der Kirche einem breiteren und jüngeren Publikum näherbringen?
Digital Heritage Summit 2026
Limassol war Gastgeber des Gipfels zur digitalen Kulturerbe-Forschung, des Digital Heritage Summit 2026. Daran nahmen einige der wichtigsten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in den Bereichen digitales Kulturerbe und künstliche Intelligenz teil, dazu Archäologinnen und Archäologen, Museologinnen und Museologen sowie Vertreterinnen und Vertreter der UNESCO, von Europeana und großer europäischer Universitäten.
Im Mittelpunkt der Diskussionen stand die Frage, wie Technologie unser Verhältnis zur Geschichte und zum kollektiven Gedächtnis neu definiert.
"Es kann zu Kriegen, Naturkatastrophen oder Unfällen kommen. Das bedeutet die Zerstörung von Kulturerbe. Wir wissen, was in der Ukraine geschieht. Es ist sehr wichtig, dieses Erbe zuerst zu erfassen, zu bewahren und es gleichzeitig einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Es ist entscheidend, es in digitaler Form bereitzustellen, denn digitale Technologie baut viele Hürden ab. Wer einen Internetzugang hat, kann das Material herunterladen und auf jede Information zugreifen, die auf europäischen Plattformen verfügbar ist“, sagt Anthony Cassar, Leiter der Technologie- und Experience-Development-Einheit von Heritage Malta .
EThemen waren auch der Schutz des Kulturerbes sowie die Rückführung von Antiquitäten, die illegal aus zahlreichen Ländern entfernt wurden.
Nikosia spielt in diesem Kampf eine Vorreiterrolle und arbeitet an der Rückgabe von Kultobjekten, die der Republik Zypern gehören.
"Nach der illegalen Invasion von 1974 haben wir einen sehr großen Teil unseres Kulturerbes verloren. Wir beobachten das Internet, die Märkte und Auktionen. Wenn wir etwas entdecken, das möglicherweise nicht auf legalem Weg erworben wurde, arbeiten wir mit dem Außenministerium, der Polizei und unserem juristischen Dienst zusammen. Ich möchte betonen, dass wir in den vergangenen Jahren viele Erfolge erzielt haben und zahlreiche Objekte zurückbringen konnten“, sagte Euronews Vasiliki Kassianidou, Vizeministerin für Kultur der Republik Zypern.
Der Digital Heritage Summit 2026 stand unter der Schirmherrschaft der zyprischen Ratspräsidentschaft im Rat der Europäischen Union .
Das kulturelle Erbe tritt in eine neue Ära ein. Technologien der virtuellen und der erweiterten Realität dienen nicht mehr nur der Dokumentation, sie schaffen inzwischen Erlebnisse. Über die bloße Digitalisierung von Denkmälern hinaus geht es um eine "lebendige" Interaktion mit der Vergangenheit - wie beim Avatar des Einsiedlers Neophytos.