TikTok-Trends prägen, was Jugendliche essen – von Hype-Gerichten bis Fastfood. Eine Studie zeigt: Eltern können den Einfluss der Plattform begrenzen.
TikTok entwickelt sich für Jugendliche zu einer zweischneidigen Quelle für Ernährungsratschläge. Die Plattform liefert Rezepte, Kochideen und vermeintlich gesündere Alternativen. Gleichzeitig stößt sie junge Menschen auf Diätkulturen, unrealistische Körperideale und fragwürdige Gesundheitsversprechen. Für Heranwachsende, die ihr Verhältnis zu Essen, Gesundheit und dem eigenen Körper noch formen, entsteht so ein kompliziertes Umfeld.
Eine aktuelle Studie (Quelle auf Englisch) mit Jugendlichen im Alter von fünfzehn bis sechzehn Jahren zeigt: Essens-Inhalte auf TikTok können Heißhunger auslösen, Jugendliche dazu bringen, neue Speisen auszuprobieren und in manchen Fällen sogar beeinflussen, wie sie essen – aus dem Wunsch heraus, Influencer nachzuahmen.
„Jugendliche beschrieben TikTok als eine sehr fesselnde Umgebung, in der Essens-Videos ihre Aufmerksamkeit schnell binden und den Wunsch wecken können, etwas zu essen oder Neues auszuprobieren“, sagte (Quelle auf Englisch) Studienautorin Adrianna N. Bell.
Die Ergebnisse erscheinen in einer Phase, in der Politik und Gerichte die Auswirkungen sozialer Medien auf Kinder und junge Menschen genauer unter die Lupe nehmen.
In den USA sieht sich Meta derzeit einer Klage gegenüber. Dem Konzern wird vorgeworfen, Facebook und Instagram gezielt so gestaltet zu haben, dass sie für junge Nutzer süchtig machen. In Europa steht TikTok unter anderem in der Kritik, gegen die Online-Inhaltsregeln der Europäischen Union verstoßen zu haben. Kinder könnten dadurch Cybermobbing oder dem Kontakt mit Tätern ausgesetzt sein. Zugleich arbeiten mehrere nationale Regierungen an Verboten für soziale Plattformen wie TikTok für Minderjährige.
Die neue TikTok-Forschung fügt der Debatte eine weitere Dimension hinzu: Was passiert, wenn soziale Medien nicht nur beeinflussen, wie sich Jugendliche fühlen, sondern auch, was sie essen möchten?
„Ich will das unbedingt probieren“
Die Studie untersuchte, wie Jugendliche den Einfluss von TikTok auf ihr Essverhalten wahrnehmen – und welche Rolle ihre Eltern dabei spielen.
Die Jugendlichen schilderten eine Essenswelt, in der Trends, Werbung, Rezepte, Restaurantkritiken und Influencer-Videos Neugier sehr schnell in Appetit verwandeln können.
Trendgerichte wirkten besonders stark, weil sie neu sind – und weil scheinbar alle sie ausprobieren.
„Der Grund, warum ich das Trendessen probieren will, ist, dass ich mir denke: ‚Warum wollen so viele Leute das machen, was ist so gut daran?‘ Und deshalb will ich es dann auch ausprobieren“, sagte eine der an der Studie beteiligten Jugendlichen.
Auch die Präsentation spielte eine Rolle. Ansprechend angerichtetes Essen, professionell produzierte Videos und positive Kommentare konnten Lust auf bestimmte Speisen machen. Die Jugendlichen gaben an, Kommentare zu berücksichtigen, wenn sie entscheiden, ob sie einer Empfehlung vertrauen.
Influencer waren ein weiterer wichtiger Faktor.
Eine Teilnehmerin berichtete, dass sie ihre Ernährung änderte, nachdem sie einem Influencer mit sehr muskulösem Körper folgte:
„Manchmal ändere ich dann, wie ich esse. Ich sehe Typen, die total muskulös sind und einen richtig guten Körper haben, und denke mir: krass. Dann klicke ich auf ihr Profil und schaue, was sie so essen. Und manchmal verändere ich mein Essverhalten, um das nachzuahmen.“
Der Influencer muss also nicht einmal ausdrücklich ein Produkt bewerben. Die Botschaft kann vielmehr einen Lebensstil betreffen – Essen erscheint dann als Teil des Weges zu einem bestimmten Körper oder Aussehen.
Fast Food wirkt plötzlich normal
Die Studie hebt auch die Rolle des TikTok-Algorithmus hervor.
Viele Jugendliche berichteten, dass ihre Essensentscheidungen davon abhängen, was auf ihrer personalisierten „For You“-Seite auftaucht. Wiederholte Inhalte können sogar beeinflussen, wie sie bestimmte Lebensmittel wahrnehmen.
„Ich sehe so viel Fast Food, dass ich Fast Food gar nicht als ungesund wahrnehme, obwohl es ziemlich ungesund ist“, sagte ein anderer Teilnehmer.
Diese Wahrnehmung spiegelt eine breitere Sorge über Lebensmittelmarketing in sozialen Medien wider. Studien zeigen, dass Jugendliche dort häufig mit Essenswerbung konfrontiert sind und sich von Werbung in sozialen Netzwerken stärker angezogen fühlen als von klassischen TV-Spots.
Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit mit Meta-Analyse ergab zudem: Wenn Stars und Influencer Lebensmittel mit viel Fett, Zucker und Salz anpreisen, steigen Konsum und Verzehr dieser Produkte bei Jugendlichen.
Auf TikTok ist Werbung jedoch oft schwer von Unterhaltung zu unterscheiden.
Essens-Videos können Markenwerbung sein, eine Empfehlung eines Influencers, eine Restaurantkritik, ein virales Rezept oder ein Beitrag, in dem jemand einfach einem Trend folgt. Die kommerzielle Botschaft steckt häufig in einem Clip, der wie gewöhnlicher nutzergenerierter Inhalt wirkt.
Und dann sind da noch die Eltern
Die vielleicht auffälligste Erkenntnis betrifft das, was abseits des Bildschirms passiert.
Die meisten Jugendlichen sagten, ihre Eltern hätten im Alltag kaum Einfluss auf ihre TikTok-Nutzung. Wenn Eltern sich doch einmischten, „beschrieben sie aber auch Situationen, in denen Eltern eine wichtige Rolle spielten, indem sie den Kontakt zu essensbezogenen Inhalten unterbrachen und zu kritischen Gesprächen darüber anregten“, erklärte (Quelle auf Englisch) Bell.
Manchmal hatte diese Intervention mit TikTok selbst wenig zu tun. Gemeinsame Mahlzeiten, Zeit mit Geschwistern oder einfach die Anwesenheit der Eltern konnten lange Scrollphasen unterbrechen und die Zeit mit Essens-Inhalten verringern.
Andere Jugendliche berichteten von direkterem Einfluss: Sie lernten, das Gesehene im Netz kritisch zu hinterfragen.
Eine Teilnehmerin erzählte, ihre Mutter habe ihr erklärt, dass Influencer unterschiedliche Körper und Lebensweisen haben. Wenn sie deren Ernährung kopiere, erziele sie deshalb nicht zwangsläufig dieselben Ergebnisse – eine Einsicht, die sie erst gewann, nachdem sie selbst eine auf TikTok gefundene Diät ausprobiert hatte.
„… weil TikTok mir schon in jungen Jahren gesagt hat: ‚Mach diese [Diät], dann bist du in 22 Tagen dünn‘. Und ich habe das schmerzhaft befolgt“, sagte eine Teilnehmerin.
Das deutet auf eine Form elterlicher Begleitung hin, die weniger Kontrolle und mehr Medienkompetenz beinhaltet.
Auch wenn die Studie klein und explorativ ist und 25 Jugendliche umfasst, ist die Botschaft klar: TikTok zeigt Heranwachsenden nicht nur, wie Essen aussieht. Die Plattform prägt auch, was begehrenswert, angesagt und normal wirkt.
Und manchmal reicht das, wie es eine Jugendliche ausdrückte, um zu denken: „Ich will das so sehr ausprobieren.“