Vibrio vulnificus und Streptokokkus A haben bereits Hunderte Menschen getötet. 2026 dringt Vibrio, befeuert von der Meereserwärmung, ins Mittelmeer vor und tötet seit Jahrzehnten fast unbemerkt.
Sie als „fleischfressende Bakterie“ zu bezeichnen, ist streng genommen nicht korrekt, der Spitzname beschreibt aber gut, was sie tut: Gewebe so schnell zerstören, dass Ärztinnen und Ärzte innerhalb weniger Stunden Gliedmaßen amputieren müssen.
Der populäre Begriff fasst in Wirklichkeit mehrere Bakterienarten zusammen, die eine nekrotisierende Fasziitis auslösen können – ein Krankheitsbild, bei dem Muskel- und Hautgewebe nach und nach abstirbt. Heute stehen vor allem zwei Arten im Fokus: Vibrio vulnificus aus dem Meer und Streptococcus pyogenes der Gruppe A, der von Mensch zu Mensch übertragen wird.
Vibrio-Bakterien leben in warmem, brackigem Wasser, vor allem dort, wo Flüsse ins Meer münden. Sie gelangen auf zwei Wegen zum Menschen: über offene Wunden, die mit belastetem Wasser in Kontakt kommen, oder über den Verzehr roher Meeresfrüchte, insbesondere von Austern.
Bei gesunden Menschen bleibt die Infektion meist auf Magen-Darm-Beschwerden beschränkt. Das Problem beginnt bei besonders gefährdeten Gruppen: Menschen mit Lebererkrankungen, geschwächtem Immunsystem, Diabetes oder hohem Alter. Bei ihnen kann das Bakterium innerhalb von Stunden eine Sepsis und ausgedehnte Gewebsnekrosen auslösen. Nach Angaben der US-Behörde Centers for Disease Control and Prevention (CDC) stirbt rund jede fünfte Patientin bzw. jeder fünfte Patient mit einer schweren Infektion innerhalb weniger Tage.
Streptococcus pyogenes funktioniert biologisch ganz anders. Es überträgt sich über die Atemluft oder über Wunden in der Haut, nicht über Meerwasser. In seiner gefährlichsten Form verursacht es ein streptokokkenbedingtes toxisches Schocksyndrom (STSS) mit einer Sterblichkeit von etwa 30 %.
Das Bakterium ist seit Jahrzehnten bekannt und spricht gut auf Antibiotika wie Penicillin oder Amoxicillin an. Dennoch hat die Zahl der schweren Verläufe in den vergangenen Jahren auffallend stark zugenommen. Beide Bakterien teilen sich den Spitznamen, doch ihre Übertragungswege und Risikoprofile unterscheiden sich deutlich.
Aktuelle Ausbrüche: Von Florida über das Mittelmeer bis Japan
Die jüngere Geschichte von Vibrio vulnificus in den USA ist weltweit am besten dokumentiert. Seit 1988 verzeichnet das Land mehr als 2.600 Infektionen und über 700 Todesfälle im Zusammenhang mit diesem Erreger.
Die meisten Fälle treten an der Südküste auf, besonders in Florida und Louisiana, wo das Klima ideale Bedingungen für seine Vermehrung bietet. Im Jahr 2024 löste der Hurrikan Helene im September schwere Küstenüberschwemmungen aus; die Infektionen schnellten in die Höhe: Florida meldete 82 Fälle und 19 Todesfälle, Rekordwerte nach Angaben der Behörden des Bundesstaats. Insgesamt starben dort in dem Jahr 89 Menschen an Vibrio-Infektionen, so das Gesundheitsministerium von Florida.
Auch 2025 entspannte sich die Lage nicht. Bis August zählte Florida 13 Fälle und vier Todesfälle, während Louisiana – wo der langjährige Durchschnitt selten mehr als einen Todesfall pro Jahr erreichte – 17 Krankenhausfälle und weitere vier Todesfälle meldete. Das entspricht einem Anstieg der Todesopfer um 400 % im Vergleich zu den Vorjahren.
Der bislang letzte Fall ereignete sich am 21. Juli 2025: Ein 77-jähriger Mann starb in Bay St. Louis im Bundesstaat Mississippi, nachdem er sich über einen Kratzer am Bein infiziert hatte, als er an einem Bootsanhänger arbeitete. Insgesamt kamen in den USA allein in den ersten Monaten dieses Jahres acht Menschen durch dieses Bakterium ums Leben.
In Asien verschob sich der Schwerpunkt der Sorge. In Japan stieg die Zahl der Fälle des durch Streptococcus pyogenes ausgelösten toxischen Schocksyndroms im Jahr 2023 auf 941 – ein historischer Höchststand. 2024 war diese Marke bereits nach knapp einem halben Jahr überschritten: Das Nationale Institut für Infektionskrankheiten in Japan bestätigte noch vor der Jahresmitte 977 Infektionen, mit 77 registrierten Todesfällen. Seit 1992 verzeichnete das Land jährlich zwischen 100 und 200 Fällen, weshalb die aktuellen Zahlen besonders ins Auge fallen.
Europa sieht sich vor allem mit der Meeresseite des Problems konfrontiert. Zwischen 2014 und 2017 lag die durchschnittliche Zahl der Vibrio-Infektionen auf dem Kontinent bei 126 pro Jahr. Im besonders heißen Sommer 2018 verdreifachte sich dieser Wert auf 445 Fälle, hauptsächlich in Ostseeanrainerstaaten wie Norwegen, Schweden, Dänemark, Finnland, Polen und Estland.
Im Juni 2026, zum Start des Sommers, begann eine Saison, die das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) bereits als Hochrisikoperiode einstufte. Spanien bringt eigene Erfahrungen mit: Galicien verzeichnete in den vergangenen zwei Jahrzehnten drei bedeutende Ausbrüche mit Vibrio-Arten – 64 Betroffene im Jahr 1999, 80 im Jahr 2004 und knapp 100 im Jahr 2012, jeweils im Zusammenhang mit dem Verzehr lokaler Meeresfrüchte.
Hitze als Verstärker: Wachsende Gefahr mit jedem Grad mehr
Die entscheidende Frage lautet nicht nur, wie viele Menschen bereits gestorben sind, sondern warum die Zahlen weiter steigen. Die Antwort liegt zu einem großen Teil in der Wassertemperatur. Vibrio-Bakterien gedeihen bei 20 bis 35 °C in Gewässern mit mittlerem Salzgehalt.
Solche Bedingungen beschränkten sich früher auf tropische und subtropische Küsten. Inzwischen reichen sie im Sommer in Breiten, in denen das Meer vor drei Jahrzehnten noch zu kalt für diesen Mikroorganismus war. Jan Carlo Semenza, Epidemiologe an der Universität Umeå in Schweden, hat diesen direkten Zusammenhang belegt: Steigt die Oberflächentemperatur des Meeres, nehmen die Infektionen zu.
Die Europäische Umweltagentur schätzt, dass die Meeresoberflächentemperatur in Europa zwischen dem Vier- und dem Siebenfachen schneller gestiegen ist als der globale Durchschnitt aller Ozeane. Das Mittelmeer, von der Wissenschaftsgemeinschaft als eine der verletzlichsten Regionen gegenüber der Erderwärmung eingestuft, gilt dabei als besonders geeignetes Umfeld. Und nicht nur wegen der Temperatur: Wenn Gewässer durch Hitze schrumpfen, steigt in der verbleibenden Wassermasse die Bakteriendichte – das erhöht das Risiko für die Bevölkerung.
Im Juli 2024 veröffentlichte die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) eine umfassende Risikobewertung zu diesen Bakterien und war eindeutig: Ihre Häufigkeit in Meeresfrüchten dürfte zunehmen, in Europa ebenso wie im Rest der Welt, als Folge des Klimawandels.
Diese Prognose umfasst auch eine geografische Ausbreitung der Bakterien in Küstengebiete, in denen sie heute kaum nachweisbar sind. Das ECDC hat ein Überwachungssystem entwickelt, das Satellitendaten zu Wassertemperatur und Salzgehalt nutzt und daraus Echtzeit-Risikokarten erstellt, die nationale Warnsysteme unterstützen.
Die Auswirkungen sind nicht nur gesundheitlicher Natur. Hatim Aznague, Analyst für Klimaschutz und energetische Resilienz bei der Union für den Mittelmeerraum, bringt es auf den Punkt: „Die Bakterien sind nicht die eigentliche Geschichte; sie sind die Boten. Die Geschichte ist ein Meer, das durch Hitze und Verschmutzung aus dem Gleichgewicht geraten ist.“ Eine Strandschließung in der Hochsaison bedeutet sofortige Einnahmeverluste für Hotels, Restaurants und Reiseveranstalter.
Das Mittelmeer ist die meistbesuchte Ferienregion der Welt, was die Wirkung jeder Gesundheitswarnung vervielfacht. Weltweit haben Vibrio-Infektionen seit Beginn der 2000er-Jahre um mehr als 84 % zugenommen, wie konsolidierte Daten zeigen. Wenn sich dieser Trend fortsetzt, könnte aus dem heute noch saisonalen, punktuellen Risiko bis 2050 ein strukturelles Problem der öffentlichen Gesundheit werden.