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Maduro, Merkel und ein Lastenaufzug: Wie Schlagzeilen zur Gratis-Werbekampagne werden

Angela Merkel and Nicolas Maduro waving at a political event.
Angela Merkel and Nicolas Maduro waving at a political event. Copyright  Copyright 2013 AP. All rights reserved.
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Von Maja Kunert
Zuerst veröffentlicht am Zuletzt aktualisiert
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Ein Gefangenenfoto von Nicolás Maduro macht einen Nike-Zweiteiler zum viralen Must-Have. Auch in Deutschland profitieren Unternehmen von großen Politikmomenten. Dann haben ein Lasten-Aufzug aus NRW und ein Weingut aus der Pflalz auf einmal etwas gemeinsam.

Nicolás Maduro, ein grauer Nike-Trainingsanzug – und plötzlich ist aus einem Gefangenenfoto ein globaler Mode-Moment geworden. Seit Donald Trump das Bild des gefesselten Ex-Präsidenten auf Truth Social veröffentlicht hat, berichten Medien über sprunghaft gestiegene Suchanfragen und ausverkaufte Größen in manchen Onlineshops. Unter Hashtags wie „Maduro Fit“ kursieren auf TikTok und X Anleitungen zum Nachstylen. Sporthersteller Nike schweigt bislang und könnte dennoch von der kostenlosen Aufmerksamkeit profitieren.

Deutsche Firma im Mittelpunkt eines anderen Coups

Solche ungeplanten PR-Effekte kennen auch deutsche Firmen. Beim spektakulären Einbruch in das Pariser Louvre wurde ein Lastenaufzug eines mittelständischen Unternehmens aus Nordrhein-Westfalen unfreiwillig zum Akteur des Krimis. Die Bilder des Geräts, an dem die Diebe die Fassade erklommen, liefen in Nachrichtensendungen und Social Media rauf und runter. Statt sich zu distanzieren, reagierte das Unternehmen mit ironisch gemeinter Eigenwerbung.

Unter dem Slogan „Wenn´s mal wieder schnell gehen muss“, stellte der Spezialist für Höhenzugangstechnik die Leistung des Aufzugs mal eben in den Vordergrund. In den Kommentarspalten wurde der Spot gefeiert, Geschäftsführer Alexander Böcker hat sich dennoch klar von dem Raubüberfall distanziert. „Wir haben mit den Tätern und dem Überfall wirklich nichts zu tun“, sagte er damals der Nachrichtenagentur AFP. Seine Firma habe den Aufzug bereits vor ein paar Jahren an eine französische Unternehmen verkauft, das solche Geräte vermiete. Der Mittelständler dürfte sich jedenfalls über den Imageboost gefreut haben, während das weltberühmte Museum noch immer seine Juwelen vermisst und in der öffentlichen Wahrnehmung gelitten hat.

Der Mechanismus dahinter ist nicht neu: Auch deutsche Politiker haben immer wieder unbeabsichtigt Produkten und Marken zu größerer Bekanntheit verholfen. Joschka Fischers weiße Turnschuhe (übrigens auch von der Marke Nike) bei seiner Vereidigung 1985 wurden gemeinsam mit ihrem Träger zur Ikone: Was heute niemanden mehr groß irritieren würde, galt damals als offener Affront gegen die politische Kleiderordnung. Fischer machte später Karriere bis zum Bundesaußenminister, seine Sneaker stehen inzwischen im Deutschen Schuhmuseum in Offenbach. Ein direkter Verkaufsboom für genau dieses Modell ist allerdings nicht nachweisbar.

Der damalige Außenminister Joschka Fischer präsentiert 1999 einen Laufschuh. Der frühere Grünen-Politiker und Vize-Kanzler war Langstreckenläufer.
Der damalige Außenminister Joschka Fischer präsentiert 1999 einen Laufschuh. Der frühere Grünen-Politiker und Vize-Kanzler war Langstreckenläufer. FRITZ REISS/AP

50 shades of Merkel

In der deutschen Innenpolitik wurden Looks schon oft zu Markenzeichen. Angela Merkels bunte Blazerpalette inspirierte „Pantone Merkel“-Grafiken, Memes und Merch – aus pragmatischer Garderobenwahl wurde eine Art visuelle Uniform, die bis heute mit ihrem Politikstil verknüpft wird. Gerhard Schröders Vorliebe für Brioni-Anzüge prägte das Bild vom „Brioni-Kanzler“ und machte die italienische Marke hierzulande zum Gesprächsthema. Auch in der Popkultur wurde das aufgegriffen. Die Toten Hosen spielen in ihrem Lied „Kanzler sein …“ (2002) auf Schröders Luxusanzug-Image an und singen: "Und nie mal einfach Jogging-Hose, immer nur Brioni"

Manchmal ist es nicht der Schuh oder der Anzug, sondern der Wein im Glas, der sich mit der Aura der Macht auflädt. Als Barack Obama 2013 zu einem Staatsdinner mit Angela Merkel im Schloss Charlottenburg weilte, wurden ein Riesling Sekt von Jochen Dreissigacker und ein Weißburgunder von Markus Schneider aus der Pfalz kredenzt – zwei Familienweingüter, die später betonten, wie stolz sie auf diese internationale Bühne seien. „Unsere Weine werden auf der ganzen Welt ausgeschenkt […] mit dem Abendessen im Schloss Charlottenburg sind wir unserem Ziel, auch im Weißen Haus anzukommen, ein Stück näher gekommen“, zitierte ein Berliner Weinblog die beiden Winzer; im Handel tauchte bald der Slogan auf, man könne „genießen wie Barack Obama und Angela Merkel“.

Barack Obama kostete 2013 bei seinem ersten Berlin-Besuch als US-Präsident ausgewählte Weine deutscher Familienbetriebe
Barack Obama kostete 2013 bei seinem ersten Berlin-Besuch als US-Präsident ausgewählte Weine deutscher Familienbetriebe Copyright 2013 AP. All rights reserved.

Polit-Aura als Markenschub

Der frühere Bundeskanzler und SPD-Politiker Helmut Schmidt machte durch seine Vorliebe für Mentholzigaretten die Marke Reyno White zu einem festen Bestandteil seines öffentlichen Auftritts. Die Helmut-Schmidt-Stiftung führt seine Mentholzigaretten heute als museales Objekt. 2013 erzählte Peer Steinbrück die Anekdote, der Altkanzler habe aus Angst vor einem EU-Verbot rund 200 Stangen Reyno im Keller gebunkert. Auch hier aber bleibt es in erster Linie beim Symbolwert.

All diese unverhofften PR-Momente zeigen vor allem, wie eng Bildkultur, Konsum und Politik heute verflochten sind. In den seltensten Fällen lassen sich die Effekte sauber in Umsatzkurven fassen – doch im Gedächtnis bleiben sie trotzdem.

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