Im Norden Norwegens besucht der Kanzler ein NATO-Manöver und ein Raumfahrtprojekt. Gleichzeitig verschärft der Iran-Krieg die sicherheitspolitischen Spannungen – und macht Norwegen für Deutschland wichtiger denn je.
Es ist der zweite Versuch von Friedrich Merz (CDU), nach Norwegen zu reisen. Eigentlich hätte der Bundeskanzler bereits im Dezember vergangenen Jahres nach Oslo fliegen sollen. Damals kamen jedoch Gespräche über einen möglichen Frieden in der Ukraine dazwischen.
Einen Frieden gibt es bei seinem zweiten Anlauf noch immer nicht – dafür aber einen neuen militärischen Konflikt, der Europas Staats- und Regierungschefs umtreibt: den Krieg im Iran.
Dass auch diesmal vor allem militärische Themen im Zentrum des Besuchs stehen, überrascht daher kaum.
Deshalb reist Merz am Donnerstagabend auch nicht wie ursprünglich geplant in die norwegische Hauptstadt, sondern in den Norden des Landes. Dort soll er den norwegischen Ministerpräsidenten Jonas Gahr Støre treffen. In den Gesprächen soll es vor allem um europäische Außen- und Sicherheitspolitik sowie um die Zusammenarbeit in der NATO gehen, wie der stellvertretende Sprecher der Bundesregierung, Steffen Meyer, vorab in einer öffentlichen Mitteilung erklärte.
Neben den politischen Gesprächen steht auch ein Besuch bei einem NATO-Manöver auf dem Programm.
Besuch bei NATO-Manöver "Cold Response"
Rund 1.600 Kilometer nördlich von Oslo nehmen derzeit etwa 1.200 deutsche Soldaten an der norwegischen Übung "Cold Response" ("Kalte Reaktion") teil. Insgesamt beteiligen sich rund 25.000 Soldaten aus 14 Ländern an dem Manöver, darunter die USA und Dänemark.
Trainiert wird im Rahmen der Mission "Arctic Sentry" die Verteidigung der europäischen Arktis – einer strategisch wichtigen Region, in der Norwegen und Finnland an Russland grenzen.
Das Manöver steht zugleich im Kontext geopolitischer Spannungen. US-Präsident Donald Trump hatte zu Beginn des Jahres erneut gefordert, Grönland von Dänemark zu übernehmen, da er die Insel für die nationale Sicherheit der USA als strategisch unverzichtbar betrachtet. Dänemark und Grönland lehnten dies strikt ab.
Schließlich kam es zu einer Übereinkunft, die laut Reuters mit Hilfe von NATO-Generalsekretär Mark Rutte vermittelt wurde. Die aktuelle Mission soll der Nachrichtenagentur zufolge auch dazu beitragen, Spannungen innerhalb des Bündnisses zu entschärfen.
Aus Sicht der Bundeswehr steht dennoch der militärische Zweck im Mittelpunkt. Ziel sei es, "Einsatzbereitschaft sichtbar zu machen, Partner zu verbinden und glaubwürdig Abschreckung zu demonstrieren".
Merz: Norwegen als Tor zum All
Doch Sicherheitspolitik spielt sich längst nicht mehr nur am Boden, zur See oder in der Luft ab. Auch der Weltraum gewinnt strategisch an Bedeutung.
Deshalb steht bei der Norwegen-Reise des Bundeskanzlers auch Raumfahrtpolitik auf der Agenda. Gemeinsam mit Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) und Forschungsministerin Dorothee Bär (CSU) nimmt Merz an einem runden Tisch zur Weltraumkooperation teil.
Am Freitag wollen sie zudem den Weltraumbahnhof Andøya besuchen. Dort arbeitet das deutsche Start-up Isar Aerospace seit 2023 an der Orbitalrakete "Spectrum".
Der erste Testflug im vergangenen Jahr endete bereits nach rund 30 Sekunden. Nach Angaben des Unternehmens konnten dabei dennoch wichtige Daten gesammelt werden.
Ein weiterer Test könnte bereits am 19. März folgen. Gelingt es der 28 Meter hohen Rakete dabei, die sogenannte Kármán-Linie in mehr als 100 Kilometern Höhe zu überschreiten, wäre das ein wichtiger Schritt für die europäische Raumfahrt.
Isar-Aerospace-Gründer Daniel Metzler sagte kürzlich, man wolle möglichst schnell den Orbit erreichen – schneller als etwa SpaceX, das dafür vier Anläufe benötigte. Intern rechnet das Unternehmen allerdings damit, dieses Ziel erst beim dritten Start zu erreichen.
Norwegens Bedeutung für Deutschlands Energieversorgung
Was den Besuch derzeit besonders heikel macht: In diesen Tagen wird deutlicher denn je, wie wichtig Norwegen für Deutschland ist. 16,6 Prozent des in Deutschland verbrauchten Rohöls stammen aus dem an Öl und Gas reichen Land. Die Lieferungen haben sich in den vergangenen fünf Jahren von 6,3 auf 12,5 Millionen Tonnen nahezu verdoppelt. Norwegen ist damit inzwischen der wichtigste Öllieferant Deutschlands – noch vor den USA.
In der aktuellen Krise um den Iran gewinnt das zusätzliche Bedeutung. Die Straße von Hormus wird weiterhin massiv bombardiert, die wichtige Route für den globalen Öltransport ist nur eingeschränkt passierbar. Die Internationale Energieagentur (IEA) teilte am Mittwoch deshalb mit, dass sich ihre Mitgliedstaaten auf die Freigabe von 400 Millionen Barrel Öl als Reaktion auf den Iran-Krieg geeinigt haben.
Es wäre die größte Notfallfreigabe in der Geschichte der Organisation – mehr als doppelt so viel wie nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine.
Der Einfluss des Iran-Kriegs reicht damit deutlich über den Nahen Osten hinaus.
Uneinigkeit über den Iran
Bei der Bewertung der Rechtmäßigkeit der Angriffe der USA und Israels sind Deutschland und Norwegen jedoch nicht vollständig einer Meinung.
Norwegens Ministerpräsident Jonas Gahr Støre verurteilte bereits am Tag der ersten US-Bombenangriffe das Vorgehen deutlich. "Die Angriffe heute Morgen und das Übergreifen des Konflikts auf Nachbarländer Irans stimmen nicht mit internationalem Recht überein", erklärte er.
Bundeskanzler Friedrich Merz formulierte am 1. März hingegen: "Völkerrechtliche Einordnungen werden relativ wenig bewirken. Das gilt umso mehr, wenn sie weitgehend folgenlos bleiben." Zugleich sagte er, dies sei nicht der Moment, "Partner und Verbündete zu belehren".
Norwegen setzt auf "totale Verteidigung"
Trotz dieser Differenzen arbeiten Deutschland und Norwegen in Sicherheitsfragen eng zusammen.
Im Juli 2025 vereinbarten Merz und Støre, die gemeinsame Überwachung des Nordatlantiks und der Nordsee zu verstärken und kritische Unterwasserinfrastruktur besser zu schützen.
Norwegen hat das Jahr 2026 zudem zum „Jahr der totalen Verteidigung“ erklärt. Ziel ist es, auch die Zivilgesellschaft stärker auf Krisen vorzubereiten.
Der norwegische General Lars Lervik sagte laut der Nachrichtenagentur "Reuters", eine Gesellschaft müsse funktionsfähig bleiben, damit das Militär seine Aufgaben erfüllen könne. Ein Szenario der aktuellen Übung soll deshalb auch testen, wie Krankenhäuser in Nordnorwegen mit einer großen Zahl von Verletzten umgehen würden.