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Vom Ort der Angst zum normalen Bahnhof - Berlinale-Doku zeigt Friedrichstraße nach dem Mauerfall

Der Film "Berlin, Bahnhof Friedrichstraße 1990" zeigt, wie der Ort vom Grenz- zum Durchgangsbahnhof wird.
Der Film "Berlin, Bahnhof Friedrichstraße 1990" zeigt, wie der Ort vom Grenz- zum Durchgangsbahnhof wird. Copyright  Deutsche Kinemathek / Lilly Grote
Copyright Deutsche Kinemathek / Lilly Grote
Von Sonja Issel & Franziska Müller
Zuerst veröffentlicht am
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Während am Brandenburger Tor die Bilder des Jubels Geschichte schrieben, dokumentierten vier Filmemacherinnen am Bahnhof Friedrichstraße 1990 den stillen, widersprüchlichen Alltag der Wiedervereinigung. Ein nachdenklicher, ungewöhnlicher Blick zurück in die 90er auf der diesjährigen Berlinale.

Jeder kennt die Bilder vom Brandenburger Tor am 9. November 1990: Menschen, die auf der Mauer stehen, Jubel, Geschichte im Moment ihres Entstehens. Die Szenen sind emotional, mitreißend, ikonisch - selbst für jene, die nicht dabei waren oder damals noch nicht geboren waren.

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Doch nur wenige Kilometer weiter liegt ein Ort, der für die deutsche Wiedervereinigung ebenfalls eine zentrale Rolle spielte: der damalige Berliner Grenzbahnhof Friedrichstraße. Kaum ein anderer Ort hat den rasanten Wandel des Mauerfalls so unmittelbar erlebt.

"Wir kannten beidseitig die Ängste, die Schweißausbrüche, [...] wenn man durch diese Grenze musste", erzählen die Dokumentarfilmerinnen Konstanze Binder und Lilly Grote. Der Bahnhof Friedrichstraße wurde Ausgangspunkt ihres Films.

Was dort innerhalb eines halben Jahres geschah, haben die Kamerafrauen Konstanze Binder, Lilly Grote, Ulrike Herdin und Julia Kunert aus Ost und West dokumentiert. Der daraus entstandene Film "Berlin, Friedrichstraße, 1990" ist spannende Beobachtung und Zeitzeugnis zugleich.

Im Rahmen der Berlinale-Retrospektive "Lost in the 90s" wurde der Film erneut gezeigt. Die beiden Regisseurinnen Lilly Grote und Konstanze Binder haben mit Euronews über die Entstehung des Films gesprochen – und über ihre eigenen Erfahrungen in dieser historischen Phase.

Perspektiven aus Ost und West

Fast 90 Minuten lang begleitet der Film das Geschehen am Bahnhof Friedrichstraße, das nach der berühmten Pressekonferenz des DDR-Regierungssprechers Günter Schabowski nie wieder dasselbe sein würde.

Die Filmemacherinnen sprechen mit Grenzkontrolleuren, Kioskverkäuferinnen und Reisenden. Sie halten fest, wie sich nur innerhalb weniger Monate nach der Grenzöffnung eine neue Realität formt.

Ost- und Westberliner haben unterschiedliche Erfahrungen am Bahnhof Friedrichstraße gemacht.
Ost- und Westberliner haben unterschiedliche Erfahrungen am Bahnhof Friedrichstraße gemacht. Deutsche Kinemathek / Lilly Grote

Gearbeitet hat das Kollektiv bewusst aus zwei Perspektiven: Lilly Grote und Konstanze Binder mit westdeutschem Hintergrund, Ulrike Herdin und Julia Kunert mit ostdeutscher Erfahrung. Diese unterschiedlichen Blickwinkel prägen den Film.

"Wir hatten alle unterschiedliche Blickwinkel auf das Geschehen, unterschiedliche Erfahrungen mit der Grenze", sagt Konstanze Binder im Gespräch mit Euronews. "Für die Leute aus der DDR war das eine wesentlich existenziellere Veränderung. Aus unserer Erfahrung heraus war der Bahnhof der Ort, der das alles zusammenhält - diese unterschiedlichen Perspektiven."

Auch in der Zusammenarbeit mit ihren Kolleginnen sei der Unterschied spürbar gewesen, erklärt Binder: "Beide Seiten sprechen Deutsch, aber die deutsche Sprache ist hier mit unterschiedlichen Erfahrungen belegt".

Bahnhof Friedrichstraße: Ein Ort der Angst

Für viele war der Bahnhof Friedrichstraße über Jahrzehnte jedoch eher ein Ort der Angst. Auch deshalb entschieden sich die Regisseurinnen bewusst für diesen Drehort und nicht für symbolisch aufgeladene Orte wie den Checkpoint Charlie.

"Wir kannten beidseitig die Ängste, die Schweißausbrüche, dass man, wenn man durch diese Grenze musste, sich sofort unbehaglich fühlte, beobachtet fühlte. Dieses Gefühl von beiden Seiten - von Ost nach West und umgekehrt - war der Ausgangspunkt. Es war klar: Wir drehen am Bahnhof Friedrichstraße."

Schon der Beginn des Films unterstreicht diese Atmosphäre: Ein Zug fährt langsam am Bahnhof ein, die Musik ist angespannt, fast bedrohlich.

Historisch war der Bahnhof eine Art "Nadelöhr" für das geteilte Deutschland. In Ost-West-Richtung lag hier der letzte Halt vor West-Berlin. Nach dem Mauerbau im August 1961 wurde der Durchgangsbahnhof zum Grenzübergang. Der Abfertigungspavillon ist bis heute erhalten – wegen der vielen Abschiede bis 1989 trägt er den Namen "Tränenpalast".

Exemplarisch für die Bedrohlichkeit dieses Ortes vor dem Mauerfall steht eine Szene zu Beginn des Films: Ein Musiker wird auf dem Weg in den Westen von Grenzbeamten herausgezogen und verhört – sein Cello habe "zu viele Saiten". "Ich habe Angst", erzählte er im Film. Sein Pass wurde vorübergehend einbehalten.

Die Grenzhäuschen: erst Nadelöhr dann abgebaut

Neben den Menschen rücken jedoch vor allem die Grenzkontrollhäuschen ins Zentrum des Films. Sie stehen für die Jahrzehnte der Teilung – und für deren Ende. Die Kamera zeigt, wie sie nach und nach an Bedeutung verlieren und schließlich abgebaut werden.

Mit ihnen verschwindet aber auch die Rolle jener, die dort gearbeitet haben.

Zu Beginn wird ein Grenzbeamter stramm in Uniform interviewt. Sachlich spricht er über die Anforderungen seines Berufs, über Sorgfalt und Verantwortung bei der Passkontrolle. Im Verlauf des Films jedoch wird sein Arbeitsplatz Stück für Stück demontiert. Am Ende bleibt nur Staub - über den Reisende hinweggehen, als hätte es die Kontrollstelle nie gegeben.

Grenzhäuschen gab es am Ende nicht mehr, doch so richtig gefeiert hat am Bahnhof Friedrichstraße niemand.
Grenzhäuschen gab es am Ende nicht mehr, doch so richtig gefeiert hat am Bahnhof Friedrichstraße niemand. Deutsche Kinemathek / Lilly Grote

"Da ist ganz viel Staub, der wird weggekehrt. Und im selben Moment kommt die erste S-Bahn an. Die Leute gehen einfach rüber - man sieht, die Geschichte ist in diesem Moment schon vergessen, dass dort einmal ein Grenzhäuschen stand", erklärt die Regisseurin Lilly Grote. "Das ist ein Sinnbild für den ganzen Bahnhof."

Später zeigt der Film zwei Männer in legerer Kleidung, die beim Abbau eines solchen Häuschens helfen. Sie rauchen, sitzen zusammengesunken. Früher standen sie hier ebenfalls in Uniform, aufrecht und mit klarer Rolle. Von dieser offiziellen Haltung ist wenig geblieben. Ihren Arbeitsplatz haben sie gewissermaßen selbst abgetragen.

Von der Hoffnung zur Ernüchterung

Der Film wurde seinerzeit auch kritisiert, erzählt Lilly Grote – weil er nicht ausschließlich die Euphorie der Wende zeigte. "Es war nicht dieses jubelnde: toll, toll, toll, wir haben jetzt alles überwunden. Der Film drückt eigentlich schon die Stimmung aus, die wir heute haben."

Viele Menschen äußern im Film Hoffnung auf eine bessere Zukunft, die Zeit der Mauer wurde von einem Passanten als "Knast" beschrieben. Einige Ostdeutsche berichten jedoch auch von Sorgen: Angst vor Arbeitslosigkeit, Erfahrungen von Arroganz oder Abwertung.

Rückblickend sieht Grote darin auch eine Verbindung zur heutigen politischen Stimmung. "Die Hoffnungen sind für viele in der DDR sehr enttäuscht worden. Das merkt man, das spürt man."

Mit Blick auf die Wiedervereinigung sagt sie, man sei nicht automatisch zusammengewachsen. "Wir müssen uns bemühen. Es ist nicht so, dass man sagen kann, es ist alles gelungen."

Es brauche weiterhin Gespräch und Verständigung. Man müsse sich erklären, miteinander reden, diskutieren und zusammenkommen. Unterschiedliche Erfahrungen mit derselben Sprache erzählten oft verschiedene Hintergründe – und das sei bis heute spürbar.

Gefragt, wen sie heute am Bahnhof Friedrichstraße interviewen würde, sagt Grote, sie interessiere der Ort weiterhin als Durchgangsbahnhof – etwa Züge wie der frühere Paris-Moskau-Express, die gen Osten weiterführen, dorthin, wo heute erneut eine Art Grenze verläuft, zwischen Russland und Europa.

"Das interessiert mich als Bild in beide Richtungen. Der Bahnhof als Ort des Aufbruchs. Wir träumen ja alle von Bahnhöfen, von Zügen, die weit wegfahren – morgens in Paris ankommen, einen Kaffee trinken am Gare du Nord. Das hat etwas Zeitloses."

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