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Judenrazzia in Paris: Verschollene Fotos zeigen ahnungslose Opfer der Nazis

Ausstellung "Gesichter der Erinnerung: Die Bilder der Razzia des grünen Zettels“ in Berlin.
Ausstellung "Gesichter der Erinnerung: Die Bilder der Razzia des grünen Zettels“ in Berlin. Copyright  Euronews
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Von Maja Kunert & Donogh McCabe
Zuerst veröffentlicht am
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85 Jahre nach der ersten großen Razzia gegen Juden im besetzten Paris zeigt eine Ausstellung in der Berliner Französischen Botschaft 98 Fotografien, die jahrzehntelang verschollen waren. Für die 91-jährige Shoa-Überlebende Liliane Ryszfeld ist der Fund besonders bedeutsam.

Es war ein unscheinbares, grünes Stück Papier. Wer den Zettel im Mai 1941 in Paris erhielt, sollte sich am 14. Mai an einer Turnhalle einfinden, angeblich zur Klärung seiner Aufenthaltsgenehmigung. Was folgte, war keine Behördenformalität. Es war die erste große Razzia gegen Juden im von Deutschland besetzten Frankreich: die sogenannte Rafle du "billet vert", die Razzia des grünen Zettels.

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Auf Befehl von SS und Gestapo verhaftete die französische Polizei an diesem Tag etwa 3.800 jüdische Männer, die meisten aus Polen und Tschechien. Sie wurden in die Lager Pithiviers und Beaune-la-Rolande gebracht. Rund 700 gelang die Flucht. Die übrigen, etwa 3.100 Männer, wurden im Juli 1942 nach Auschwitz-Birkenau deportiert und dort ermordet. Die kollaborierende Vichy-Regierung hatte die Festnahme und Internierung ausländischer Juden bereits kurz nach dem deutschen Einmarsch im Juni 1940 gesetzlich ermöglicht.

Zum 85. Jahrestag dieser Razzia sind die Gesichter der Verhafteten, aber auch der Täter und Helfer, nun erstmals zu sehen, in einer Ausstellung in der Französischen Botschaft in Berlin, die am 11. Mai 2026 eröffnet wurde.

Auf Befehl von SS und Gestapo verhaftete die französische Polizei in Paris etwa 3.800 jüdische Männer und verschleppte sie.
Auf Befehl von SS und Gestapo verhaftete die französische Polizei in Paris etwa 3.800 jüdische Männer und verschleppte sie. Mémorial de la Shoah

98 Fotos waren 80 Jahre lang verschwunden

Auf den Bildern sind Männer in Anzügen zu sehen, mit Hüten, manche mit Koffern, manche ohne. Einige schauen direkt in die Kamera, andere blicken weg. Die Fotos zeigen keine anonyme Gruppe, sondern einzelne Menschen.

Der Mann hinter der Kamera war Harry Croner, ein Berliner Fotograf, der 1940 zur Wehrmacht eingezogen worden war und über seinen Vater selbst jüdischer Herkunft war. Der Leiter des "Judenreferats" der Gestapo in Paris, SS-Hauptsturmführer Theodor Dannecker, beauftragte ihn mit der Dokumentation der Razzia. 98 Aufnahmen entstanden. Danach verschwanden die Bilder für mehr als 80 Jahre.

2020 wurden sie wiederentdeckt und vom Mémorial de la Shoah in Paris angekauft, erforscht und analysiert. Lior Lalieu, Leiterin der Fotothek des Mémorial de la Shoah, untersuchte das Konvolut und verfasste Bildlegenden, die die historische und persönliche Dimension der Razzia einordnen. Ihr gemeinsam mit Jean-Marc Dreyfus verfasstes Buch La Rafle du "billet vert" erschien im April 2026. Am 10. Mai 2026 zeigte das Mémorial alle 98 Bilder erstmals öffentlich in Paris, einen Tag später waren sie in Berlin zu sehen.

Croner wurde wegen seiner jüdischen Herkunft nach 18 Monaten als "wehrunfähig" eingestuft. 1944 wurde er in einem Arbeitslager an der französischen Kanalküste interniert, 1945 geriet er in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Nach seiner Freilassung kehrte er nach Berlin zurück und wurde Presse- und Theaterfotograf. Er starb 1992 in Berlin.

Die Ausstellung ist für die 91-jährige Shoah-Überlebende Liliane Ryszfeld ein wichtiger Beitrag zur Erinnerungsarbeit.
Die Ausstellung ist für die 91-jährige Shoah-Überlebende Liliane Ryszfeld ein wichtiger Beitrag zur Erinnerungsarbeit. Euronews

"Diese Razzia war der Auslöser all meiner Albträume"

Liliane Ryszfeld ist 91 Jahre alt und für die Ausstellungseröffnung aus Paris nach Berlin gereist. Als die Razzia stattfand, war sie sechs. Sie begleitete ihre Mutter zum Kommissariat in Vincennes, wo ihr Vater Mosjez Stoczyk vorgeladen worden war. Er stammte aus Warschau, liebte Frankreich und hatte sich 1939 freiwillig zur Armee gemeldet. Nach der Vorladung kehrte er nie nach Hause zurück. Er wurde in Pithiviers interniert, im Juni 1942 nach Auschwitz-Birkenau deportiert und dort ermordet.

"Die Razzia des grünen Zettels hat mein Leben für immer verändert. Mein Vater wurde vorgeladen, und ist nie mehr nach Hause zurückgekehrt", sagt Ryszfeld. "Die wiedergefundenen Fotos sind für mich ein weltbewegendes Ereignis. Diese Razzia war der Auslöser all meiner Albträume."

In der Ausstellung sprach sie auch über eine Erinnerung, die erst vor wenigen Jahren zurückkam: "Ich hatte eine blaue Kleidung, mit Smocks und Fantasien auf einem Kleid, und diese Erinnerung kam mir 80 oder 85 Jahre später zurück." Es war die Kleidung, die sie als kleines Mädchen trug, als sie zum letzten Mal mit ihrem Vater zur Polizei ging.

Am Abend vor der Eröffnung hatte Ryszfeld mit Berliner Schülern gesprochen. "In Deutschland bei jungen Menschen zu sein, lässt mich auf eine friedliche Zukunft für die kommenden Generationen hoffen. Denn ich habe so sehr gelitten." Zur Ausstellung sagt sie: "Alle Fotos haben einen Sinn, und vor allem sind sie unsere Erinnerung. Unsere Erinnerung und vielleicht auch unsere Zukunft."

Mahnung und Verpflichtung, auch heute

Die Ausstellung ist auch auf die Gegenwart bezogen. Rüdiger Mahlo, Repräsentant der Claims Conference in Europa, sagte bei der Eröffnung: "Es ist wichtig, die Ausstellung zu zeigen, weil wir heute den Beginn einer Ausgrenzung der Juden aus der Gesellschaft sehen." Er verweist auf jüdische Schüler, die normale Schulen verlassen, und auf jüdische Studenten, die Universitäten meiden. "Und das ist alles ein Beginn, der uns sehr sorgt."

Für Mahlo ist Erinnerung Teil des heutigen gesellschaftlichen Lebens: "Was wir hier heute sehen, sind Beginne, die es auch damals gegeben hat."

Auch der französische Botschafter in Deutschland, François Delattre, betont die Bedeutung von Archiven und Forschung: "Während Geschichtsverfälschung in Europa und darüber hinaus stark zunimmt, ist es heute wichtiger denn je zu betonen, dass unser kollektives Gedächtnis auf Archiven, Zeugenaussagen und unabhängiger historischer Forschung beruhen muss."

Rüdiger Mahlo ist seit 2014 Repräsentant der Claims Conference in Europa.
Rüdiger Mahlo ist seit 2014 Repräsentant der Claims Conference in Europa. Euronews

Die Claims Conference: 75 Jahre im Dienst der Überlebenden

Hinter der Ausstellung steht die Conference on Jewish Material Claims Against Germany, kurz Claims Conference. Sie wurde 1951 von Vertretern von 23 internationalen jüdischen Organisationen gegründet und setzt sich für Entschädigungen für Holocaust-Überlebende ein. Außerdem verteilt sie Mittel an Einzelpersonen und Organisationen und unterstützt die Rückgabe jüdischen Eigentums, das während des Holocaust geraubt wurde.

Seit Beginn der Verhandlungen mit der Bundesregierung 1952 wurden mehr als 90 Milliarden US-Dollar an Entschädigungsleistungen ausgezahlt. Allein 2024 zahlte die Claims Conference mehr als 535 Millionen US-Dollar an über 200.000 Überlebende in 83 Ländern aus. Zusätzlich stellte sie mehr als 888 Millionen US-Dollar für über 300 soziale Hilfsorganisationen weltweit bereit. Diese unterstützen Überlebende mit häuslicher Pflege, Lebensmitteln und Medikamenten.

Die Claims Conference versteht sich auch als Hüterin der Erinnerung. Mahlo sagt dazu: "Wir werden es nicht ersetzen können, sondern wir werden versuchen müssen, Mittel zu finden, um das, was wir von der Shoah wissen, auf die nächsten Generationen zu übertragen, damit sie sich nicht wiederholt."

Die im Auftrag der Propaganda-Kompanie der deutschen Wehrmacht entstandenen Bilder dokumentieren die ersten Verhaftungen ausländischer Juden.
Die im Auftrag der Propaganda-Kompanie der deutschen Wehrmacht entstandenen Bilder dokumentieren die ersten Verhaftungen ausländischer Juden. Euronews

Ein europäisches Erinnerungsprojekt

Die Ausstellung "Gesichter der Erinnerung: Die Bilder der Razzia des grünen Zettels" ist ein Projekt europäischer Zusammenarbeit. Beteiligt sind die Claims Conference, die Französische Botschaft in Deutschland, das Mémorial de la Shoah in Paris sowie die französische Kommission für die Restitution von Kulturgütern und die Entschädigung der Opfer antisemitischer Enteignungen, CIVS.

Jacques Fredj, Direktor des Mémorial de la Shoah, richtet mit der Ausstellung einen Appell an die Öffentlichkeit: "Ihre Archive haben einen Wert, vertrauen Sie sie uns an und tragen Sie zur Bewahrung der Geschichte der Shoah bei."

Die Ausstellung ist bis zum 9. Juli 2026 in Berlin zu sehen. Liliane Ryszfeld sagt: "Während unsere Generation nach und nach verschwinden wird, hoffe ich, dass trauernde Familien noch weitere Dokumente finden, damit die ganze Wahrheit ans Licht kommt."

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