Newsletter Newsletters Events Veranstaltungen Podcasts Videos Africanews
Loader
Finden Sie uns
Werbung

Die wahre Geschichte von Bad Bunnys „La Casita“: Kolonialismus, Sklaverei, Widerstand

Foto der Bühne „La Casita“ von Bad Bunny.
Bild der Bühne „La Casita“ von Bad Bunny. Copyright  Copyright 2025 The Associated Press. All rights reserved
Copyright Copyright 2025 The Associated Press. All rights reserved
Von Javier Iniguez De Onzono
Zuerst veröffentlicht am Zuletzt aktualisiert
Teilen Kommentare
Teilen Close Button

Die verspielte Bühnengestaltung der Tour „Debí tirar más fotos“ erinnert an die Häuser von Humacao im Osten Puerto Ricos, einer Stadt mit langer antikolonialer Tradition.

Die gesellschaftliche Debatte dieser Woche dreht sich diesmal um eine Kontroverse rund um das große Phänomen der Musik auf Spanisch. Gemeint ist, natürlich, die Casita von Benito Martínez Ocasio, Bad Bunny: ein Teil seines Konzerts, in dem mehrere bekannte Persönlichkeiten – bis vor Kurzem vor allem Frauen – live vor den Kameras tanzen.

WERBUNG
WERBUNG

Konservative Feministinnen wie Paula Fraga kritisieren diesen Auftritt: Werden die anwesenden prominenten Frauen wie Marta Ortega oder Ester Expósito darin zur Ware gemacht? Journalistinnen wie Ana Requena oder Alejandra Martínez verteidigen das Format. Sie sehen ein Interesse daran, Widersprüche im Feminismus herauszustellen, um ihn zu instrumentalisieren – und vor allem, die Frauen zu stigmatisieren, die Konzerte eines Genres besuchen, das trotz wachsender Akzeptanz bis heute oft abgewertet wird: Reguetón.

Im Mittelpunkt der Debatte steht jedoch das Gebäude selbst. Es gerät leicht hinter dem ideologischen Schlagabtausch in den Hintergrund. Wie jedes Detail des Tourprojekts „Debí tirar más fotos“ hat auch dieses Haus einen stark politischen Charakter, der eng mit der boricua, also puerto-ricanischen Identität, verbunden ist.

Die Antilleninsel gehört als sogenannter „Estado Libre Asociado“ zu den Vereinigten Staaten – ein Thema, das Bad Bunny sowohl in Songs von „DTMF“ als auch in seinen öffentlichen Auftritten aufgreift. In der Praxis haben die Bewohnerinnen und Bewohner dort weniger Rechte als Bürgerinnen und Bürger eines US-Bundesstaats. Sie dürfen den Präsidenten nicht mitwählen und haben im Kongress keine Vertretung mit Stimmrecht. Mehrere Aktivisten, die sich für die Unabhängigkeit der Insel einsetzen, landeten im Gefängnis.

Von indigener Bevölkerung zur Sklavenarbeit auf den Zuckerrohrplantagen

Das Gebäude, erläutert „Architecture Digest“, orientiert sich an einem realen Wohnhaus in Humacao, einer Stadt an der Ostküste Puerto Ricos, in der der Kurzfilm zum Albumtitel gedreht wurde. Die Hymne der Gemeinde erzählt deutlich ihre Geschichte, die sowohl mit den ursprünglichen Bewohnern der Insel, den Taíno, als auch mit der Diaspora und der Versklavung der afrokaribischen Bevölkerung bis ins 19. Jahrhundert verbunden ist.

Humacao, Kind der tapferen Taíno / antillanisch durch westliches Erbe / mit den Afrikanern sind wir deine Kinder / karibisch in brüderlicher Umarmung
Miguel Correa López
Hymne der Stadt Humacao

Das heutige Humacao wurde im Jahr 1722 auf den Ruinen des alten Macao gegründet. Es waren Siedler von den Kanarischen Inseln und jíbaro-Taíno aus der Bergregion im Inselinneren. Der Ort trägt den Namen Jumacao, einer der letzten indigenen Führungspersönlichkeiten im Kampf gegen die Spanier. Seine Nachfahren hielten diese Widerstandstradition auch nach der Ankunft der Kanarier lebendig und protestierten gegen die Neuverteilung des Ackerlands.

Durch die relative Abgeschiedenheit bis ins 18. Jahrhundert entwickelte Humacao eine charakteristische Architektur. Die Stadtplanung folgt dem Raster der „Leyes de Indias“ mit der typischen Anordnung von Platz und Kirche – wie die Historikerin Norma Medina beschreibt (Quelle auf Spanisch). Doch die Bewohner bauten weiter mit Materialien wie Stroh, Dachziegeln und heimischem Holz.

Im 19. Jahrhundert hielten Elemente des europäischen Neoklassizismus Einzug, etwa massives Mauerwerk. Dazu trug auch der Boom des Zuckerhandels bei, der auf schwarzer Sklavenarbeit beruhte, und zwar nicht nur in Puerto Rico, sondern in weiten Teilen Lateinamerikas. Der neue Stil prägte öffentliche Gebäude wie Rathaus, Gefängnis, Kaserne und Friedhof.

Ab dem 22. September 1898 ging Humacao von der spanischen an die US-amerikanische Verwaltung über – ein Einschnitt, den spanischsprachige Zeitgenossen als Desastre del 98 bezeichneten, ausgelöst durch den Verlust anderer Kolonien wie der Philippinen und schließlich Kuba. Der Machtwechsel veränderte den Status der Insel, die nie vollständig unabhängig wurde, und lenkte auch ihre architektonische Entwicklung in neue Bahnen.

Aus dieser Mischung aus Taíno-, hispanischem, afrokaribischem und US-amerikanischem Erbe schöpft die Schöpferin der Casita, Mayna Magruder Ortiz, ihre Ideen. So erkannte sie das Potenzial der Bauten von Humacao weit über den Spielfilm hinaus, den das Team von Bad Bunny ursprünglich produziert hatte.

Ihre Inspiration für die Neuinterpretation des Hauses aus dem Videoclip für die Tour, so „AD“, stammt von Häusern, die das Erbe des 19. Jahrhunderts in den Siedlungen US-amerikanischer Expatriates der 1950er-Jahre weitertragen. Konkret ahmt die von einem Team unter Leitung von Rafael Pérez errichtete Struktur ein Wohnhaus der weißen Gemeinschaft in Levittown in Toa Baja nach, der ersten geplanten Siedlung für Veteranen des Zweiten Weltkriegs auf der Insel. Fusion auf Fusion.

Auch die Inneneinrichtung der Casita speist sich aus antillanischen Stücken und Werken puerto-ricanischer Künstler wie Lorenzo Homar – Mitbegründer des Centro de Arte Puertorriqueño nach einer ersten Schaffensphase in den USA und als „El Maestro“ bekannt – oder Alexis Díaz, einem Künstler und Muralisten, den man nicht mit dem Baseballspieler Alexis Omar Díaz verwechseln sollte, der ebenfalls aus Humacao stammt.

Bad Bunny knüpft damit an die antikoloniale Tradition anderer puerto-ricanischer Künstler an, etwa Residente oder seine Geschwister, die Sängerin iLe und den Produzenten Eduardo Cabra, alle einst Mitglieder von Calle 13. Seine Spanien- und Europatour läuft noch bis Mitte Juli.

Zu den Barrierefreiheitskürzeln springen
Teilen Kommentare

Zum selben Thema

Bad Bunny in Lissabon: Solange wir leben, lieben wir so viel wie möglich

Bad-Bunny-Konzerte: Polizei nimmt sechs Tickethehler fest

Bad Bunny in Barcelona: Start seiner größten Spanien-Tour des Jahres